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  • 09.11.2017
  • von Henrik Mortsiefer

Bilanz und Stellenabbau: Siemens-Chef Kaeser fordert Solidarität

von Henrik Mortsiefer

Joe Kaeser. Der Siemens-Chef spricht von der "Gesamtverantwortung" für den Konzern - und provoziert den Protest der Arbeitnehmer. Foto: Christof Stache/AFP

Siemens-Chef Joe Kaeser bereitet den schwierigen Stellenabbau in der Kraftwerkssparte vor, Details verrät er noch nicht. Der Konzern kann Umsatz und Gewinn steigern.

Siemens-Chef Joe Kaeser senkt die Stimme: „Das Zur-Verfügung-Stellen von Arbeit ist ein Wert an sich“, sagt er am Ende der Bilanzpressekonferenz am Donnerstag in München. Den Satz lässt Kaeser einen Moment wirken. Hören sollen ihn wohl auch die IG-Metaller, die draußen vor der Tür gegen den geplanten Stellenabbau in der Kraftwerkssparte und im Geschäftsfeld Prozessindustrie und Antriebe demonstrieren. Von Kaesers Wertvorstellungen wollen die rund 50 Demonstranten allerdings nichts wissen. Von „Doppelmoral“ ist die Rede, von Verantwortungslosigkeit des Siemens- Chefs, von „Eliten-Versagen“. Bis zu 4000 Stellen könnten bei Siemens in Gefahr sein, auch rund 800 Beschäftigte im Berliner Dynamowerk sind betroffen.

Joe Kaeser und Siemens-Arbeitsdirektorin Janina Kugel bestätigen diese Zahlen am Donnerstag nicht. Erst am 16. November, nach einer Sitzung des Wirtschaftsausschusses, sollen die Arbeitnehmer Konkretes erfahren, danach die Öffentlichkeit. Seit Tagen steht der Vorstand wegen seiner Informationspolitik in der Kritik. Kaeser weist dies zurück und appelliert an die „Solidarität aller Beteiligten“. Man wolle zunächst „alle Optionen“ prüfen, bevor man die Sozialpartner informiere, erläutert Kugel. Von der „Gesamtverantwortung für den Konzern“ spricht Kaeser und von „schmerzhaften Einschnitten“, die notwendig seien. „Wenn dieses Geschäft eine Zukunft haben soll, dann müssen wir reagieren.“ Dabei wolle der Konzern auch „nicht auf 20 Basispunkte Gewinnmarge“ schauen. Klar ist, dass Siemens vor harten Auseinandersetzungen mit den Gewerkschaften steht – und dass der Umbau der Problemsparten nicht ohne betriebsbedingte Kündigungen über die Bühne gehen dürfte. Auch der Windturbinenhersteller Siemens Gamesa hat angekündigt, bis zu 6000 Jobs zu kappen. Siemens hat im Kraftwerksgeschäft mit dem Einbruch der Nachfrage vor allem bei großen Gasturbinen zu kämpfen, der Preisdruck ist groß, die Überkapazitäten sind es ebenfalls. Der Umsatz in der Sparte schrumpfte im vierten Geschäftsquartal um 20 Prozent, das Ergebnis brach um 40 Prozent ein.

"Konglomerat alten Zuschnitts hat keine Zukunft"

Dabei gibt sich Kaeser am Donnerstag alle Mühe, auch die Erfolge des Technologiekonzerns hervorzuheben – trotz des „gewaltigen strukturellen Restrukturierungsbedarfs“ im Geschäft mit der fossilen Energieerzeugung. Er beschreibt Siemens als Technologiekonzern, der die Zeichen der Zeit erkannt habe. Man habe verstanden, „dass Konglomerate alten Zuschnitts keine Zukunft haben“, erklärt Kaeser. Noch in diesem Geschäftsjahr sollen Entscheidungen fallen, wie Siemens besser für die industrielle Digitalisierung gerüstet werden kann. Bereits seit Längerem wird erwartet, dass aus dem Elektrokonzern ein loser Verbund weitgehend eigenständiger Einzelunternehmen unter dem Dach einer Holding wird. Als ein Vorbild dafür gilt die Medizintechnik, die 2018 an die Börse kommen soll.

Das kommende Geschäftsjahr steht unter dem Vorbehalt, dass der bevorstehende Personalabbau teuer werden kann. Dennoch will Kaeser das Tempo in etwa halten. Im vergangenen Geschäftsjahr verdiente Siemens unter dem Strich knapp 6,1 Milliarden Euro, nach 5,5 Milliarden Euro im Vorjahr. Der Umsatz legte von 79,6 Milliarden auf 83 Milliarden Euro zu. Gut lief es vor allem in der Sparte digitale Fabrik, in der Medizintechnik und im Zuggeschäft, das Siemens mit dem französischen Konkurrenten Alstom zusammenbringen will. Die Ergebnismarge des industriellen Geschäfts erreichte 11,2 Prozent.

„Obwohl der Konzern finanziell hervorragend dasteht, werden die Beschäftigten nicht mitgenommen“, kritisierte die IG Metall. Auch Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) sorgt sich: „Wir verfolgen die Entwicklung mit großer Sorge um das Schicksal der Beschäftigten und den Industriestandort Berlin“, erklärte sie. Siemens müsse nun so schnell wie möglich Klarheit schaffen.

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