• 25.05.2010
  • von Tilmann Warnecke

Propaganda und Pädogogik Streit um Jan-Hendrik Olbertz’ Rolle in der DDR

von Tilmann Warnecke

Foto: ddp

Wie nahe stand Jan-Hendrik Olbertz, Kultusminister von Sachsen-Anhalt und gewählter Präsident der Humboldt-Universität (HU), dem SED-Regime? Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk erhebt schwere Vorwürfe. Olbertz habe mit seiner 1989 an der Uni Halle verfassten Habilitation eine „Propaganda-Schrift vorgelegt, die einzig und allein der Stützung und Stabilisierung der SED-Herrschaft dient“. Auch seine Dissertation sei „von der ersten bis zur letzten Seite dem Marxismus-Leninismus verpflichtet“.

Kowalczuk hat Olbertz’ Schriften im Fach Erziehungswissenschaft für einen Vortrag ausgewertet, der dem Tagesspiegel vorliegt und den er Ende vergangener Woche hielt. Der Theologe Richard Schröder reagierte auf „Spiegel Online“ entsetzt: Die HU habe sich mit der Wahl von Olbertz „einen Bärendienst erwiesen“. Rolf Emmermann, der als Vorsitzender des Kuratoriums und der Findungskommission verantwortlich ist, verteidigte dagegen den neuen Präsidenten. Olbertz sagte auf Anfrage, es sei „unfair“, die Arbeiten an den Maßstäben einer freien Gesellschaft zu messen: „Verbale Zugeständnisse waren unumgänglich.“

Olbertz soll sein Amt im Oktober antreten. Noch ist der 55-jährige parteilose Erziehungswissenschaftler für die CDU Kultusminister in Sachsen-Anhalt. Als Professor war er an der Uni Halle. Dort begann zu DDR-Zeiten auch seine wissenschaftliche Karriere. Olbertz sei in seiner Habilitation „unbeeindruckt“ von den Entwicklungen in der DDR der achtziger Jahre gewesen, urteilt Kowalczuk, der beim Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität arbeitet: „Uns begegnen hier politikberatende Ausführungen, die die kommunistische Herrschaft auf Dauer absichern sollen.“ Die Sprache klinge, „als käme sie aus einer ZK-Abteilung“.

Vieles seien zwar „ideologische Plattitüden“. Kowalczuk wundert sich aber, dass das nicht auf Vor- und Nachwort beschränkt sei. So habe Olbertz Honecker und Lenin „besonders häufig zustimmend zitiert“, obwohl das damals an den DDR-Unis nicht mehr notwendig gewesen sei. In den 200 Seiten der Dissertation „wimmelt es nur so von Zitaten kommunistischer Funktionäre wie Erich und Margot Honecker, Kurt Hager oder Egon Krenz“.

In seinem Vortrag listet der Historiker viele Zitate aus den Schriften Olbertz’ auf, die aus seiner – Kowalczuks – Sicht das DDR-Regime stützten. So schrieb Olbertz, nur im Sozialismus könne sich Wissenschaft moralisch entfalten. Unter kapitalistischen Bedingungen gebe es keine Autonomie, man solle nur die 50 Millionen Arbeitslosen und 300 Millionen ohne Vollbeschäftigung anschauen. Olbertz verfasste seine Dissertation 1981 zum Thema „Über den Zusammenhang von Studienmoral und studentischer Selbsttätigkeit“. 1989 legte er seine Habilitation vor. Der Titel lautete „Akademisches Ethos und Hochschulpädagogik“.

Der Theologe Schröder verurteilte Olbertz: „Er war ein Dünnbrettbohrer, wenn er sich ein Promotions- und Habilitationthema ausgesucht hat, das ihn veranlasst hat, in diesem Umfang ideologischen Blödsinn von sich zu geben.“ Olbertz irre, wenn er behaupte, das sei den Rahmenbedingungen der DDR geschuldet: „Er hätte auch andere Themen wählen können.“ Schröder gründet sein Urteil auf den Vortrag Kowalczuks, der ihm vorlag.

Die Aussagen Schröders seien „sehr oberflächlich“, kontert Olbertz gegenüber dem Tagesspiegel. Als Theologe habe man es in der DDR leichter gehabt zu sagen: „Such Dir doch ein anderes Thema.“ Dieses Maß an Unabhängigkeit habe es in der Pädagogik nicht gegeben. Natürlich sei ihm das „sozialistische Kauderwelsch“ heute „peinlich“.

Der Vorwurf, er habe dem SED-Regime nahe gestanden, sei „ungeheuerlich“. Er habe sich so gut es ging vom Parteiapparat distanziert, einen Eintritt in die SED verweigert. „Ich stand immer unter einem enormen politischen Druck.“ Seine Arbeiten habe er nach der Wende nie versteckt, sie seien bekannt gewesen.

Der Vorgang ist für die HU heikel: Schließlich steht die nächste Runde in der Exzellenzinitiative bevor, eine Diskussion um den neuen Präsidenten dürfte die Uni kaum voranbringen. Auch vor dem Hintergrund, dass das Findungsverfahren von HU-Angehörigen als intransparent kritisiert wurde, wäre es für den Vorsitzenden der Findungskommission unangenehm, sollte es Debatten um den Gewählten geben. Der Vorsitzende Rolf Emmermann steht zu der Personalie: „Es gibt keinen Anlass, die Entscheidung zu revidieren.“

Die Mitglieder der Findungskommission hätten die Schriften zwar nicht gelesen. Über seine DDR-Zeit habe man mit Olbertz aber ausführlich gesprochen. Olbertz habe „keineswegs verheimlicht“, dass sich in den Schriften Passagen finden, die er heute so nicht mehr formulieren würde. Entscheidend sei, dass Olbertz nicht bei der Stasi oder IM war oder Leuten geschadet habe. Die Findungskommission habe sich bei anderen Erziehungswissenschaftlern über Olbertz’ Reputation erkundigt: „Das Urteil war ausgesprochen positiv.“ Er halte es für „unfair“, dass über Olbertz’ Haltung zum SED-Regime geurteilt werde, ohne ihn selbst anzuhören.

Auch Peter Hartig, der Studierendenvertreter in der Findungskommission, stellte sich hinter Olbertz. Dieser habe sich auch vor dem Wahlgremium, dem Konzil, „explizit“ zu seinen DDR-Schriften geäußert. Er könne sich nicht vorstellen, dass Olbertz daraus jetzt „ein Strick gedreht“ werde. Tilmann Warnecke

  • Erschienen am 25.05.2010 auf Seite 29

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