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  • 15.09.2017
  • von Anja Kühne, Amory Burchard

Expertise zu digitaler Bildung: Deutschlands Schulen sind digital abgehängt

von Anja Kühne, Amory Burchard

Eher skeptisch sind viele Deutsche bei der Vermittlung digitaler Kompetenzen schon in der Grundschule - nur 55 Prozent sind dafür. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

In Deutschland gibt es einen hohen Nachholbedarf bei der Ausstattung und den Schülerkompetenzen. Dabei wünschen sich die meisten Deutschen digitale Lerninhalte in der Schule.

Deutschlands Schulen sind bei der Digitalisierung im Vergleich mit anderen Ländern abgehängt: „Wir laufen hinterher“, sagte Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn, am Donnerstag in Berlin. Dort präsentierte Eickelmann ihre Expertise über die Entwicklungen in den Bundesländern im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Geschwindigkeit der digitalen Entwicklungen überhole die Entwicklungen in der Schule. „Andere Länder wie Dänemark, die Niederlande, Österreich und die Schweiz sind deutlich weiter als wir“, sagte Eickelmann. Das betreffe die technische Ausstattung sowie die Fähigkeit der Schüler, die digitalen Medien kritisch zu nutzen und technisch zu verstehen.

"Digitale Spaltung": 30 Prozent der Schüler sind abgehängt

Außerdem gebe es in Deutschland eine dramatische „digitale Spaltung“: Fast 30 Prozent der 14-Jährigen seien auf dem Weg zur digitalen Kompetenz „verloren gegangen“, darunter besonders viele Jugendliche, deren Eltern einen niedrigen sozioökonomischen Status haben. Diese Schüler seien nicht annähernd in der Lage, kompetent mit digitalen Medien umzugehen, weder inhaltlich noch technisch. Diese Schere drohe womöglich noch weiter auseinanderzugehen. „Es besteht ein unheimlich großer Handlungsbedarf“, sagte Eickelmann.
Dabei bezog sie sich auf die bereits bekannten Ergebnisse der ICILS-Studie von 2013 (International Computer and Information Literacy Study), die sie selbst mitgeleitet hatte. Demnach erreichen deutsche Achtklässler zwar im internationalen Vergleich im Schnitt ein mittleres Kompetenzniveau. Doch die deutsche Leistungsspitze ist mit 1,5 Prozent besonders klein. Und während Mädchen in allen an der Studie teilnehmenden Ländern über höhere computer- und informationsbezogene Kompetenzen verfügen als Jungen, ist diese Kluft nirgends so groß wie in Deutschland – obwohl Jungen ihre Leistungen diesbezüglich selbst stets besser einschätzen als Mädchen. Aktuelle Erkenntnisse soll die nächste ICILS-Studie im Jahr 2018 bringen.

Die Strategie der Kultusministerkonferenz ist wichtig - kommt aber spät

„Die Länder haben sich auf den Weg gemacht“, stellte Eickelmann nun fest. Ihre Expertise beschreibt die Aktivitäten von fünf Ländern auf dem Feld, von E-Learning Plattformen bis zu Lehrplänen. Was letztere angehe, hätten Berlin und Brandenburg bundesweit einen Vorsprung von ein bis zwei Jahren, weil hier schon in diesem Schuljahr ein neuer Rahmenplan für Medienbildung implementiert wird. Ein Länder-Ranking hat Eickelmann nicht angestrebt, weil sich noch nicht sagen lasse, welche Maßnahmen überhaupt wirksam seien. Und die Quantität des Einsatzes digitaler Medien in der Schule – hier führen Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und Thüringen – lasse keine Rückschlüsse auf die Qualität des digitalen Unterrichts zu.
Eickelmann lobte, dass die Länder in der Kultusministerkonferenz (KMK) inzwischen eine gemeinsame Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ beschlossen haben. Im Mittelpunkt steht dabei ein Kompetenzrahmen, der ab dem Schuljahr 2018/2019 gelten soll. Die KMK-Strategie soll den Erwerb von digitalen Kompetenzen in allen Fächern verankern. Eickelmann plädierte für ein zusätzliches Fach schon in der Grundschule, wie es in der Schweiz gerade erprobt werde.
Die Zielsetzungen der KMK seien wichtig, sagte Eickelmann: „Es dauert aber viel zu lange, bis das an den Schulen ankommt.“ Die Hoffnung, dass junge Lehrkräfte aus den Unis schon von selbst entsprechende Kompetenzen mitbrächten, hätten sich nicht erfüllt. So müsse das Studium erst gründlich reformiert werden. Bis sich dies auswirke, müssten schnell viele Lehrkräfte und besonders die Schulleitungen fortgebildet werden. Letztere spielten bei der Digitalisierung eine wichtige Rolle. Ziel müsse es sein, die Lehrkräfte vom „Mehrwert“ des gezielten Einsatzes digitaler Medien zu überzeugen, etwa bei der Inklusion. Auch die Potenziale der Ganztagsschule müssten viel stärker genutzt werden.

Die Schulen sollen selbständig starten

Eickelmann hofft, dass die von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) für die Digitalisierung der Schulen in Aussicht gestellten fünf Milliarden Euro bald auch wirklich fließen, damit Lehrkräfte eine adäquate technische Ausstattung vorfinden.
Die Schulen sollten aber nicht warten, bis es Fortbildungen gebe oder die KMK-Kompetenzen in die Lehrpläne gelangt seien: „Die Schulen müssen einfach anfangen“, sagte Eickelmann. Sie sollten sich aber nicht alleine auf den Weg machen und das Rad immer wieder neu erfinden. Vielmehr sollten sie mit anderen Schulen und „Leuchtturmschulen“ der Digitalisierung Netzwerke bilden. Unter den Best-practice-Beispielen in Eickelmanns Studie ist das Berliner Otto-Nagel-Gymnasium. Es hat die Nutzung digitaler Medien demnach als einen Baustein in ihr pädagogisches Konzept integriert. Die Nutzung von Laptops ist genau geregelt: In den Jahrgangsstufen 5 und 6 sollen sie nur an einem bis zwei Tagen für höchstens 30 Minuten zum Einsatz kommen (mehr bei der Friedrich-Ebert-Stiftung hier).

90 Prozent der Deutschen wünschen sich die Vermittlung digitaler Kompetenzen in der Schule

Die Stimmung für mehr Digitalisierung im deutschen Bildungswesen ist gut. 90 Prozent der Deutschen sind für die Vermittlung digitaler Kompetenzen an den weiterführenden Schulen, 67 Prozent wollen, dass die Bundesregierung jeden Schüler ab der 5. beziehungsweise 7. Klasse mit einem Laptop oder Computer versorgt. Das geht aus dem aktuellen Bildungsbarometer des Münchner ifo-Instituts hervor, das am Donnerstag in Berlin präsentiert wird.

Mit 83 Prozent nutzte der größte Teil der 4078 Teilnehmer privat oder beruflich selber das Internet. Sie wurden mit einem Online-Fragebogen befragt, die übrigen persönlich in der Wohnung. Durchgeführt wurde die Befragung von April bis Juni dieses Jahres von Kantar Public Deutschland (zuvor TNS Infratest Sozialforschung) unter Bundesbürgern ab 18 Jahren. Die Ergebnisse seien entsprechend der durchschnittlichen Internetnutzung in der Bevölkerung gewichtet worden, betont das ifo-Institut.

54 Prozent sehen sich als Gewinner der Digitalisierung

Insgesamt stimmt die zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche auch jenseits des Bildungssystems die Menschen eher zuversichtlich: 54 Prozent sehen sich selbst als Gewinner, 16 Prozent als Verlierer der Digitalisierung. Der Rest ist unentschieden.

Rückenwind also für den Digitalpakt? Mit dem im Oktober 2016 verkündeten Programm wollen Bund und Länder ab 2018 fünf Milliarden Euro in die Ausstattung der Schulen mit Breitband-Internetzugang, WLAN und Computern investieren. Für ein solches Programm sprechen sich laut Bildungsbarometer 80 Prozent der Befragten aus.

Viele sind gegen Laptops schon für Grundschüler

Doch es gibt auch Anzeichen für Skepsis gegenüber einer flächendeckenden Digitalisierung der Schulen. So befürworten nur 55 Prozent, dass bereits Grundschülern Digital- und Medienkompetenzen vermittelt werden. Und 44 Prozent meinen, die Digitalisierung führe zu mehr Ungleichheit im Bildungssystem, 51 Prozent teilen diese Befürchtung allerdings nicht.

Eine große Mehrheit ist auch der Ansicht, dass das deutsche Schulsystem unterfinanziert ist. 81 Prozent der Befragten plädieren für steigende oder stark steigende Bildungsausgaben. Beim ersten ifo-Bildungsbarometer von 2014 waren es nur 71 Prozent.

Große Mehrheit für zentrale Abschlussprüfungen

Die Unzufriedenheit mit dem Schulsystem drückt sich auch in den Noten aus, die die Befragten erteilen konnten. Nur 28 Prozent vergeben die Note 1 oder 2, zwischen 2014 und 2016 waren es noch 28 bis 30 Prozent. Zu Verbesserungen soll nicht nur eine höhere Bildungsfinanzierung führen, sondern auch Zentralisierung: 87 bis 91 Prozent sprechen sich für deutschlandweit einheitliche Abschlussprüfungen zum Hauptschul-, zum Mittleren Schulabschluss und im Abitur aus.

Am heutigen Freitag veröffentlicht auch die Bertelsmann-Stiftung ihren „Monitor digitale Bildung“. Dabei geht es unter anderem um die Frage, inwieweit Lehrkräfte das didaktische Potenzial digitaler Medien im Unterricht nutzen.

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