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  • 03.03.2018
  • von Stefan Hermanns, Michael Rosentritt

Fabian Lustenberger von Hertha BSC: "Die jungen Spieler treten heute ganz anders auf"

von Stefan Hermanns, Michael Rosentritt

Zwischenzeitlich war Fabian Lustenberger auch Kapitän. Foto: imago

Herthas dienstältester Spieler Fabian Lustenberger spricht vor dem Spiel gegen Schalke über die Veränderungen im Verein, Handys in der Kabine und die Zeit nach seiner Karriere.

Herr Lustenberger, vor einer Woche haben Sie mit Hertha BSC erstmals einen Punkt bei den Bayern geholt. Haben Sie jetzt überhaupt noch Ziele?

Mal in München gewinnen! Bei den Bayern habe ich eigentlich alles erlebt: knapp verloren, unglücklich verloren und richtig auf’n Deckel gekriegt. Jetzt sind wir erstmals ohne Gegentor geblieben. Aber ich war bestimmt nicht der Einzige, der in München noch keinen Punkt geholt hat. Das habe ich jetzt geschafft. Da könnte ich eigentlich aufhören (lacht).

Es gibt ja noch Schalke.

Habe ich da auch noch nie einen Punkt geholt? Kann sein, ja.

Herthas letzter Punktgewinn in Gelsenkirchen datiert aus dem Jahr 2005.

Das war knapp vor meiner Zeit, stimmt. Dann wäre es doch schön, wenn es diesmal klappen würde.

Sie sind 2007 aus Luzern nach Berlin gekommen. Waren Sie traurig, dass Ihr Zehnjähriges nicht so groß gefeiert worden ist wie das von Franck Ribéry bei den Bayern?

Ich sag mal so: Wenn nichts gekommen wäre, wäre ich enttäuscht gewesen. Aber es wurde sehr wertgeschätzt. Ich habe viel Anerkennung, ein eingerahmtes Bild und auch eine Uhr vom Verein bekommen. Dazu hat Herthas Medienabteilung an dem Tag einiges gemacht und sich sehr viel Mühe gegeben. Sie hat die alten Videos noch mal rausgekramt, zum Beispiel das von meiner ersten Pressekonferenz. Als ich mich da gesehen habe – Wahnsinn. Ich fand das super, habe mich sehr gefreut und mich bei der Medienabteilung mit einer Runde Pizza bedankt. Anerkennung und Wertschätzung sind nun mal das Schönste, für einen Fußballer genauso wie für jeden anderen Menschen.

Wenn Sie an Ihre Anfänge zurückdenken: Was hat sich am meisten verändert?

Die jungen Spieler. Die sind heute fast alle schon auf einem Topniveau. Früher bist du mit 21 oder 22 ins kalte Wasser geworfen worden, heute wirst du mit 17, 18 reingeschmissen, und du musst bestehen. Wenn du es mit 20 nicht geschafft hast, heißt es gleich: Es reicht nicht. Die jungen Spieler treten heute auch ganz anders auf als ich früher. Sie verdienen schon sehr viel Geld, da hat sich einiges verschoben. Aber ich sehe das gar nicht negativ. Ich denke mir meinen Teil und lass’ sie einfach machen. In der Kabine sind die Jungs beispielsweise für die Musikauswahl zuständig. Wenn wir das früher gemacht hätten, hätte es gleich eine Ansage gegeben: Mach das Ding aus! Wir hören hier überhaupt keine Musik!

Wie bereitet man sich als Fußballprofi aufs Älterwerden vor?

Ganz ehrlich: Ich tu mich noch schwer damit, mir Gedanken zu machen, was nach dem Fußball kommt. Ja, ich werde bald 30, habe aber nicht das Gefühl, dass ich in den nächsten ein, zwei Jahren so abbaue, dass ich nicht mehr spielen kann. Mein Problem ist häufig: Es muss erst etwas passieren, damit ich meinen Hintern hoch kriege. Ich weiß, dass das die falsche Herangehensweise ist, aber das ist ein bisschen mein Naturell.

Sehen Sie sich nach Ihrer Karriere weiter im Fußball?

Auf jeden Fall. Wenn es möglich ist.

Und wo?

Ich hatte immer die Vorstellung, als Trainer zu arbeiten. Das muss nicht bei den Profis sein. Ich sehe mich sogar eher als Jugendtrainer. Aber selbst da wäre ich wieder jeden Tag auf dem Fußballplatz und am Wochenende unterwegs. Die Familie müsste also wieder zurückstehen. Deshalb überlege ich gerade, was sinnvoll wäre.

Wie lange wollen Sie noch Fußball spielen?

Plump gesagt: So lange, wie es geht. Ich habe keinen Masterplan, dass ich sage: Bis 35 spiele ich Fußball, und danach kommt dieses oder jenes. Mit Planen tu ich mich, wie gesagt, ein bisschen schwer.

Was ist Ihnen wichtiger: So lange wie möglich zu spielen oder Ihre Karriere bei Hertha zu beenden?

Ich bin knapp elf Jahre hier. Da kann ich mir natürlich vorstellen, noch länger zu bleiben. Sollte irgendwann der Moment kommen, dass ich von Hertha weggehe, würde mir das extrem schwerfallen. Aber ich bin froh, dass ich nie Versprechungen abgegeben habe. Vielleicht bin ich in ein, zwei Jahren bei Hertha nicht mehr erwünscht – was ich nicht hoffe. Ich bin froh, dass es im Moment so gut für mich läuft. Ich habe ja auch noch einen Vertrag bis 2019, und es wird sicher irgendwann Gespräche geben. Da bin ich relativ entspannt.

Waren Sie selbst ein bisschen überrascht, dass es wieder so gut läuft?

Überrascht nicht unbedingt. Weil ich wusste, dass ich fit bin. Das ist immer ein gutes Zeichen. Trotzdem war die Saison ein Auf und Ab. An den ersten vier Spieltagen habe ich keine einzige Sekunde gespielt, dann bin ich durch die Europa League in die Mannschaft gerutscht. Zwischendurch gab es wieder ein Tief, wo ich komplett draußen war, und jetzt spiele ich quasi seit Ende der Hinrunde durch.

Was tun Sie, damit sie fit bleiben?

Ich komme jetzt in ein Alter, wo man mehr für seinen Körper tun muss. Nach den Spielen braucht er schon einen Tag mehr. Und wenn ich zu wenig Schlaf bekomme, hängt mir das gefühlt drei Tage nach. Mein Pflichtbewusstsein in Sachen Regeneration ist gestiegen. Ich bin oft bis 17 oder 18 Uhr hier auf dem Gelände, lasse mich pflegen oder steige ins Eisbad.


"In der Kabine checken alle erst mal das Handy."

Ihr Trainer Pal Dardai lobt Sie für Ihre Fähigkeit, ein Spiel zu lesen. Er sagt aber auch, dafür müssten Sie fit und geistig wach sein. Fühlen Sie sich treffend beschrieben?

Ich weiß zumindest, was er meint. Aber man kann nicht sagen: Heute fühle ich mich müde, heute kann ich nicht spielen. Das merkt man im Spiel. Wenn dir die ersten Pässe gelingen, du die ersten zwei, drei Zweikämpfe gewinnst, ist egal, wie müde du bist. Ich weiß, dass ich für mein Spiel eine körperliche und geistige Frische brauche, weil ich Fußball mit dem Kopf spiele.

Ist das wie beim Bücherlesen? Man muss mit den Gedanken bei der Sache sein, damit man auch versteht, was man liest.

Genau. Aber du darfst auch nicht zu verkrampft sein. Früher hatte ich bestimmte Rituale, gefühlt zehn. Wenn ich die nicht gemacht und schlecht gespielt habe, dachte ich: Mist, beim nächsten Mal musst du das wieder richtig machen, damit es auch auf dem Feld funktioniert. Dann musste ich dieselben Kopfhörer aufsetzen wie beim letzten Sieg. Das hat mich fast irre gemacht. Und irgendwann habe ich mich gefragt: Was haben eigentlich die Kopfhörer damit zu tun, ob du gut oder schlecht spielst? Nichts. Man muss fokussiert sein und sich trotzdem eine gewisse Lockerheit erhalten.

Lesen Sie?

Nicht so viel. Ich würde gern mehr lesen, bin aber nicht so ausdauernd. Ich fange Bücher an, nehme sie auch mit auf die Auswärtsreisen und denke dann: Ach, komm, ich lese morgen weiter. Irgendwann bist du so aus dem Buch raus, dass du eigentlich wieder von vorn anfangen müsstest. Letztens habe ich ein Buch über digitale Erschöpfung gelesen. Das war hoch interessant. Es ging darum, wie ich mein Leben mit diesem ganzen Handyzeug wieder in den Griff kriege.

Hat sich Ihr Digitalkonsum verändert?

Nein, leider nicht. Es ist schwierig. Und ich ertappe mich selbst immer wieder. Mein Handy liegt jetzt auch hier auf dem Tisch, dabei hätte ich es auch in der Kabine lassen können, weil ich es während unseres Gesprächs sowieso nicht benutzen werde. Genauso ist es, wenn du essen gehst. Eigentlich gehört das Smartphone in die Tasche, stattdessen liegt es auf dem Tisch. Man guckt immer drauf und macht und tut. Das nennt man wohl Automatismen – wie im Fußball. Was glauben Sie, was das Erste ist, was die Spieler tun, wenn sie nach dem Training in die Kabine kommen? Sie setzten sich auf ihren Platz und nehmen ihr Handy in die Hand.

Gibt es da Unterschiede zwischen einem 17- und einem 33-Jährigen?

Nein, null. Alle checken erst mal das Handy. Manche nur kurz, weil sie fünf Whatsapp-Nachrichten bekommen haben. Andere gehen bei Instagram einmal durch, was sie in den letzten eineinhalb Stunden verpasst haben. Und ich behaupte mal, im Trainerbüro wird es ähnlich sein. Du kannst das nicht mehr zurückdrehen. Wenn du das verbieten wolltest, müsstest du am Eingang einen Schrank aufstellen, in dem die Handys vor dem Training weggeschlossen werden.


"Als Kapitän vor der Mannschaft irgendwas sagen - das ist nicht so mein Ding gewesen"

Wenn Sie die vergangenen zehn Jahre Revue passieren lassen. Welcher frühere Mitspieler geht Ihnen nicht aus dem Kopf?

Marko Pantelic, ganz klar. Der Typ war Wahnsinn, ein Phänomen. Aber nur positiv. Ich kann nichts Negatives über ihn sagen. Samstag hat er gespielt und jedes Mal gefühlt zwei Tore geschossen, Sonntag war er beim Auslaufen. Montag, Dienstag, Mittwoch in der Reha, Donnerstag ist er gelaufen, Freitag Abschlusstraining, Samstag gespielt und getroffen – unglaublich, wirklich.

Lucien Favre, den damaligen Trainer, hat das auf die Palme gebracht.

Das kann ich mir gut vorstellen, weil Favre ganz verrückt war auf Automatismen. Aber Marko war eben Marko. Ein Phänomen. Und ein sehr ehrlicher Mensch.

Nehmen wir mal an, Herthas Mannschaft von heute spielte gegen die, die 2009 die fast Meister geworden wäre. Was wäre das für ein Spiel?

Schwierig. Ich glaube das wir jetzt mehr Tempo haben, vielleicht auch ein bisschen mehr Kreativität. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir damals 14 Spiele mit einem Tor Unterschied gewonnen. Das war Wahnsinn. Wenn du das 1:0 gemacht hast, wusstest du, dass du das Spiel eigentlich schon gewonnen hast oder es zumindest nicht mehr aus der Hand geben wirst. Damals hatten wir sehr viele erfahrene Spieler dabei: Drobny im Tor, Friedrich und Simunic in der Abwehr, Pal auf der Sechs, vorne Cicero, Raffael, Woronin und Pantelic. Die Mannschaft war rein von den Namen her größer, talentierter ist die Mannschaft von heute.

Welcher Trainer hat Sie bei Hertha am meisten geprägt?

Jeder Trainer hat seine eigene Philosophie, seine eigenen Übungen im Training. Da nimmst du von jedem etwas mit. Lucien Favre hat sehr viel Einzeltraining mit mir gemacht. Wir haben mit zwei Kontakten gegeneinander gespielt. Es gab eine Regel: Er gewinnt. Wenn er Bälle gespielt hat, die du nicht annehmen konntest, war es dein Fehler. Aber dieses Training mit ihm hat mich individuell weitergebracht.

Wie war es mit den anderen Trainern?

Bei Markus Babbel habe ich in der Zweiten Liga gespielt, nach dem Aufstieg dann nicht mehr. Aber ich hege keinen Groll gegen ihn. Zu Otto Rehhagel kann ich wenig sagen, weil ich damals verletzt war, und bei Jos Luhukay habe ich noch einmal einen Sprung gemacht, vom Mittelfeldspieler zum Innenverteidiger und zum Kapitän. Das war eine einschneidende Erfahrung.

Inwiefern?

Du wirst plötzlich mit ganz anderen Augen gesehen. Ich erinnere mich noch an mein erstes Spiel als Kapitän, im Pokal gegen Neumünster. Am nächsten Tag wurde mir allen Ernstes zur Last gelegt, dass ich die Seitenwahl verloren habe. Da habe ich gemerkt: Okay, ab jetzt weht ein anderer Wind. Wenn alles gut läuft, hast du deine Ruhe. Aber wenn es nicht läuft, kommen alle auf dich zu. Dann musst du gefühlt jeden Tag vor der Mannschaft stehen und irgendwas sagen. Das ist nicht so mein Ding gewesen. Ich fand es bei anderen Kapitänen zwar okay, wenn sie Brandreden gehalten haben. Aber ich war deswegen nicht 20 Prozent mehr motiviert. Mit Reden kommst du nicht weiter. Entscheidend ist für mich die Leistung auf dem Platz.

Das heißt: Sie sind nicht traurig, dass Sie nicht mehr Kapitän sind.

Es ist okay, dass ich nicht mehr Kapitän bin. Definitiv.

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