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  • 21.05.2012
  • von Matthias Schlegel

LESESTOFF

von Matthias Schlegel

Stefan Wolter (Hg.): Geheime Aufzeichnungen eines Bausoldaten in Prora. Projekte- Verlag Cornelius GmbH, Halle 2011. 203 Seiten, 14,50 Euro.

Der 27-jährige Leipziger Uwe Rühle, verheiratet, Vater von zwei Kindern, wird im November 1982 als Bausoldat nach Prora eingezogen. Er rückt in den „Koloss von Rügen“ ein, jenen Bau, den das DDR-Militär in der von den Nazis angelegten, aber nie fertiggestellten „Kraft- durch-Freude“-Anlage als Kaserne ausgebaut hat. Rühle hat den Dienst an der Waffe verweigert: Er ist einer von rund 15 000, die in der DDR in den Jahren 1964 bis 1989 von der Möglichkeit Gebrauch machen, ihre pazifistische, meist religiös begründete Grundhaltung der Wehrpflicht entgegenzusetzen. Ein Viertel von ihnen war vermutlich in Prora stationiert. Fast alle stehen sie dem Regime kritisch gegenüber, Bausoldateneinheiten galten als Hort der „negativen Kräfte“. Den Dienst an der Waffe zu verweigern bedeutete, berufliche Nachteile und Nachstellungen durch die Staatssicherheit in Kauf zu nehmen. Rühle schreibt trotz strengen Verbots heimlich über den Kasernenalltag, über Repression, Drill, aber auch über Zugeständnisse, die den Vorgesetzten abgerungen werden. In physischer und psychischer Ausnahmesituation bewahren sich die Bausoldaten ihre Würde, ihr Zusammenhalt gibt ihnen Stärke, mit oft mühsam beherrschter Offenheit und Freundlichkeit begegnen sie den Offizieren und entwaffnen sie gleichsam auf diese Weise. Rühle schmuggelt seine schlichten, noch nicht einmal aufsässigen Aufzeichnungen aus der Kaserne. Zu Hause ordnet er sie zu einem handschriftlichen Buch, das, in ein „richtiges“ Buch eingebunden, den Weg in die Bundesrepublik findet – und dort auf Desinteresse stößt. Als der Historiker und Prora-Experte Stefan Wolter 20 Jahre nach der Wende auf den Bericht aufmerksam wird, erkennt er dessen zeitgeschichtliches Potenzial: Das nicht als Erinnerungsbuch, sondern als Erlebnisbericht verfasste Manuskript gehört eben deshalb zum Authentischsten, was über Bausoldaten und die Kaserne Prora bisher geschrieben wurde. Wolter, selbst Bausoldat in Prora, reicherte als Herausgeber das Buch mit einer kenntnisreichen Einleitung und einer einordnenden Nachlese an. Darin verweist er einmal mehr auf die vielfach vergessene oder ignorierte (er spricht von „tabuisierter“) DDR-Geschichte des Baus von Prora. Die letzten Spuren der Kasernenhistorie drohen im Zuge heutiger Nutzungen getilgt zu werden. Die einseitige und überhöhte Apostrophierung als „KdF-Bau“ überlagert das zeitgeschichtlich jüngere und bedeutsamere Kapitel des kilometerlangen Kolosses. „Eines Tages könnte es den Anschein erwecken, die zwei Generationen prägende DDR-Geschichte habe hier gar nicht stattgefunden“, schreibt Wolter. Uwe Rühle hat die friedliche Revolution in der DDR, für die auch die Bausoldaten Wegbereiter waren, nicht mehr erlebt. Mit 32 Jahren starb er Anfang 1989 nach einer Herzoperation in Leipzig. Matthias Schlegel

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