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  • 13.06.2018
  • von Paul Nachtwey

Seenotretter im Mittelmeer: "Niemand fühlt sich verantwortlich"

von Paul Nachtwey

Ein Schiff der italienischen Küstenwache legt am Rettungsschiff "Aquarius" der Nichtregierungsorganisation SOS Mediterranee an. Foto: Salvatore Cavalli/dpa

Die Abweisung eines Seenotrettungsschiffes müsse ein Einzelfall bleiben, warnt Erik Marquardt. Er arbeitet als Seenotretter auf der Sea-Watch 3. Ein Interview.

Weil das Rettungsschiff "Aquarius" nicht in Italien und Malta ankern durfte, müssen die geborgenen 629 Geflüchteten bis nach Spanien gebracht werden. Die Crew der Sea-Watch 3 befürchtet, dass sie bald vor ähnlichen Herausforderungen stehen wird. Wir sprachen mit dem Fotografen und Grünen-Politiker Erik Marquardt, der sich aktuell als Seenotretter auf dem Schiff von Sea-Watch e.V. engagiert.

Wo befinden Sie sich?

Ich bin auf der Sea-Watch 3, die sich aktuell vor der libyschen Küste befindet. Uns hat ein Schiff der US-Marine am Dienstag um Hilfe gebeten, nachdem die Crew mehrere Dutzend Flüchtlinge geborgen hat. Wir können die Menschen jedoch nur aufnehmen, wenn wir vorher wissen, wo wir sie an Land bringen können. Leider haben wir bislang keine Zusage, niemand fühlt sich verantwortlich.

Was wissen Sie über die Situation auf der Aquarius?

Inzwischen haben zwei italienische Schiffe einen Großteil der Leute von der Aquarius aufgenommen. Sie sind gemeinsam mit der Aquarius auf dem Weg nach Spanien, dessen Regierung angeboten hat, die 629 Geflüchteten aufzunehmen. Der Weg zur spanischen Küste ist allerdings weit und das Wetter soll schlecht werden. Vier Meter hohe Wellen sind vorausgesagt, da können die Menschen an Bord schnell seekrank werden. So eine weite Strecke ist eine Tortur, vor allem mit Schiffen, wie wir sie nutzen.

Wie bewerten Sie die aktuellen Geschehnisse?

Es sollte nicht die Aufgabe der Seenotrettungs-NGOs sein, für eine gerechte Verteilung von Flüchtlingen in Europa zu sorgen. Ich frage mich, warum die Menschen nicht in Italien an Land gehen und dann mit dem Bus nach Spanien gebracht werden konnten. Jetzt muss sich die Aquarius auf eine schwierige, mehrtägige Reise nach Spanien begeben und kann in dieser Zeit nicht als Seenotretter agieren. Es ist gut möglich, das weitere zwölf Menschen nicht ertrunken wären, wenn die Aquarius nicht für den Rettungseinsatz ausgefallen wäre.

Wie wirkt sich die Situation der Aquarius auf Ihre Arbeit auf der Sea-Watch 3 aus?

Es kann jederzeit passieren, dass auch wir akut Flüchtlinge auf dem Mittelmeer retten müssen. Dann werden wir vor dem gleichen Problem stehen, wie zuvor die Crew der Aquarius. Es kann und darf keine langfristige Lösung sein, nach jeder Seenotrettung nach Spanien zu fahren.

Das Gespräch führte Paul Nachtwey

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