• Verschwörungstheoretiker in Potsdam: 200 Menschen bei Verhandlung um GEZ-Boykott

Verschwörungstheoretiker in Potsdam : 200 Menschen bei Verhandlung um GEZ-Boykott

GEZ-Boykotteur und Verschwörungstheoretiker Heiko Schrang musste vor Gericht. Zum Termin in Potsdam versammelten sich rund 200 Anhänger.

Heiko Schrang verweigert die Zahlung der Rundfunkgebühr. Deshalb steht er in Potsdam vor Gericht. Seine Anhänger bejubelten ihn.
Heiko Schrang verweigert die Zahlung der Rundfunkgebühr. Deshalb steht er in Potsdam vor Gericht. Seine Anhänger bejubelten ihn.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Es ist sichtbar anstrengend, für seine Jünger so etwas wie ein Messias zu sein: Eine Fülle von Schweißperlen hatte sich auf seiner hochroten Glatze versammelt, als Heiko Schrang am Freitagmittag am Nauener Tor stand und sich laut Schätzung der Polizei von rund 200 Unterstützern feiern ließ. Sie himmelten ihn an und herzten ihn als gebe es kein Corona, sie verewigten sich mit ihrem Star auf Hunderten Selfies, bis der, so laut er konnte, die erlösenden Worte sprach: „Ich sehe keine Fans! Wir sind Teil einer großen Familie, die immer größer wird.” Immer wieder brüllten seine Familienmitglieder ihm bis zu zehn-, zwölfmal in Folge ihr „Heiko, Heiko, Heiko, Heiko” zu.

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Auf Passanten machte das Szenario wohl einen eher seltsamen Eindruck. Viele Polizeibeamte am Nauener Tor, etliche Einsatzwagen und eine enthusiastisch jubelnde Menschenmenge mit ein paar Plakaten – nur weil das Verwaltungsgericht gegen Schrang verhandelte. Der ehemalige Berliner Immobilienhändler, der sich einen Ruf als führender Verschwörungstheoretiker erarbeitet hat, stand vor Gericht, weil er die Zahlung des sogenannten GEZ-Beitrages verweigert hat; 17,50 Euro monatlich, die jeder Haushalt für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten entrichten muss. Eine Entscheidung verkündete das Gericht am Freitag nicht, sie soll Schrang zugestellt werden. Er ist ein prominentes Mitglied der Boykottbewegung gegen den GEZ-Beitrag, und er steht nicht allein. Die Zahl der Verweigerer steigt, 2019 sollen nach Angaben von ARD und ZDF schon rund 3,57 Millionen Beitragspflichtige nicht gezahlt haben, 70 000 mehr als im Vorjahr.


Dass es der Großfamilie Schrang nicht nur um Rundfunkgebühren, sondern um ihnen missliebige Inhalte von unabhängigen Fernsehsendern geht, wurde auf den Plakaten deutlich, die seine im Geiste Verwandten in die Höhe reckten. „Wir zahlen nicht für eure; Pensionen, Angstmache, Russlandhetze, Weglassungen, Gleichschaltung, betreutes Denken, Politikerresterampe, Hofberichterstattung, Propaganda/Lügen” stand auf einem, ein anderes listete auf, wen und was die Medien angeblich unterdrücken: unter anderem Schrangs „SchrangTV”, die Website des Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen und das rechtspopulistische Gedankengut der Ex-Tagesschausprecherin Eva Hermann.

Demo vor dem Verwaltungsgericht in Potsdam wegen Prozess zum Rundfunkbeitrag.
Demo vor dem Verwaltungsgericht in Potsdam wegen Prozess zum Rundfunkbeitrag.Foto: Sabine Schicketanz


Als Sympathisant der sogenannten Trutherszene, die die Wahrheit über vieles zu wissen glaubt, das den meisten anderen verborgen bleibt, zählt Schrang auch zu den Corona-Leugnern. Covid-19, verbreitet er, sei „ein trojanisches Pferd”, Teil eines großen Plans, Menschen zu unterdrücken. Klar, dass die Frauen und Männer im Alter von etwa 25 bis zu 70 Jahren, die ihn umringten, keinen Mund-Nasen-Schutz trugen. Ihr Abstand betrug bei den dutzendfachen Umarmungen null Zentimeter. Passanten fragten, warum die Polizei diese eklatanten Verstöße gegen das Abstandsgebot geschehen ließ. Nach Angaben der Polizei habe es darüber Rücksprache mit dem Ordnungsamt gegeben – mit der Maßgabe, keine Maßnahmen zur Auflösung der Zusammenkunft einzuleiten.


In einem Video, mit dem er für die Teilnahme am Prozess in Potsdam warb, sagte Schrang: „Wenn die Menschen nicht erwachen, wenn es so weiter geht, dann sind wir komplett versklavt.” Die Anhänger waren aus Berlin, Frankfurt am Main, Rosenheim, Freiburg und sogar aus Danzig gekommen, um ihm beizustehen. Viele trugen ein von ihm kreiertes T-Shirt mit dem Text: „erkennen. erwachen. verändern”. Schrang berichtete vor ihnen aus dem Prozess. „Ich habe dem Richter gesagt, was schon Udo Jürgens gesagt hat: Sie können den Sänger in Ketten legen, aber nicht das Lied.” Als sich der Pulk auflöste, wollten die PNN ihm Fragen stellen. Schroff lehnte Schrang ab, „keine Zeit”. Minutenlang sprach er dann aber noch mit Angehörigen seiner „Familie”.

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