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  • 23.05.2013
  • von Matthias Matern

Brandenburgs Studenten wandern ab: Karriere gemacht wird woanders

von Matthias Matern

Nichts wie weg. Nach Berlin sind für viele Studierende im Land Brandenburg vor allem Bayern und Baden-Württemberg Wunschorte für einen späteren Berufseinstieg. Nur 20 Prozent wollen gerne im Land bleiben. Das zumindest belegt eine Umfrage der Universität Maastricht und der Firma Studitemps aus Köln. Foto: dpa

Einer Umfrage zufolge planen knapp 80 Prozent aller Studenten in Brandenburg ihren Berufseinstieg außerhalb der Landes. Im Bundesvergleich ist die Mark damit traurige Spitze.

Köln/Potsdam - Studieren in Brandenburg ist schön und gut, doch nach dem Abschluss heißt es: nichts wie weg. Diesen Eindruck vermittelt zumindest eine Online-Umfrage des Kölner Unternehmens Studitemps in Zusammenarbeit mit der niederländischen Universität Maastricht bei 810 Studenten an brandenburgischen Hochschulen. Demnach haben knapp 80 Prozent aller Befragten angegeben, nach dem Abschluss den beruflichen Einstieg in einem anderen Bundesland oder sogar im Ausland zu planen – vor allem vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des drohenden Fachkräftmangels in der Region ein dramatisches Ergebnis. „Brandenburg hat offensichtlich große Probleme, die selbst ausgebildeten Absolventen perspektivisch zu halten“, meint Studitemps-Geschäftsführer Benjamin Roos, „daher sind detaillierte Kenntnisse hierüber für die Einschätzung von Unternehmensentwicklungen auf regionaler Ebene von höchstem Wert“.

Probleme ihre Absolventen zu halten haben laut Studitemps auch andere Bundesländer, doch in keinem anderen sei der sogenannte Brain Drain, also die Abwanderung von Intelligenz, so hoch wie in Brandenburg. Bundesweit haben die Uni und das Unternehmen, das sich auf die Vermittlung von Studenten in Zeitarbeit spezialisiert hat, im vergangenen März eigenen Angaben zufolge fast 20 000 Studierende befragt. Immerhin 661 der in Brandenburg Studierenden haben zumindest auch dort ihre Hochschulreife erworben.

Als Grund für ihren Wunsch, nach dem Studium Brandenburg zu verlassen, gaben die Studierenen laut Philipp Seegers von der Universität Maastricht vor allem Karrieregründe an. Bei der Wahl des Zielorts habe es deutliche Unterschiede zwischen Studierenden an Berlin fernen Hochschulen und Hochschulen im Speckgürtel gegeben. Während im direkten Umfeld Berlins 71 Prozent der Befragten Berlin als Wunschstandort für einen späteren Berufseinstieg angegeben hätten, seien es an Hochschulen wie der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) oder der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus lediglich 55 Prozent gewesen. Ansonsten seien vor allem die wirtschaftstarken Regionen Süddeutschlands begehrte Ziele, so Seegers. Immherhin 6,8 Prozent der Studierenden hätten Bayern und 6,1 Prozent Baden-Württemberg als Wunschort angegeben, fernab von Berlin seien es sogar jeweils elf Prozent gewesen, die sich für die südlichen Länder ausgesprochen hätten.

Besonders schmerzhaft ist der Verlust von Absolventen sogenannter MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Sie werden als Indikator für die Innovations- und Zukunftsfähigkeit eines Wirtschaftsstandortes angesehen. „Dies deckt sich mit unseren Erfahrungen als Personaldienstleister für Studenten und junge Absolventen“, sagt Studitemps-Geschäftsführer Roos, „das personelle Interesse zahlreicher Kunden ist im MINT-Bereich besonders stark ausgeprägt – insbesondere beim Mittelstand“. Der Umfrage zufolge wollen 73 Prozent aller MINT-Studenten Brandenburgs später das Land verlassen.

Nach Einschätzung von Brandenburg und Berlin werden im Jahr 2015 bereits 273 000 Arbeitsplätze in der Region nicht besetzt werden können, weil es an qualifizierten Arbeitnehmern fehlt. Die Landesregierung nehme das Thema sehr ernst, versichert Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke). „Erst Anfang Mai haben wir eine entsprechende Kooperationsverteinbarung zwischen der Universität Potsdam und der Wirtschaftsförderung Brandenburg unterzeichnet“, so der Minister. Ziel sei es, Studierenden praxisnahe Angebote zu machen, die einen Berufseinstieg in der Region ermöglichen. Ebenfalls sei gerade ein Onlineservice gestartet worden, der Studierende über Berufschancen in Brandenburg informieren soll. „Wenn ein Standort damit werben kann, dass es qualifizierte akademische Fachkräfte gibt, ist das auch ein Plus bei der Werbung von Investoren“, meint Christoffers.

Sven Weickert, zuständig für Hochschulpolitik bei der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB), sieht aber auch die Unternehmen selbst in der Pflicht. Die hohe Zahl an abwanderungswilligen Studenten zweifele er zwar an, unstrittig sei aber, dass mehr Studierende das Land verließen, als dortbleiben. „Die Studierenden wissen einfach zu wenig über Einstiegs- und Aufstiegsmöglichkeiten in brandenburgischen Unternehmen. Gerade die vielen kleinen, aber auch international agierenden Firmen sind oft nicht bekannt“, so Weickert. Die Unternehmen müssten wesentlich aktiver an den Hochschulen präsent sein, und zwar nicht erst zum Studiumsende auf irgendwelchen Messen. „Praktika müssen angeboten werden, die Studierenden zu Semesterarbeiten im eigenen Unternehmen aufgefordert werden“, meint der UVB-Experte. Manchmal helfe auch der persönliche Kontakt zu einem Dozenten oder gar zu einem Hochschul-Präsidenten mehr als aufwendige PR-Kampagnen.

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