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  • 15.07.2017
  • von Johannes Nedo

Schwimm-WM in Budapest: „Hierzulande ist ein Finale nichts wert“

von Johannes Nedo

Lisa Graf, 24, schwimmt seit 2012 für die SG Neukölln. Graf belegte 2016 bei Olympia in Rio den 13. Platz über 200 Meter Rücken und hält den deutschen Rekord über diese Distanz. Foto: Rainer Jensen/dpa

Die Berlinerin Lisa Graf spricht vor der Schwimm-WM über zu hohe Erwartungen, ihr Leben zwischen Training und Studium sowie stilles Singen unter Wasser.

Lisa Graf, nach den deutschen Meisterschaften Anfang Juni in Berlin lauteten ihre Stationen Hamburg, Rom, Heidelberg und nun bald Budapest. Ist das viele Unterwegssein für Sie als Schwimmerin schon Normalität geworden?

Eigentlich war ich in den vergangenen Wochen gar nicht so viel unterwegs verglichen mit anderen Jahren. Die nächste Zeit wird dann wieder stressig, weil ich nach der WM auch noch bei der Universiade in Taiwan und bei anderen Weltcups schwimme. Ich finde es nicht schlimm, so viel zu reisen – und wir haben ja auch immer wieder Zeit zu Hause. Anstrengend und nicht so schön ist es nur, wenn es die längeren Strecken gibt, bei denen man nicht bei Familie und Freunden sein kann. Mitte August bin ich erst wieder in Berlin für zehn Tage.

Haben Sie schon überschlagen, wie viel Zeit für das Schwimmen draufgeht?

Ich glaube, es ist besser, wenn man sich das nicht so genau vor Augen führt. Im vergangenen Jahr musste ich für meine Steuererklärung zusammenfassen, wie viele Tage ich unterwegs war, und bin dann auf etwa 220 Reisetage im Jahr gekommen. Das war schon echt heftig. Normal ist das natürlich nicht. Aber es ist ja auch schön, so viel rumzukommen. Wer hat das schon? Ich kann so viel von diesen Reisen für mich mitnehmen. Klar ist viel mit Training verbunden, aber ich habe auch Spaß dabei.

Wie sieht Ihr normaler Trainingstag aus?

Meist fange ich um 7 Uhr mit dem Training an, das geht bis 10 Uhr. Dann gehe ich danach zwei- bis dreimal pro Woche zur Uni, etwa bis 14 Uhr. Und dann habe ich von 16 Uhr bis 19 Uhr wieder Training. Das ist seit etwa fünf Jahren für mich der normale Tagesablauf in Berlin.

Viele Schwimmer bezeichnen das Training als Kachelzählen. Ist es das für Sie auch?

Ich weiß nicht, wie man es schöner beschreiben könnte. Gerade diese langen Ausdauerphasen, wenn wir unsere fünf bis sieben Kilometer schwimmen, sind sehr anstrengend – auch für den Kopf.

Weil es so monoton ist?

Es sind ja zwei bis zweieinhalb Stunden, die man hin- und herschwimmt. Man kann nicht reden und muss sich mit sich selber beschäftigen. Ich singe dann meist still vor mich hin. Denn man schafft es ja nicht, komplett seinen Kopf auszuschalten. Und eh man jeden einzelnen Meter zählt, ist es besser, wenn man versucht sich abzulenken. Aber es gibt auch Phasen, in denen wir unser Training reduzieren, an der Schnelligkeit arbeiten und regenerieren. Das ist meist vor den großen Wettkämpfen und darauf freut sich jeder das ganze Jahr.

Das harte Training hat sich für Sie zuletzt ausgezahlt. Bei den deutschen Meisterschaften haben Sie über 200 Meter Rücken einen neuen deutschen Rekord aufgestellt.

Das hat meine Erwartungen übertroffen. Nach den Olympischen Spielen in Rio hatte ich vier Monate pausiert und erst am 1. Januar wieder mit dem Training angefangen. Mein Trainer Gerd Eßer und ich waren aber voll entspannt und haben uns nur vorgenommen: Mal schauen, wo wir hinkommen. Außerdem wussten wir, dass es echt schwer wird zur WM zu kommen – wegen der schnellen Normzeiten. Im Verlaufe der Monate haben wir dann gemerkt: „Wir sind besser drauf als vor Rio! Wie kommt das?“ Manchmal tut so eine Pause wahrscheinlich richtig gut, das braucht man auch für den Kopf.

Wie groß ist der Anteil von Trainer Gerd Eßer, dass Sie sich so verbessert haben?

Wir sind einfach ein gutes Team, haben uns immer besser kennengelernt und uns gegenseitig hochgezogen. So haben wir zuletzt auch mein Potenzial in den Kraftbereichen noch besser ausgeschöpft – indem ich unter anderem Ein-Kilo-Fußmanschetten zusätzlich beim Schwimmen getragen habe. Damit ich die Kraft besser ins Wasser bekomme.

Welche Ziele haben Sie sich nun für die WM vorgenommen?

Ich will vor allem an die Zeit der deutschen Meisterschaften, also den deutschen Rekord, wieder herankommen. Dann ist auch eine Finalteilnahme drin, die ich in den vergangenen zwei Jahren ganz knapp verpasst habe.

Zur Weltmeisterschaft reist der Deutsche Schwimm-Verband nur mit einem kleinen Team von 14 Athleten. Um die härteren Normen und das neue Kraftkonzept von Bundestrainer Henning Lambertz gab es zuletzt viele Diskussionen. Was halten Sie davon?

Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Gerade die Zentralisierung ist wichtig. Wir müssen einfach sehen, dass wir mehr zusammen an den Stützpunkten trainieren. Die Amerikaner leben uns das vor. Auch das Kraftkonzept tut uns gut. Im ersten Jahr ist es immer schwierig, aber über den langfristigen Aufbau bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio sollte das eigentlich bei allen gut angekommen sein.

Die Reformen wurden stark kritisiert – unter anderem vom ehemaligen Weltmeister Paul Biedermann. Wie stehen Sie dazu?

Wir beschäftigen uns natürlich damit. Aber wenn man weiß, wie es wirklich abgelaufen ist, versteht man alles besser.

Was müsste passieren, damit das Schwimmen in Deutschland wieder mehr Aufmerksamkeit erfährt?

Grundsätzlich ist es wichtig, dass sich die deutsche Öffentlichkeit auch mit einer Finalteilnahme zufriedengibt. Selbst Platz acht oder vier von der ganzen Welt ist doch eine Wahnsinnsleistung. Dieses Denken müssen wir in die deutschen Köpfe bekommen. Denn hierzulande ist es nichts wert, wenn man ein Finale erreicht – das ist so traurig. Wir investieren so viel dafür und geben so viel dafür auf, aber es ist nicht verankert in den deutschen Köpfen.

Woran merken Sie das persönlich?

Ich höre schon manchmal: „Schwimmen in Deutschland – das geht ja gar nicht.“ Wenn jetzt auch die Öffentlich-Rechtlichen uns nicht mehr im Fernsehen zeigen, wie sollen wir dann je wieder irgendwie ins Rampenlicht kommen?

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