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  • 14.11.2017
  • von Astrid Herbold

Kritik an Akademikern und Universitäten: Erfolg schafft Neider

von Astrid Herbold

Muffige Talare. Am 9. November 1967 protestierten Studierende an der Universität Hamburg mit einem Banner, das berühmt wurde. Zum 50. Jubiläum wurde der Text wieder präsentiert. – Theorien, mit denen die revoltierenden 68er Studierenden sich befassten, gelangten bald in reguläre Veranstaltungen der Geisteswissenschaften. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Weltfremd und herrschaftsnah: Schon immer stand die Universität in der Kritik. Was ist dran am Antiakademismus?

Erfolg schafft Neider. So könnte man, in drei Worten, die Geschichte des Antiakademismus umreißen. Die Universität sei nicht nur „eine der ältesten, sondern auch eine der erfolgreichsten Institutionen der Moderne“, schreiben die Kulturwissenschaftler Hanna Engelmeier und Philipp Felsch in dem gerade erschienenen Band „Antiakademismus“. Aber wo viel Anerkennung, da ist meist auch viel Ablehnung. Ebenso lange wie es wissenschaftliche Institutionen gibt, existiert der Vorwurf, „dass sie unnützes Wissen produzieren, dass sie Konformismus und Mittelmaß prämieren oder ideologische Staatsapparate sind“.

Kein Grund zur Aufregung also? Weil antiakademische Krittelei ohnehin seit Jahrhunderten in Dauerschleife läuft?

Ganz so harmlos ist es nicht. Die Universitäten stehen derzeit so stark unter Druck wie seit Langem nicht mehr. Vor allem dort, wo Rechtspopulisten an die Macht kommen, wird es für die freie Wissenschaft ungemütlich. Da droht der Staat schon mal mit dem Entzug von Forschungsgeldern (USA) oder der Schließung von Elite-Universitäten (Ungarn). In der Türkei sitzen seit Monaten viele kritische Wissenschaftler im Gefängnis.

Skepsis, Wut, offener Hass gegen alles Akademische

Warum in solch trüben Zeiten noch Wasser auf die Mühlen der Gegner kippen und sich überhaupt mit den Vorurteilen gegen die Wissenschaft beschäftigen? Ganz einfach: Weil man den Argumenten besser begegnen kann, wenn man sie analysiert, historisch einordnet und nach wiederkehrenden Mustern fahndet. Felsch und Engelmeier, die an der Humboldt-Universität beziehungsweise an der Goethe-Universität Frankfurt am Main forschen, haben bereits im März dieses Jahres eine Antiakademismus-Tagung in Berlin ausgerichtet. Nun sind die Vorträge in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Mittelweg 36“ veröffentlicht worden.

Skepsis, Wut oder offener Hass: Mit etwas Abstand betrachtet, kann das alles durchaus amüsant sein. Erste Anfeindungen finden sich schon im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit: Satiren über diese komischen Professorentypen, Klagen über deren weltfremdes Treiben und die Nutzlosigkeit ihres Wissens. Zu wahrer Blüte kommt der Antiakademismus dann im 20. Jahrhundert – und zwar ausgerechnet an den Universitäten selbst. Vor allem in den Geisteswissenschaften gehört das Misstrauen gegenüber der Hand, die einen füttert, lange zum guten Ton.

Große Philosophen verachteten das Lehrfach leidenschaftlich

„Das hängt eng mit der europäischen Philosophiegeschichte zusammen“, erklärt Felsch. Viele einflussreiche Philosophen verachten das Lehrfach Philosophie leidenschaftlich. Das liegt teilweise daran, dass sie selbst keine Professuren ergattern können (Schopenhauer, Nietzsche) oder mit ihren universitären Forschungsvorhaben scheitern (Marx). Die bitterbösen Abrechnungen lassen nicht lange auf sich warten.

Von Arthur Schopenhauer stammt das bekannte Zitat, „ächte“ Philosophie könne niemals „im Auftrage der Regierung“, sprich an einer Universität stattfinden. Dort sei nämlich alles nur auf die „Zurichtung“ von „Staatsbeamten“ ausgerichtet.

Bis heute: Gegengründungen gegen die verschnarchten Universitäten

Nicht immer war die Kritik unberechtigt. Oft hat sie zu einer strukturellen Erneuerung geführt, Innovationspotenzial freigesetzt und für kommende Forschergenerationen neue Impulsen gesetzt. Im 17. Jahrhundert entstehen, parallel zu den Universitäten, die Wissenschaftlichen Akademien. „Sie werden ausdrücklich gegen die verschnarchten, weltfremden, unter der Kontrolle der Kirche stehenden Universitäten gegründet“, erklärt Felsch. Der Trend setzt sich bis in die Gegenwart fort. Wo Universitäten große, schwer zu navigierende Tanker sind, müssen eben neue, wenige Schnellboote aufs Wasser gelassen werden. In Berlin ist gerade eine private Hochschule für Programmierer entstanden, gegründet von einem Start-up-Unternehmer. Anspruch: anders, praxisnäher, kreativer.

"Muff unter den Talaren" - und die Uni veränderte sich

Auch im 19. und 20. Jahrhundert haben die antiakademischen Tendenzen oft etwas mit Gegnerschaft zu tun. Man kannte die Universitäten von innen, wehrte sich aber vehement gegen ihre Zwänge und Dogmen. „Sowohl wissenschaftliche als auch künstlerische Projekte haben an Dynamik gewonnen, indem sie sich explizit abgegrenzt haben.“ Produktive Hochschulfeindschaft – das sei ein bislang kaum untersuchter Faktor der europäischen Geistesgeschichte, findet Felsch.

Bislang hat die Institution all diese Angriffe nicht nur überstanden, sondern sie sich mittelfristig sogar gewinnbringend einverleibt. Das könnte man als eines der großen Erfolgsgeheimnisse der Universitäten bezeichnen. Beispiel 68er: Die Texte und Theorien, die die demonstrierenden Studenten zunächst in autonomen Seminaren auf eigene Faust gelesen haben, sickerten schnell in die Lehrpläne der geisteswissenschaftlichen Fächer ein.

Damals kritisierten die Studenten unter anderem den elitären, antidemokratischen „Muff“ unter den Talaren. In leicht abgewandelter Form finden sich diese Argumente heute bei den Rechtspopulisten. Ihr Vorwurf: Es finde eine Verschwörung der akademischen Eliten statt, die ihren Einfluss und ihre Macht weiterhin sichern wollen. „Das ist ein ehemals linkes Thema, das die Rechten sich erfolgreich angeeignet haben“, sagt Felsch.

Öffentliches Misstrauen gegen wissenschaftliche Fakten

Groß ist neuerdings auch das – vor allem in den USA weitverbreitete – Misstrauen gegenüber vielfach bestätigten wissenschaftlichen Fakten. Stichwort Klimawandel: Die Studien seien falsch oder gekauft, die Wissenschaftler unseriös oder von Geldgebern abhängig. „Das ist ebenfalls ein typisches antiakademisches Stereotyp“, meint Felsch. Es kommt aus dem 19. Jahrhundert. Seit der Staat die Universitäten aus der Obhut der Kirchen übernommen hat, kursiert das Gerücht, dass die Gelehrten vor allem Wissen produzieren, das den Herrschenden dient.

In dem Tagungsband finden sich durchaus Stimmen, die dem partiell recht geben. Der französische Philosophieprofessor Geoffrey de Lagasnerie schreibt: „Wir kritisieren die Universität nie genug, und unsere Kritik ist nie radikal genug.“ Die Universitäten müssten sich zu allen Zeiten und Gelegenheiten unbequeme Fragen gefallen lassen. Immerhin seien sie in einer enorm mächtigen Position: „Es ist vor allem die Universität, die unsere kulturelle und ideologische Intelligenz hervorbringt. Sie bestimmt sowohl, wer Diskurse erzeugt, als auch, wer es nicht tut.“

Wissenschaftler demonstrieren für "ihre" Institutionen

Doch selbstkritische Nabelschau scheint derzeit nicht das Gebot der Stunde. Im Gegenteil: Angesichts des äußeren Drucks sind die Reihen in den letzten Monaten geschlossen worden. Wissenschaftler gehen demonstrieren, erheben die Stimme für ‚ihre‘ Institutionen. Das neue Feindbild schweißt zusammen. Felsch hat in den Geisteswissenschaften ein „Umdenken“ beobachten. Das früher weitverbreitete „gepflegte antiakademische Ressentiment“ sei in den Hintergrund getreten. Nun werden andere, kämpferische Töne angeschlagen.

Historische Parallelen zur Gegenwart sieht der Kulturwissenschaftler übrigens in der Romantik. „Die Frühromantiker im späten 18. Jahrhundert hatten sich auf Theorie und Poesie kapriziert und alle Disziplinen miteinander vermischen wollen.“ Eine sehr institutionenkritische junge Elite sei da am Werke gewesen. Doch kurze Zeit später, als die Auswirkungen der Französischen Revolution in all ihren Konsequenzen deutlich werden, finden dieselben Akteure sich auf der Seite der Konservativen wieder, die das Bestehende bewahren und verteidigen. „Ich habe den Eindruck, uns geht es heute ähnlich.“

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