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  • 10.08.2013
  • von nbsp;Sebastian Leber

Heckler & Koch: Man schießt deutsch

von nbsp;Sebastian Leber

die Hände der brutalen Dschandschawid-Milizen gelangt.

Nicht Panzer oder Kampfjets töten weltweit die meisten Menschen in Kriegen, sondern Kleinwaffen. Einige der beliebtesten Modelle stammen von Heckler & Koch. Und sie tauchen auch in Regionen auf, in denen sie gar nicht sein dürften

Heckler & Koch ist die tödlichste Firma Europas. Diesen Satz kann man bei Protestaktionen und Podiumsdiskussionen hören, auf Flugblättern und im Internet lesen. Wer bei der Rüstungsschmiede im baden- württembergischen Oberndorf anfragt, ob der Satz denn nachvollziehbar sei oder ob das Unternehmen nicht juristisch dagegen vorgehen wolle, erhält: keine Antwort.

Wann immer sich in der Öffentlichkeit darüber empört wird, dass Deutschland zu den drei führenden Rüstungsexportnationen der Welt gehört, richtet sich der Fokus rasch auf die großen, milliardenschweren Deals, die Verkäufe von U-Booten oder Panzern. Dabei, sagen Kritiker, seien Exporte von Kleinwaffen – also solchen, die bloß von einer einzigen Person gehalten und bedient werden – deutlich verheerender. Weil keine andere Waffengattung mehr Leben beende.

Der Spruch mit der tödlichsten Firma Europas stammt von Jürgen Grässlin, 55, Buchautor und Waffenexperte aus Freiburg. Seit fast 30 Jahren versucht er, Aufmerksamkeit auf die Exporte des wichtigsten deutschen Kleinwaffenproduzenten Heckler & Koch zu lenken. Dessen Erfolgsmodelle, die Sturmgewehre G3 und G36, werden weltweit von Militärstrategen befreundeter Staaten geschätzt. Aber auch von Diktatoren, Bürgerkriegsmilizen und anderen Menschenrechtsverletzern, außerdem Terrorgruppen. Nicht selten kommen bei kriegerischen Auseinandersetzungen auf beiden Seiten H&K-Waffen zum Einsatz. Gibt es überhaupt Regionen auf der Welt, in denen man keine Produkte von Heckler & Koch findet? Doch klar, sagt Jürgen Grässlin. Erstens in Teilen des ehemaligen Ostblocks, wo immer noch der Kalaschnikow die Treue gehalten wird. Zweitens in der Antarktis.

Eigentlich hatte Grässlin ein ganz anderes Leben geplant. Als junger Mann wollte er mit seiner Frau nach Afrika gehen, dort eine Schule aufbauen. Dann erzählten ihm Freunde vom deutschen Waffenhandel und den Folgen für Entwicklungsländer. Da dachte er: Wie unsinnig wäre es, hier wegzugehen, wenn ich doch vor Ort etwas verändern kann. 2800 Vorträge hat er seitdem gehalten, ist Vorsitzender des anerkannten Rüstungsinformationsbüros in Freiburg und Sprecher der bundesweiten Kampagne „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“, wurde für seine Arbeit mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet.

In seinem neuen Werk „Schwarzbuch Waffenhandel. Wie Deutschland am Krieg verdient“ (Heyne-Verlag) hat Jürgen Grässlin geschätzt, wie viele Menschen durch Waffen von H&K ums Leben gekommen sind. Zugrunde legte er Datenmaterial des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, von Militärs, Flüchtlingsorganisationen und H&K-Mitarbeitern. Es seien 114 Menschen pro Tag, sagt Grässlin, insgesamt mehr als zwei Millionen seit Beginn der G3-Produktion in den 1950er Jahren. Heckler & Koch nennt solche Zahlen „selbst gebastelte Berechnungen und statistische Spielereien“, die objektiv nicht überprüfbar seien. 

Nach Angaben der Bundesregierung sind die deutschen Sturmgewehre allein auf offiziellem Weg in mehr als 80 Staaten gelangt, durch legale Exporte, genehmigt vom Bundeswirtschaftsministerium, in heiklen Fällen auch vom geheim tagenden Bundessicherheitsrat, dem die Kanzlerin vorsteht. Mindestens 13 weitere Länder haben sich Lizenzen erkauft, damit sie auf eigenem Boden und dauerhaft die deutschen Sturmgewehre nachbauen dürfen – darunter etwa Pakistan, Saudi-Arabien, Türkei und Iran. Wohlgemerkt: Dies sind die Staaten, die Deutschland für vertrauenswürdig hielt.

Weiterhin werden die Sturmgewehre aber auch in etlichen Ländern eingesetzt, die nach deutschem Recht niemals Waffen der Bundesrepublik geliefert bekommen dürften. Was nur bedeuten kann, dass Kunden ihre Ware an Drittstaaten weiterverkauft haben. Heckler & Koch weist in dieser Frage jede Schuld von sich, das Zauberwort lautet: Endverbleibserklärung. Die muss jedes Land unterschreiben, das von der Bundesregierung für würdig befunden wird, deutsche Waffen zu erhalten. In dem Schreiben verpflichtet sich das Empfängerland, die erhaltenen Waffen nicht an Drittländer weiterzugeben. Dass dies dennoch mehrfach geschehen ist, lässt sich nicht leugnen – nur übernimmt die deutsche Firma dafür keine Verantwortung. Ein Sprecher erklärte: „Eine kriminelle Beschaffung von Waffen in anderen Ländern kann weder durch uns noch durch die Bundesregierung kontrolliert oder sanktioniert werden, sondern dies muss durch die staatlichen Polizei- und Justizbehörden vor Ort geschehen.“

Gemäß den politischen Grundsätzen zum Rüstungsexport der Bundesregierung würden, sobald eines der Käuferländer gegen die Endverbleibserklärung verstößt und dies nachgewiesen wird, sämtliche Waffenlieferungen in das betreffende Land sofort gestoppt. Dies ist bis heute kein einziges Mal geschehen. Trotzdem halten Bundesregierung und Heckler & Koch allen Ernstes an der Parole fest: Das Kontrollsystem funktioniert!

Manche Zahlen gibt das Unternehmen von sich aus preis. Zum Beispiel wie viele Spenden zwischen 2002 und 2011 an Bundestagsparteien geflossen sind: 70 000 Euro an die CDU, 20 000 an die FDP und 3000 an die SPD. Unterstützt würden solche Parteien, „deren sicherheitspolitische Programmatik die Verlässlichkeit der Bundesrepublik Deutschland als Nato- Partner in den Mittelpunkt stellt“.

Wie sehr Exporte und Lizenzverkäufe den Sicherheitsinteressen Deutschlands schaden können, zeigt das Beispiel Irans. In den 1960er Jahren galt das Land noch als Verbündeter des Westens. Schah Mohammad Reza Pahlavi ersuchte die Bundesregierung, das G3 im Iran nachbauen zu dürfen. 1967 halfen deutsche Ingenieure beim Bau einer kompletten Fabrik, verrieten das notwendige Know-how. Die Anlage produzierte auch nach der Islamischen Revolution 1979 weiter, bis heute gilt das G3 als Standardwaffe der dortigen Armee. Gleichzeitig produziert der Iran für Drittländer, rüstete etwa die Truppen des Gewaltherrschers Idi Amin in Uganda aus. Zigtausendfach wurde das G3 auch in den Sudan verkauft: Dort wurde es von Milizen zur Ermordung der Zivilbevölkerung eingesetzt.

In den schmutzigsten Kriegen Afrikas wird das G3 aber langfristig vom moderneren G36 abgelöst, glaubt Jürgen Grässlin. Das ist nämlich leichter und kürzer. Und passt somit viel besser in Kinderhände.

 

– Am 1. September liest Jürgen Grässlin in Berlin aus seinem „Schwarzbuch Waffenhandel“: um 13 Uhr im Brauhaus Hasenheide, um 18 Uhr im Ökumenischen Zentrum Wilma in der Wilmersdorfer Str. 163.

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