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  • 07.10.2017
  • von Deike Diening

Bundestagswahl: Warum haben im Osten so viele AfD gewählt?

von Deike Diening

"Jetzt hat es endlich mal gekracht", sagt Regina König. In Dorfchemnitz in Sachsen gab es bundesweit die meisten AfD-Wähler. Foto: Deike Diening

12,6 Prozent erreichte die AfD auf nationaler Ebene, 21,5 Prozent im Osten. Was hatten die etablierten Politiker übersehen? Eine Reise durch die aufgewühlte Republik.

Sind die jetzt alle rechts? Regina König lacht schon los, wenn man ihren Tante-Emma-Laden betritt. Na klar, Reporter erkennt sie sofort. Hinter ihr das Brett mit Batterien, Tortenkerzen, Zeitungen, Briefmarken, Waschmittel und dem Zubehör für den Hermes-Versand. Was man so „das Nötigste“ nennt. Als Erstes, und sie wusste gar nicht, woher der das schon wieder hatte so in aller Früh, meldete sich ihr Sohn am Montagmorgen nach der Wahl: „Mama, ihr seid die Besten.“ Die Besten in Deutschland! 47,4 Prozent Stimmen für die AfD, hier in Dorfchemnitz. Rekord. Und wie sie das erzählt, bricht immer wieder ein Glucksen aus ihr heraus.

„Jaha“, sagt sie. Mit diesem Ergebnis habe niemand gerechnet. „Jetzt hat es endlich einmal gekracht.“ Damit die mal aufwachen in Dresden und sich ’nen Kopp machen.

Als Deutschland am Montagmorgen nach der Wahl erwacht, fühlt es sich für viele an, als seien sie plötzlich in einem anderen Land: Die AfD hatte bundesweit 12,6 Prozent geholt, in Sachsen ist sie die stärkste Kraft, die Partei wird mit 94 blauen Sitzen in den Bundestag einziehen. Wie konnte das passieren? Verdatterte Politiker fragen sich: Wer ist das Volk? Sofort losfahren also an diesem Blauen Montag. Fragen stellen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Antworten sammeln in Dresden, an der tschechischen Grenze, in Leipzig, Bornhagen, Witzenhausen und Frankfurt an der Oder. Dort, wo die Ergebnisse am extremsten sind.

Frauke Petry war die einzige Politikerin, die vorbeigekommen ist

Man müsse die Zahlen vor allem im Vergleich sehen, sagt die gut gelaunte Regina König in Dorfchemnitz. Sie sind ja eigentlich treue CDU-Wähler hier. 59,2 Prozent waren es bei der letzten Wahl 2013, das war der höchste Wert der CDU in ganz Mittelsachsen. „Das sind ja die gleichen Leute!“ Die werden ja jetzt nicht plötzlich alle ihre Gesinnung geändert haben. „Das wäre ja schlimm!“

Alles habe damit begonnen, dass Frauke Petry am 6. September um 19 Uhr in die leer stehende „Gaststätte am Chemnitzbach“ gekommen sei. Die ersten Zuhörer kamen zweieinhalb Stunden vor Beginn. Reine Neugier. Kommt ja sonst keiner hierher. 500 Leute waren bereit, sich endlich beeindrucken zu lassen. Danach, sagt sie, sei hier alles umgeschlagen.

Dorfchemnitz hat so gar nichts von dem abwartenden Misstrauen, das einem in rechten Dörfern sonst oft entgegenschlägt. Hier herrscht eine mühsam zurückgehaltene Hochstimmung. In der Sonne liegen eine Bäckerei und die Fleischerei. Weil die Bewohner sich nicht blicken lassen, interviewen sich die Reporter aus Versehen gegenseitig. Am Irrsten sei ja, sagt die Fleischerin – und irgend etwas schüttelt sie dabei von innen – dass das alles ohne Absprache geklappt habe! Nicht wahr? Es ist jetzt nicht mehr nur der Glanz ihrer Theke, Ute Herold leuchtet von innen.

Sie zahlen, aber andere bestimmen

„Ausländer können nicht der Grund gewesen sein, die haben wir ja hier gar nicht“, sagt sie. Sie sind keine eingefleischten Rechten. Genau genommen sei das eine Protestwahl gewesen. Und zwar genau genommen gegen die CDU in Sayda, Ost-Erzgebirge, die nächstgrößere Stadt, die nach der Reform auch ihre Verwaltung übernehmen soll und sich das viel zu hoch bezahlen lässt. Sagt’s und wird jetzt doch sehr ernst. Sayda, viel höher verschuldet als Dorfchemnitz, saniere sich auf ihre Kosten. Sayda nehme ihr Geld und bestimme dann über ihren Kopf hinweg. Sayda wollen sie nicht mehr länger ausgeliefert sein.

So rosig und von Empörung durchpulst, kommt einem ihr Gesicht plötzlich bekannt vor. Selbst zahlen, aber andere bestimmen – es ist das Grundmotiv der globalen Empörung. Es ist das Gesicht, dass Bayern gegenüber der Bundesregierung macht, England gegenüber der EU und Trump gegenüber der Nato. Aus ihm spricht die Wut des vermeintlichen Nettozahlers, der aus einer Gemeinschaft, in die er einzahlt, nicht genug herauszukriegen glaubt.

Man regt sich hier schon lange darüber auf. Aber bei 47,4 Prozent hört auch mal jemand zu.

"Rechts? Ja, wenn Sie die AfD für rechts halten."

„Ja, erstaunlich, nicht wahr?“, fragt Thomas Schurig. Ganz ohne Absprache. Schurig waltet seines Amtes als ehrenamtlicher Bürgermeister der 1500-Seelen-Gemeinde, indem er im Gemeindehaus, erster Stock, Eingangsstempel auf Briefe knallt. Er muss ja jetzt vieles zugleich machen. Alles im Ehrenamt. Gestern, am Tag nach der Wahl, hat man ihn auf Facebook schon bedroht: Sein Haus solle man anzünden, das „braune Nest“ abfackeln. Schurig findet es eine empörende Unterstellung, dass sein Dorf rechts sei.

Aber haben nicht eben 47,4 Prozent AfD gewählt?

„Jaha.“

Dann hat also die Gemeinde gewählt, was sie gar nicht denkt?

„Wenn Sie die AfD für rechts halten, dann ja.“ Etwas Schlaues huscht über sein Gesicht. Für ihn handelt es sich um eine bürgerliche Partei, schließlich ist sie demokratisch wählbar, rechte Einzelmeinungen hin oder her. Aber Frauke Petry habe sich ja von der Fraktion schon distanziert. Gerade eben, vor ein paar Minuten, Schurig schwenkt sein Handy, sei sie aus der Partei ausgetreten.

Was also ist das Dorfchemnitzer Problem? Arbeitslosigkeit? „Null“, sagt Schurig. „Höchstens ein Prozent.“ Ausländer? Keine. Null Verwahrlosung, eher Fachkräftemangel. Der Bäcker würde deshalb gerne einen Iraker ausbilden, gerade richte man eine Wohnung für ihn her. Nie habe es jugendliche Gröler gegeben. Die Probleme, mit denen AfD-Wählen immer begründet wird, existieren hier gar nicht. Aber letztlich, sagt Schurig, interessiere sich niemand für sie und ihre tatsächlichen Probleme.

Und dann redet er sich in Rage. Er habe, blöder geografischer Zufall, mit seiner kleinen Gemeinde von 1500 Leutchen 24 Kilometer Nebenstraßen zu unterhalten. Dafür bräuchte man Extra-Mittel. 27 Jahre lang seien immer nur einzelne Teerflatschen in die Löcher gekippt worden. Seit der Wende alles Flickwerk! Vor einigen Jahren wurde die Grundschule geschlossen, die man mit wenig Aufwand hätte in Schuss bringen können. Das habe auch politische Gründe gehabt. Kinder waren genug da. Die fahren jetzt täglich Schulbus. Der Schulbus ist überhaupt der einzige Bus, der fährt.


Gegen die braune Brühe kann er nichts tun

Manchmal kriegt Schurig ja Mittel, aber die sind dann zweckgebunden. Eine Zumutung, denn wenn er Geld für die Straßen ausgeben muss, könne er auch nicht verhindern, dass die Brühe in sein Büro laufe. Sein Finger weist nach oben.

In der Tat. Von der Decke arbeitet sich eine braune Brühe langsam zu einem idyllischen Landschaftsbild vor. Offensichtlich ein Wasserschaden, der im Prinzip schnell zu beheben wäre. So wie auch das Wahlergebnis beim nächsten Mal wieder ganz anders aussehen könnte. Schurig grinst. Gleich kommt er mit raus an die frische Luft, er hat noch Termine. Die Dorfchemnitzer hätten ihren Gemeindesaal auch an alle anderen Parteien vermietet, sagt er noch. Aber niemand habe angefragt. „Ich bin sicher, auch alle anderen hätten hier ihre Anhänger gefunden.“

Also hat auch er nun die AfD gewählt? Die Frage hängt ein bisschen in der Luft, dann ist sie irgendwie verweht. „Ich habe die Frage jetzt mal nicht gehört.“ Schurig schlägt seine Autotür zu. Unten im Dorf gluckst jetzt nur noch der Chemnitzbach. War das alles nur ein Streich?

Je mehr Dorfläden schließen, desto weiter muss er fahren

Wie jeden Dienstag kommt am Ufer der rollende Supermarkt zum Stehen, ein Mann im weißen Kittel öffnet die Tür. Der Lieferwagen ist ausgebaut mit Regalen, sogar Körbe zum Herumgehen gibt es. Zwischen Klobürste und Wasserkisten schaut der Händler heraus. Dies sei im Prinzip der Laden seiner Eltern, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts bestand, aber nach der Wende schließen musste. Seitdem fährt er mit der Ware über die Dörfer. Je mehr Dorfläden schließen, desto weiter muss er fahren.

Er weiß natürlich, dass er soeben in dem Ort mit der höchsten AfD-Wählerschaft gelandet ist. Und ohne großen Anstoß quillt jetzt wie von selbst das eine große, nie mehr aus der Welt zu schaffende Grundübel des Ostens aus ihm heraus. Als wäre es gestern gewesen. Er selbst war damals Teil der Bewegung im Land, die den Boden für die Wende bereitete. „Da standen die meisten anderen noch ängstlich hinter ihren Gardinen.“ Sobald die Luft rein war, hielten die ihre Schilder mit „Wir sind das Volk“ in die Höhe, „da waren die anderen längst im Gefängnis gewesen“. Sie hatten etwas riskiert, ihre Familie, ihren Ruf, „auch ihre Gesundheit“. Doch die Leute, die die weltweit bewunderte, gewaltfreie Revolution bewerkstelligt hatten, haben den folgenden Staat dann nicht selbst gestaltet. Das übernahm der Westen.

„Ich bin ein Linker geworden“, sagt der Händler. Bis ziemlich genau vorgestern war ja die Linke die Protestpartei. Macht bitte 85 Cent für die Flasche Wasser medium.


AfD-Wähler heißen jetzt "Abgehängte". Aber viele waren nie angekoppelt

Die Straße aus Dorfchemnitz heraus knallt einem jetzt wirklich in den Rücken. Man könnte denken, das alles ist 27 Jahre her, bald eine Generation. Aber während aus dem Westen immer die viele Farbe gelobt wird, kommt es ihnen im Osten vor, als sei ein grundsätzlicher Schaden nur übertüncht worden. Vielleicht hat dieses Gefühl dazu geführt, dass die Identifikation mit „dem Staat“, dem neuen, dann nie so weit ging, wie sie hätte gehen müssen. Sie haben gar nicht das Gefühl, mit ihrer übermütigen Protestwählerei etwas Wertvolles zu verspielen. Und plötzlich sieht man den Riss. Im Radio diskutiert man den Wahlausgang in Dauerschleife. AfD-Wähler heißen jetzt „Abgehängte“. Aber womöglich waren viele noch nie richtig angekoppelt.

Sie reden über den Staat, als seien sie gar nicht Teil davon. Ja, ja, die schmucken Häuser hier, die seien Privatinitiative, aber was mache der Staat? hatte Bürgermeister Schurig gefragt. Als wären schmucke Häuser ohne staatliche Bedingungen zu haben. Ein Erzählmuster aus der DDR ist zurück: Das persönliche Glück kommt aus Selbsthilfe im Mangel! Gegen den Staat, nicht mit ihm.

Viele haben ja in der DDR gelernt, zum Staat einen gesunden Abstand zu halten. Für diesen kritischen Abstand sind sie einmal sehr gelobt worden. Ist es möglich, dass ein Staat wechselt, aber die Art der Beziehung an sich die gleiche bleibt? Es scheint wie eine tragische Wiederholung von Mustern: Die „Bonzen“ heißen jetzt „Eliten“. Die Regierung erklärt das Land zu einem Raum, in dem alle „gut und gerne leben“, obwohl es sich ganz anders anfühlt.

Und obwohl das neue System eine Demokratie ist, in der jeder sich beteiligen und einen Unterschied machen soll, haben sie die Distanz bewahrt. Eine echte Aneignung, scheint es, hat gar nicht stattgefunden.

Es ist auch eine Demütigung, wenn man immer nur Geld bekommt

Vielleicht haben sie deshalb nicht die Institutionen gekapert und die Rathäuser besetzt. Vielleicht haben viele auch resigniert, nachdem ihnen wieder jemand aus dem Westen vorgesetzt wurde. Sie waren möglicherweise viel zu lange keine Gesprächspartner auf Augenhöhe, sondern bloß ein jungfräulicher Absatzmarkt für die Vertreter von Autos, Versicherungspolicen, kommunalen Entsorgungsnetzen oder Zeitschriftenabos, um das ganze „System“ nicht auf Dauer als Demütigung zu empfinden. Es ist auch eine Demütigung, wenn man nach Anerkennung ruft und immer nur Geld bekommt. Jetzt haben die Unerhörten mit demokratischen Mitteln Erkenntnisse erzwungen.

Diese ruckelige Straße mag lächerlich sein. Es mag noch lächerlicher sein, daran eine Wahl aufzuhängen, als gebe es keine größeren Probleme. Aber wenn man hier lebt, versetzt sie einem immer wieder einen Stoß. Jeder Stoß ein Denkanstoß.

Es gibt zwei deutsche Arten, auf diese Straße zu reagieren. Entweder man ist stolz auf die deutsche Kunst, sich mit ausgefeilter Technik systematisch Unbehagen vom Leib zu halten, bis man die Übel der Welt nicht mehr persönlich wahrnehmen muss. Dann lobt man seine Einzelradaufhängung und Deutschland ist ein Land, in dem man gut und gerne Auto fährt. Oder man kriegt nicht aus dem Kopf, dass dieser Weg seit der Wende nur provisorisch geflickt wurde. Wer Stöße in den Rücken 27 Jahre persönlich nimmt, zweifelt irgendwann am gesamten System.

Wälder. Holzhäuser. Handwerker. Idyll. Das Teerband schlängelt sich schwarz durch die sächsische Landschaft. Rot-gold verfärbt sich darüber das Laub. Ist das eines dieser deutschen Paradiese, die keine sind? In Dresden, wo die Hotelzimmer an Montagen günstiger sind, hat jedenfalls die malerische Sandsteinkulisse durch die wöchentlichen Pegida-Demonstrationen nachhaltig gelitten.

Und weil auch auf einen Wahlsonntag ein Montag folgt, trifft sich vor der Frauenkirche in Dresden wie jede Woche seit bald drei Jahren Pegida, ohne die es keine Mehrheit für die AfD in Sachsen und auch die vielen Sitze im Bundestag nicht gäbe. Hinter einem Gürtel Staatsgewalt lärmen und pfeifen die Gegendemonstranten. Sie tun ihr Bestes, wenigstens ein steter Tinnitus im Ohr der Rechten zu sein.

Nie ohne Perücke zu Pegida

Es hätte die größte Wahlparty in Deutschland werden können, wie man in Dresden auch befürchtet hat. Aber die Kernkompetenz von Pegida ist ja, das Gefühl des Zukurzgekommenen, Übervorteilten zu pflegen. Und so sind die, die man die Enttäuschten nennt, am Abend ihres Triumphes schon wieder enttäuscht: Es kam niemand von der AfD, um sich bei ihnen zu bedanken! Wo sie doch den Boden bereitet haben. So brüllen sie „Merkel muss weg“. Und weil Frauke Petry soeben aus der Fraktion ausgetreten ist, weil die zu völkisch rede, brüllen sie auch: „Petry muss weg.“ Weg, weg, weg.

Und dann tritt Renate Sandvoß ans Mikrofon. Man kennt sie hier als Rednerin, die das schlechte Benehmen von Ausländern beschwört und jetzt prophezeit, Pegida werde mit der AfdD nun wachsen. Sie habe, sagt sie, noch eine gute Nachricht. „Ich ziehe um.“ Sie verlasse den Schwarzwald und ziehe nach Meißen. Eine Wohnung habe sie schon. Frenetischer Applaus.

Es dämmert schon. Die Pegida-Anhänger machen ihre Runde durch die Stadt. Sandvoß steht noch neben der Bühne. Das mit dem Osten muss sie erklären. Warum lebt es sich da als Pegida-Anhänger besser? Es sei, sagt sie, eine Frage des Lebensstils. Im Westen seien die Leute zu beschäftigt und abgelenkt, um sich auf Familie und Freunde zu konzentrieren. Sie habe, sagt sie, 35 Jahre in Hamburg gewohnt, dann auf Sylt, bis sie, die eine Galerie hatte, ihre schmuckbehangenen Kunden nicht mehr sehen konnte. Sie wollte Bäume sehen und Facebook-Bekannte lockten sie in den Schwarzwald. Doch leider stünden die Leute dort ganz ungut unter dem Einfluss der Medien. Und dann das Gerede von den Abgehängten! „Wenn Sie wüssten, was meine Bekannten für Geld haben“, sagt Sandvoß. „Einer hat ein Autohaus, ein anderer wohnt in einem Schloss.“

Die Frau des Autohausbesitzers komme allerdings nie ohne Perücke zur Pegida-Demo. Sie hat Angst, dass, wenn sie erkannt wird, der Umsatz einbricht.


"Die denken nur an Deutsche. Wir an Menschen."

Hinter Transparenten des Protests lehnt Jörg Schmidt an der Motorhaube eines weißen Lieferwagens. Er ist Teil der Gegendemo. Seit Jahren. Er ist auch selbstständiger Unternehmer, Brand- und Wasserschadensanierung. Und von einem Schaden muss nach dieser Wahl wirklich gesprochen werden, denn sonst besteht die Gefahr, dass all die aufgekratzten Protestwähler das echte Problem überdecken.

Wer jetzt vom Ausgang der Wahl überrascht ist, habe Jahre nicht hingeschaut, findet er. Echte rechte Tendenzen, Rassismus und Gewalt hat es im Osten schon seit der Wende gegeben. Auch er war damals auf den Montagsdemos. Schon ab Oktober 1989 hätten die „Wir sind das Volk“-Rufe einen seltsamen Beiklang bekommen. Da dachte man noch, totschweigen hilft. Aber die Asylbewerberheime brannten und tot waren am Ende die Opfer der NSU.

Viele Rechte seien ja auch sozial eingestellt, sagt Schmidt, „aber die denken nur an Deutsche. Wir an Menschen“. Das Problem: Selbst wenn ein stramm Konservativer und ein Linker mit komischen Haarschnitten das möglicherweise beide wollen - wo sollen die sich jemals treffen? Im Westen begegneten die sich vielleicht noch in den Kirchen, aber die sind im Osten nicht gut besucht. Sein Umfeld bestehe „eher aus den besorgten Bürgern“. Gleichgesinnte hat er erst über Facebook entdeckt.

Genau die gleichen Leute aus den Jugendclubs von Riesa damals trifft er jetzt hier bei Pegida persönlich wieder, um 25 Jahre gealtert. Das ist keine Meinung, sondern eine Beobachtung. Jörg Schmidt, seit Jahren hält er dagegen, ist in einem Netzwerk, das Flüchtlingen hilft. Nach Feierabend fährt er Gebrauchtmöbel in ihre Wohnungen. Er ist mit Bekannten dabei, wenn die Rechten sich um Dresden und Freital in den kleinen Orten versammelten. Er hat auf Facebook und Twitter darüber berichtet, sonst hätte es wahrscheinlich noch länger gedauert, bis in die Städte vorgedrungen wäre, dass Verdrängen nichts löst.

Stumpf ist Trumpf

In den Städten fällt es ja eher auf, wenn Dinge außer Proportion geraten. Da prallen viele Meinungen direkt aufeinander, manchmal in einer einzigen Straße. In Leipzig, der einzigen „roten Insel“ im Osten, ist das die Eisenbahnstraße, die wegen ihrer Kriminalität schon das Chicago des Ostens genannt wurde.

Leipzig ist des Ostens Boomtown, aber Boomtown bröckelt ab in Richtung Eisenbahnstraße. Irgendwann gibt es nur noch Geschäftsideen für menschliche Schwächen: Ein überdimensioniertes Fachgeschäft für E-Zigaretten, ein Spielcasino, eine Fahrschule „zum Abbau von Punkten“. Östlich der „Bagel Brothers“ und „Coffee Fellows“ in der Innenstadt liegt die Straße mit ihrem wilden Mix aus Telefonläden, arabischen und seit einigen Jahren auch hippen Cafés. Es ist das Gegenteil des ländlichen Idylls. Statt Angst vor Ausländern gibt es hier einfach Ausländer. Gegenüber dem neongrellen Imbiss „Damaskus“ liegt das gedimmte „Vary“ mit Musik, Kaffee, Kunst und Gästen wie gecastet. Die Musikerin Sofie Heinz - Künstlername Babsi Beton - kommt her, weil es hier quasi unmöglich ist, schlechte Platten zu kaufen.

„Stumpf ist Trumpf“ - der Trend zeige sich ja weltweit und bis in die höchsten Ämter. Am Bedrohlichsten aber, sagt sie, sind gar nicht die extremen Überzeugungen selbst, sondern wenn zwischen den Menschen das Schweigen beginnt. Sie ist in Frankfurt am Main aufgewachsen, als einige Jungs aus ihrer Stufe, mit denen sie befreundet war, Salafisten geworden sind. Schlimm war nicht, als sie ihr den Koran in die Hand drückten, sondern als sie zu reden aufhörten. „Da verliert man den Kontakt.“ Dann gebe es nur noch die und wir.

In der Leipziger Eisenbahnstraße begegne sie Rechten ja nicht so häufig, aber im Sommer kam ihr eine Gruppe an der Kirche entgegen, die ausgerechnet mit einem Farbigen durch die Straßen zog. „Sieg,“ brüllte der. „Heil,“ brüllten die anderen. Prügeln kommt jetzt nicht infrage, dachte die 25-Jährige, da fehlte ihr die Statur. Aber so stehen lassen wollte sie es auch nicht.

„Euer Freund da, der hat aber eindeutig die falschen Pigmente“, sagte sie frech. Erst haben sie noch abgewehrt, sich lustig gemacht: Der wohne bei ihnen im Keller. Als Sklave. Dann erzählten sie, dass sie ihn kennengelernt haben, weil er ein T-Shirt trug mit der Aufschrift: Ich hasse meine Hautfarbe. „Wenn man weiß, wer der Feind ist, dann hat der Tag Struktur“, sagte Sofie Heinz. Da lachten sie verunsichert und begannen zu reden. Es hilft, Erwartungen zu enttäuschen. Es geht darum, Fragen zu stellen statt Etiketten zu verteilen.

Kommunikation, sagt sie, ist der Schlüssel. Wer will schon als ein „Abgehängter“ oder „Faschist“ bezeichnet werden? Sie hat sich vorgenommen, immer die Menschen anzusprechen und nicht die Kategorie, in die man sie packt. Und dann müsse man halt gut zuhören.


Nur 56 AfD-Wähler machen in Bornhagen 34,1 Prozent

Die Landschaft des thüringischen Eichsfeld liegt am Mittwochmittag im Geräusch einer benzinbetriebenen Heckenschere, bis der Gärtner unterhalb der Burgruine Hanstein das zahnige Monster ablegt. Dort hinten, sagt er, war die Zonengrenze. Von Bornhagen aus erahnt man nur die vernarbende Wunde in Form von inzwischen 30 Jahre alten Buchen und Eichen. Man muss schon den geübten Blick des Gärtners haben, um die kleine Delle im Wald überhaupt noch vom Rest unterscheiden zu können.

In Bornhagen haben sie eigentlich keine großen Probleme. Sie haben nur Björn Höcke, der hier wohnt. Zuletzt empfahl Alexander Gauland, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, hier ins Eichsfeld einzuladen, bevor man sie Gott sei Dank in Anatolien entsorgen könne.

Bornhagen hat einen gemütlichen, alten Gasthof, ein Wurstmuseum, aber berühmt ist es für seinen „Zweiburgenblick“. Sieben Jahre hat der Bürgermeister Mario Apel mehrere Meter Akten produziert für die Teilnahme am Dorfverschönerungsprogramm. Jetzt hat er zwei Millionen ergattert, die er ausgeben kann, als Erstes für die Einfahrt zur Feuerwehr, dann kommt ein barrierefreier Eingang zur Kirche. Sie möchten jetzt nicht als rechtes Dorf hingestellt werden, nur wegen Björn Höcke. Es gibt auch ein völlig unauffällig funktionierendes Asylbewerberheim. 56 Menschen, die am Sonntag im Wahlkreis 189 die AfD gewählt haben, würden in Berlin doch glatt untergehen. Von 164 gültigen Stimmen sind es 34,1 Prozent.

Muss man in Deutschland so hinnehmen, dass Frust sich seine Bahn zwangsläufig nach rechts bricht?

Ein paar Kilometer weiter, nur knapp im Westharz, hat ein Mann auf ähnliche Probleme ganz andere Lösungen gefunden. Nur 8,7 Kilometer weiter, jenseits der ehemaligen Grenze, betritt die Alternative für Witzenhausen das Wirtshaus „Pane e Vino“. Es sind knapp zwei euphorische Meter Daniel Herz, die durch die Tür kommen. Herz hat das physische Glück, so lächeln zu können, dass drin scheint, was draufsteht.

Der parteilose Herz, 34 Jahre alt, hatte sich um das Amt des Bürgermeisters in Witzenhausen beworben, und als am Sonntag die Wahl anstand, kam um 19 Uhr 30 zu Hause der Babysitter, dann ging er ins Rathaus. „Da ging das Ding durch die Decke“: 14 von 19 Wahlkreisen gewann er aus dem Stand. 39,3 Prozent. Die seit zwölf Jahren regierende CDU-Bürgermeisterin erhielt elf Prozent weniger. Ein Überraschungssieg wie andernorts von der AfD. Jetzt muss er bloß noch die Stichwahl gewinnen. Wie hat er das gemacht?

"Ich bin Polizist, kommunizieren kann ich"

Die Wähler in Witzenhausen sind ja von exakt den gleichen Problemen frustriert, die auch kleine Gemeinden im Osten haben: Unzufriedenheit mit den Entscheidungen erstarrter Parteien, bröckelnde Infrastruktur. Das örtliche Hallenbad, erst 1975 gebaut, wurde abgerissen. Die Schulen karren ihre Schüler jetzt zum Schwimmunterricht über die Dörfer. Dörfer, in die viele Familien gerne ziehen würden, wenn nur Busse dorthin führen.

Die Lösung suchten die Witzenhausener nicht bei den Rechten, sondern bei Daniel Herz. Der das Gemeinsame betonte. Der sich persönlich reingeschmissen und privat eine beinahe fünfstellige Summe in den Wahlkampf investiert hat. Der im Wahlkampf einfach das gemacht hat, wonach seit Jahren immer alle verlangen: Zuhören. Dann hat er auf Facebook davon berichtet. „Bürgernähe kam sehr gut an.“ Und: „Ich bin Polizist, kommunizieren kann ich.“ Jetzt werfen sie ihm vor, er habe das Rathaus gekapert. „Nur“ mit den jungen Wählern. Aber genau darum geht es: Das sind eben demokratische Mittel. Eine Resteuphorie vom Wahlabend steckt noch in ihm. Fast 40 Prozent! Er war so überrascht wie alle anderen.

Eine ältere Frau umarmt ihn plötzlich von hinten. Ihre Tochter habe extra in Kolumbien Briefwahl beantragt, um ihn wählen zu können.

Herz hat die Mechanismen von Bürgermeisterwahlen nächtelang im Netz studiert - und sie sich dann zunutze gemacht. Er hatte Glück, schon sein Beruf wirkte wie Werbung: Kriminalbeamter, das Thema Sicherheit war damit quasi abgedeckt. Am 8. Oktober ist Stichwahl. Wenn es ihm gelingt, bis dahin die Spannung zu halten, wird er Bürgermeister.

Aber hilft so etwas auch gegen rechte Polemik? Im direkten Vergleich mit scharfzüngigen Populisten?

Schluss mit den Osthilfen. Schluss mit dem Soli.

Frankfurt an der Oder hat ja mit seiner Grenze noch ganz andere Probleme. Aber Martin Patzelt, ein leiser, sehr nachdenklicher Mann, hat das gerade hier bewiesen - und seinen Wahlkreis ausgerechnet gegen Alexander Gauland verteidigt. Er hat es nur wegen der AfD getan.

Eigentlich wollte Martin Patzelt, der früher in der Stadt Oberbürgermeister war und seit 2013 für die CDU im Bundestag ist, mit seinen 70 Jahren bei dieser Bundestagswahl gar nicht noch einmal kandidieren. Als plötzlich hier, im Wahlkreis 63, einer armen Region im Osten an der polnischen Grenze, Alexander Gauland als Direktkandidat antrat, Spitzenkandidat der AfD. „Das hat mir den Kick gegeben“, sagt Patzelt, politisch Gaulands Gegenteil: 2015 hat er mit seiner Familie zwei Flüchtlinge aus Eriträa zu Hause aufgenommen, Unverständnis, Anfeindungen erlebt und Morddrohungen erhalten.

Noch Sonntagmittag, als er im Wahllokal im Feuerwehrhaus seines Heimatdorfes Briesen wählen ging, war er unsicher. Er kennt ja die Leute hier. Tage zuvor hatte er noch im Wahlkreis an ihren Türen geklingelt. Dann bekam er 27,1 Prozent der Erststimmen. Gauland nur 21,9 Prozent. Eines habe er immer bewusst vermieden, erzählt Patzelt. „Ich habe keinen personifizierten Wahlkampf gemacht. Ich habe mich angestrengt, niemals die faschistische Keule zu ziehen. Das bringt nichts.“ Das halte er für grundfalsch, auch jetzt, wo die AfD im Bundestag ist.

Martin Patzelt würde sich mit Babsi Beton aus Leipzig gut verstehen: Der Schlüssel liegt in der Kommunikation.

„Wir haben gegenüber dem Westen einen Minderwertigkeitskomplex. Das war schon zu DDR-Zeiten so“, sagt Patzelt. Nach 1990 seien viele Starke, viele Junge in die alten Länder gegangen. Als er einmal in Heilbronn von früheren Frankfurtern erkannt wurde, habe er gefragt, warum kommt ihr nicht zurück, jetzt, wo es Jobs gebe? Die Antwort lässt ihn seitdem nicht mehr los: „Hier heulen uns die Alten nicht die Ohren voll.“

Früher habe in Ostdeutschland die Linke diese Stimmung aufgefangen, das sei ein Ventil gewesen, sagt Patzelt. Aber seit die Linke mitregiere, habe sich aus der Sicht der Leute nichts geändert. „Da sind viele politisch heimatlos geworden. In diesen Sichtweisen sitzt die Enttäuschung.“

Aber der ehemalige Sozialarbeiter, der zu DDR-Zeiten zwanzig Jahre ein Caritas-Heim für Kinder und Jugendliche leitete, kann dem AfD-Erfolg auch gute Seiten abgewinnen. „Ich denke, die Wut der Leute musste raus. Und das ist sehr gut“, sagt er. „Aus sozialpädagogischer Sicht.“ Mehr denn je ist er davon überzeugt, dass die Milliarden-Subventionierungen Ostdeutschlands zu der mentalen Spaltung beigetragen, die sich in den Landkarten mit den AfD-Wahlergebnissen wieder zeigt. Benachteiligten Regionen in Ost und West könne man auch anders helfen, sagt er. „Je mehr ich darüber nachdenke: Wir müssen uns emanzipieren. Schluss mit den Osthilfen, Schluss mit dem Soli!“ Patzelt denkt das schon ganz lange. Aber nach der Wahl könnte es eine der überraschenderen Lösungen sein.

Mitarbeit: Thorsten Metzner

Dieser Text erschien am 1. Oktober in der gedruckten Ausgabe des Tagesspiegel.

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