Lamine Diack, 75, (links neben dem deutschen Verbandspräsidenten Prokop und Berlins Regierendem Bürgermeister Wowereit 2007 in Osaka) ist seit 1999 Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF). Der Senegalese war früher Weitspringer. Foto: p-a/dpa
„Die Deutschen zweifeln an ihren Atheten“
Lamine Diack, Präsident des Weltverbands der Leichtathleten, über die WM in Berlin, Doping und Chambers (19.03.09)
Herr Diack, wieso wird die Leichtathletik-WM im August in Berlin ein Erfolg?
Ich war bei der Fußball-WM in Deutschland und habe gesehen, was die Deutschen für eine Stimmung geschaffen haben. Sie haben gezeigt, dass sie eine offene Geisteshaltung haben und sehr gastfreundlich sind. Ich hoffe, dass wir eine ähnliche Atmosphäre schaffen. Wir müssen weniger über Doping reden, mehr über die schönen Seiten der Leichtathletik. Zum Beispiel über den Sprung über 8,71 Meter von Sebastian Bayer.
Ein Meter weiter als Sie bei Ihrem persönlichen Rekordsprung von 7,72 Meter...
Aber das war vor 50 Jahren und ich hatte keine Tartanbahn. Ich habe mich mit Bayer gefreut. Leider zweifeln die Deutschen noch an den Fähigkeiten ihrer Sportler. Aber sie werden gut sein. Denken Sie an den Hochsprung: Die ganze Zeit war Blanka Vlasic vorne, dann kommt diese junge Ariane Friedrich, und plötzlich ist der Ausgang dieses Wettbewerbs offen.
Was können die WM-Organisatoren noch tun, damit das Stadion wirklich voll wird?
Was die Werbung betrifft, kann man noch einiges machen. Aber wir werden bis zum Istaf im Juni sehen, dass Berlin mehr und mehr die Hauptstadt der Leichtathletik wird. Ich hatte nach Olympia in Peking die Befürchtung, dass sich alles in Deutschland nur auf Doping konzentrieren würde. Nach dem Motto: Wir Deutschen sind sauber, die anderen schmutzig. Der Deutsche Leichtathletik-Verband ist in der Tat der Verband, der Doping am ernsthaftesten bekämpft. Aber man muss mit Vorwürfen gegenüber anderen vorsichtig sein, schließlich kämpfen auch wir als internationaler Verband gegen Doping.
Wie muss sich die Leichtathletik weiterentwickeln?
Ich glaube nicht, dass es darum geht, die Wettbewerbe zu verändern. Wir behalten unsere Disziplinen. Natürlich haben wir es schwerer als der Fußball. Kürzlich haben wir uns einmal gefragt, warum wir früher alle Leichtathletik gemacht haben und die jungen Leute das heute nicht mehr tun. Unsere Antwort: Es war der Zweite Weltkrieg, wir hatten keinen Ball.
Was können Sie vom Fußball lernen?
Wenn Sie irgendwo einen Fußball hinwerfen, sind sofort fünf Kinder drumherum. Aber es ist doch so: Um ein guter Fußballer, Basketballer, Volleyballer zu werden, muss man erst einmal ein guter Athlet sein. Man muss laufen können, springen, stark sein und Ausdauer haben. Natürlich können wir unseren Sport weiterentwickeln und müssen dabei an der Basis anfangen. Wir müssen unseren Sport spielen.
In Deutschland entdeckt man gerade Staffelläufe neu. Meinen Sie das mit Spielen?
Staffeln sind ganz wesentlich, auch wegen des Mannschaftsaspekts. Man muss sich nur die Penn Relays in Philadelphia anschauen. Da kommen alle zusammen, Weltmeister, Olympiasieger und Kinder.
Kinder spielen auch Fußball, weil sie werden wollen wie Beckham oder Zidane.
Wir haben auch große Champions. Aber die stehen nicht so im Rampenlicht. Wenn Kenenisa Bekele kein Star ist, wer dann? Aber wir haben seine Geschichte nicht ausreichend vermarktet. Wir haben den jungen Deutschen nicht erzählt, dass Bekele aus einem Dorf kommt, in dem es nicht einmal Wasser gibt. Jetzt helfen wir den Leuten im Dorf, damit dort Brunnen gebaut werden können. Das ist doch eine Bilderbuchgeschichte für die ganze Welt.
Ist Usain Bolt ein gutes Vorbild?
Ja, ein sehr gutes Vorbild.
Warum?
Nicht so sehr aufgrund seiner Erfolge, sondern wegen seiner Entwicklung. Ich habe ihn schon gesehen, als er 14 Jahre alt war, 2001 auf den Bahamas bei den Carifta-Games. Da lief ein Schlaks von 1,92 Meter die 200 Meter unter 21 Sekunden. Ich habe damals gesagt: Der läuft die 400 Meter irgendwann in weniger als 43 Sekunden. Wir haben da wirklich einen Superstar. Ich hoffe, dass er sich nicht verletzt.
Oder bei einer Dopingkontrolle auffliegt.
Das glaube ich nicht. Man muss sich nur die Carifta-Games anschauen. Jedes Jahr zur Osterzeit kommen aus den karibischen Ländern die 14- bis 19-Jährigen. Schon in diesem Alter bringen sie großartige Ergebnisse. Wer das sieht, ist nicht mehr überrascht über die Ergebnisse, die Jamaikaner später bringen. Ich glaube nicht, dass Bolt als Doper erwischt wird.
Sie sagen „glauben“. Das Problem der Leichtathletik ist, dass es längst zur Glaubensfrage geworden ist, ob man einem Athleten seine Leistung noch abnimmt.
Das gilt für andere Sportarten genauso. Wir wissen nicht alles. Das kann aber kein Grund sein, eine ganze Sportart an den Pranger zu stellen. 1936 kam ein junger Amerikaner nach Berlin. Jesse Owens gewann über 100 Meter, 200 Meter, im Weitsprung und in der Staffel. Sein Weltrekord im Weitsprung von 1935 hat 25 Jahre gehalten. Es gibt solche Ausnahmepersönlichkeiten.
Und für einen solchen halten Sie Bolt.
Ja. Wir dürfen auch bei der WM auf ihn gespannt sein. Vielleicht wird er die 200 Meter unter 19,30 Sekunden laufen.
Einerseits ist Bolts Technik herausragend. Andererseits gibt es in Jamaika erst seit kurzem eine Anti-Doping-Agentur.
Aber die Kontrollen machen doch wir von der IAAF. Wir kontrollieren die 20 besten Sportler jeder Disziplin. Bei der Zahl der Kontrollen stehen die Jamaikaner weltweit an fünfter Stelle. Manche werden im Training sieben Mal im Jahr kontrolliert. Dasselbe gilt für die Kenianer. Da gibt es auch keine Nationale Anti-Doping-Agentur, aber wir kontrollieren sie trotzdem.
Also sind Sie nicht auf die Kooperation der Jamaikaner angewiesen?
In der Leichtathletik sind die Kontrollen immer durchgeführt worden. Alles, was zurzeit gemacht wird, von der Welt-Anti-Doping-Agentur , vom Internationalen Olympischen Komitee, sind Verfahren, die von der Leichtathleten initiiert worden sind.Vor der Gründung der Wada haben wir unsere Dopingsünder vier Jahre aus dem Verkehr gezogen.
Was denken Sie dann über den britischen Sprinter Dwain Chambers? Seine Dopingsperre ist abgelaufen, aber Meeting-Direktoren wollen ihn nicht einladen, weil er in die Balco-Affäre eingebunden war.
Für die IAAF ist seine Strafe beendet, er ist wieder startberechtigt. Ich verstehe, dass Meeting-Organisatoren keine Lust haben, Chambers einzuladen. Bolt neben Chambers? Das wollen sie nicht. Ich werde niemanden zwingen, Chambers einzuladen. Denn immer wenn er auftaucht, besteht die Gefahr, dass sofort alle Scheinwerfer auf ihn gerichtet sind und es nicht mehr um die richtige Leichtathletik geht. Journalisten interessieren sich immer sehr für Doping. Wir werden uns nochmal mit Chambers beschäftigen, denn die Geschichte läuft ja weiter.
Was könnten Sie unternehmen?
Chambers hat ein Buch geschrieben, das lesen gerade unsere Juristen. Wenn das Buch Passagen enthält, in denen Chambers unseren Sport in Verruf bringt, könnte er noch einmal gesperrt werden. Dafür haben wir eine Regel.
In der neuen Diamond League finden von den 47 Disziplinen nur 32 statt, Gehen und Hammerwerfen zum Beispiel nicht. Ist das der Anfang davon, solche Disziplinen auszulagern oder zu streichen?
Nein. Bei den Weltmeisterschaften werden immer alle Disziplinen stattfinden. Das sind unsere Weltmeisterschaften.
Ein großes Duell, etwa über 100 Meter zwischen Usain Bolt und Tyson Gay, scheitert oft daran, dass sich beide aus dem Weg gehen und nur bei Olympia oder der WM gegeneinander laufen. Wird es nun bei der Diamond League diese Duelle geben?
Ja, wir werden Verträge mit den Sportlern abschließen. Es wird nicht so oft sein wie im Tennis zwischen Federer und Nadal. Aber wenn es uns gelingt, Bolt und Gay zweimal vor und zweimal nach der WM oder Olympia zusammenzubringen, ist das schon eine gute Sache. Vielleicht nicht jedes Mal über dieselbe Strecke, mal über 100 Meter, mal über 200. Aber gegeneinander.
Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.