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  • 10.09.2010
  • von Von Jutta Braun und René Wiese

Von Jutta Braun und René Wiese: Ein Abschied für lange Zeit

von Von Jutta Braun und René Wiese

Vor 60 Jahren trafen Hertha und Union zuletzt in einem Ligaspiel aufeinander

Auf dieses Spiel freuen sich die Berliner Fußballfans seit Wochen: Am kommenden Freitag empfängt der 1. FC Union in seinem Stadion an der Alten Försterei Hertha BSC zum Duell in der Zweiten Liga. Bis dahin erinnern wir an historische Berliner Derbys.

Der Schuss war eiskalt. Chance um Chance hatte der Gegner schon vergeben, die Fans auf den Steintribünen hatten sich mehrmals die zurückgekämmten Haare gerauft. Im Poststadion, in der vom Krieg zernarbten Mitte Deutschlands, sahen 10 000 Berliner ein Fußballduell, das erst im Nachhinein historisch werden sollte: Union gegen Hertha. Dann setzte Erwin Wax zum Schuss an. Und traf für Union.

Es sollte das letzte Ligaspiel sein zwischen einer Ost-Berliner Union und einer West-Berliner Hertha, aber das konnte an diesem 30. April 1950 noch niemand wissen. Weil die SG Union Oberschöneweide, die zu den Vorläufern des heutigen 1. FC Union zählt, gerade ihr Stadion renovierte, musste sie ins Poststadion im Tiergarten ausweichen, gleich hinter der Sektorengrenze – und das war für Spieler und Zuschauer gar kein Problem. Die DDR war schon gegründet, aber die Grenzen standen noch offen. Und so strömten die Menschen aus Ost und West, aus Nord und Süd zum Derby gegen Hertha BSC – am letzten Spieltag der damals noch gemeinsamen Berliner Stadtliga.

Erwin Wax war kein besonders großer Stürmer. Er war ein kompakter Typ, stämmig und wendig zugleich. Für eine Überraschung war er immer gut. Die erste Halbzeit war schon fast gelaufen, die Hertha hätte längst führen müssen, da nahm sich Unions Bester ein Herz. Sein Schuss durchzog den Strafraum und landete schließlich im Netz. Ein eiskalter Schuss, wie die Zeitungen später schrieben.

Beide Klubs hatten zu diesem Zeitpunkt turbulente Nachkriegsjahre hinter sich: Wie alle Berliner Vereine waren Hertha BSC und SC Union Oberschöneweide nach dem Krieg auf Weisung der Alliierten aufgelöst worden, da sie als Teil des nationalsozialistischen Gesellschaftssystems galten. Vereinsvermögen und Namen wurden einkassiert. Seit 1948 lief die Entwicklung in Ost und West jedoch deutlich auseinander: In den Westzonen wurde ein bürgerliches Vereinswesen wiederbelebt, so dass Hertha BSC bald die Wiederzulassungsurkunde in Händen hielt und auch den alten Namen wieder führte. Die Elf aus Oberschöneweide hingegen, beheimatet in der Sowjetischen Besatzungszone, durfte sich nicht wieder Sportclub (SC) nennen. Stattdessen signalisierte ein kleines Kürzel im Namen die neue sportpolitische Linie in Richtung Sozialismus: Union firmierte künftig als Sportgemeinschaft (SG).

Sportlich fasste Union jedoch schneller wieder Tritt: Seit jeher eine der spielstärksten und erfolgreichsten Mannschaften der Stadt, gelang ihr 1947 der Aufstieg in die höchste Spielklasse Berlins sowie der Berliner Pokalsieg, 1948 wurde Union sogar Berliner Meister. Die Hertha trug dagegen nur noch ihren glorreichen Namen aus der Zeit der Weimarer Republik, als sie sechsmal hintereinander das Finale um die deutsche Meisterschaft erreicht und 1930 und 1931 die Meistertrophäe Viktoria nach Berlin geholt hatte. Erst 1949 gelang auch der Elf vom Gesundbrunnen der Aufstieg in die Stadtliga.

Das Spiel im Poststadion hatte für beide Klubs unterschiedliche Bedeutung: Während sich Hertha bereits den Klassenerhalt gesichert hatte, kämpfte Union noch um Platz zwei in der Stadtliga, der zur Teilnahme an der Endrunde um die deutsche Meisterschaft berechtigte. Die Unioner um Kurt Senglaub, Richard Strehlow und eben Erwin Wax kamen aber zunächst nicht ins Spiel. Bis der 29 Jahre alte Wax zum 1:0 traf. Über sein Tor bemerkte die Ost-Berliner „Neue Fußball-Woche“: „Wenn man sehen will, wie man Chancen verwertet, muss man auf die Chance von Wax gucken.“ Am Ende gewann Union 5:1 und qualifizierte sich für das Achtelfinale der deutschen Meisterschaft. In Kiel sollte es gegen den Hamburger SV gehen. Dann aber kam die Politik ins Spiel.

Dass eine DDR-Mannschaft an der (west-)deutschen Meisterschaftsrunde teilnahm, hätte eigentlich noch kein Problem darstellen sollen. Die Gründung der DDR im Oktober 1949 hatte schließlich auch der Einheit des Berliner Fußballs vorerst nichts angehabt. Allerdings geriet Union in sportpolitische Kleinkriege. Die Fußballfachverbände – der Verband Berliner Ballspielvereine (VBB) und Fußballsparte Ost – stritten über die Einführung professioneller Strukturen: Der VBB war dafür, der Osten strikt dagegen. Zum Ende der Spielzeit zog er seine Mannschaften schließlich aus der Berliner Stadtliga zurück. Für die Unioner kam es noch schlimmer. Sie sollten auch keine neue Heimat in der DDR-Oberliga finden dürfen. Etwas zu lautstark hatte man sich für die Wiedererlangung des alten Namens SC eingesetzt. Wegen „bürgerlicher Unterwanderung“ wurde ihnen das Startrecht in der DDR-Oberliga verweigert. Außerdem wurde den Unionern auch die Teilnahme am Endrundenspiel um die deutsche Meisterschaft untersagt. Für das anberaumte Spiel gegen den HSV in Kiel erhielten die Spieler keine Reisepässe. Daraufhin flüchteten die Stars in den Westteil der Stadt, unter ihnen auch Erwin Wax.

Die zweite Halbzeit im Poststadion war eine einseitige Sache. Die Unioner kontrollierten das Spiel und kombinierten die Hertha nach der Pause schwindlig. Unions Trainer Hanne Sobek, ein altes Hertha-Idol vergangener Tage, hatte seine Mannschaft hervorragend eingestellt, lobten später die Reporter. Zitate der handelnden Personen sind nicht übermittelt.

Nach dem Spiel trennte sich Union. In Anlehnung an den traditionellen Namen tauften die Abtrünnigen ihren West-Ableger nun SC Union 06. Im Mai 1950 hoben sie trotzig vom Flughafen Tempelhof Richtung Kiel ab. Dort verlor das zersplitterte Team zwar 0:7 gegen den HSV, doch langfristig gelang die Etablierung als West-Berliner Spitzenmannschaft. 1953 holte Union den Berliner Meistertitel. Erwin Wax war noch dabei.

Auch der in Köpenick verbliebene Rest der Unioner fand eine neue sportliche Existenz: Der angeblich „bürgerlichen Spieler“ entledigt, durfte man als Motor Oberschöneweide, aus dem nach mehreren Namenswechseln 1966 schließlich der 1. FC Union hervorging, doch in der DDR-Oberliga mitmachen. Die Fußballeinheit Berlins war jedoch auf Jahrzehnte zerbrochen. Erst 60 Jahre nach dem Spiel im Poststadion treffen Hertha und Union nun erstmals wieder in einer Liga aufeinander.

Die Autoren forschen am Zentrum Deutsche Sportgeschichte.

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