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  • 15.12.2017
  • von Amory Burchard

25 Jahre Centre Marc Bloch: Französische Forschungsbasis in Berlin

von Amory Burchard

Mittendrin. 2011 kam das Centre Marc Bloch als An-Institut an die Humboldt-Universität (im Bild der CMB-Standort an der Friedrichstraße). Foto: CMB

Das Centre Marc Bloch ist zum 25. Jubiläum in Aufbruchsstimmung: Von der Basisstation Berlin will das zunehmend internationale Team globales Weltwissen erkunden.

Die Mauern müssen fallen, wieder und wieder. Gegründet wurde das Centre Marc Bloch vor 25 Jahren, drei Jahre nach dem deutschen Mauerfall als deutsch-französisches Forschungszentrum für Geistes- und Sozialwissenschaften in Berlin – finanziert allein aus Paris. Der Fokus der Forschung lag auf den Umbrüchen in Mittel- und Osteuropa und ihren gesellschaftlichen Folgen. Getragen war das CMB von den hochfliegenden Gedanken der „samtenen“ Revolutionen, die kommunistische Regime hinwegfegten. Berlin war dabei für die zum allergrößten Teil französische Crew und ihre Gäste eine ideale Basis, um ihr einerseits prosperierendes, andererseits alsbald von Konflikten erschüttertes Forschungsgebiet zu erkunden.

EU-Erweiterung und neue Nationalismen: Einem Institut, das der von seinem Namensgeber Marc Bloch mitbegründeten vergleichenden europäischen Geschichte verpflichtet ist, sollten die Themen nicht ausgehen. Bloch, ein französischer Historiker, der einst in Berlin studiert hatte, wurde 1944 als Résistance-Kämpfer von der Gestapo erschossen. Doch auf diesem in der dramatischen Genese der deutsch-französischen Beziehungen verwurzelten Fundament erfindet sich das CMB immer wieder neu.

Seit 2015 werden vorrangig "deutsch" sozialisierte Forschende berufen

Als der französische Staat 2008 die Förderung zusammenstrich, sprang das deutsche Forschungsministerium ein, seitdem ist das Centre auch formal eine binationale Einrichtung. Drei Jahre später kam es als An-Institut unter das Dach der Humboldt-Universität. Bisherige akademische Partnerschaften mit dem Centre national de la recherche scientifique (CNRS), der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) und dem Wissenschaftskolleg zu Berlin wurden so ergänzt. 2015 organisierte sich das Centre dann als Verein nach deutschem Recht.

Seitdem werden vernehmlich „Forscherinnen und Forscher aus der deutschen Wissenschaftskultur“ ans CMB geholt, wie Catherine Gousseff erläutert, die im September 2015 Direktorin des CMB wurde. So wird der „französisch“ sozialisierte Personalbestand – der heute bei etwa zwei Dritteln der 25 fest angestellten Forschenden liegt – allmählich durchmischt. Und dazu kann beispielsweise auch ein griechischer Philosoph betragen, der an der Freien Universität Berlin promoviert wurde und in Israel forschte und lehrte: Antonios Kalatzis ist der erste wissenschaftliche Mitarbeiter, der jetzt über das neue „Rückkehrer-Programm" ans CMB kam. „Es ist das Markenzeichen des Centre Marc Bloch, dass wir nicht national denken“, sagt Gousseff.

Sie wollen sich nicht feiern, sondern ihre Grundhaltungen reflektieren

Die Mauern, die immer wieder im und ums Centre Marc Bloch fallen, sollen nun auch sein europäisches Selbstverständnis infrage stellen. Zum 25. Jubiläum will das CMB „von einem transnationalen zu einem weltweiten Reflexionsraum“ werden. Zu den neuen, übergeordneten Forschungsschwerpunkten, auf die sich das Centre Marc Bloch unlängst verständigt hat, gehören „Raum, Mobilität, Migration“ ebenso wie „Weltwissen und Erfahrungen des Globalen“.

Wieder kommt der Impuls aus Frankreich, mit der „Histoire croisée“ (Verflechtungsgeschichte), die von Bénédicte Zimmermann und Michael Werner an der EHESS entwickelt wurde. Geschichtsschreibung könne angesichts der Globalisierung und des Postkolonialismus nur multiperspektivisch erzählt werden, glaubt auch Gousseff. Sie wird den neuen Ansatz am heutigen Freitag bei einer Tagung aus Anlass des 25. Jubiläums unter anderem mit Michael Werner diskutieren. Man wolle weniger sich selbst feiern als vielmehr die transnationale „Posture“ (grundsätzliche Haltung) der Forschenden reflektieren, sagt Gousseff.

Die Direktorin geht 2018 - um Grenzverschiebungen zu erforschen

Unterdessen stehen auch für die Direktorin selber die Zeichen auf Veränderung. Vor zwei Jahren kam sie in Berlin an und stürzte sich sogleich in die organisatorische Neustrukturierung und inhaltliche Neuausrichtung des CMB. Dass Berlin gerade zur Hauptstadt der Flüchtlingsbewegung geworden war, berührte Gousseff nicht nur emotional. Die Historikerin kommt aus der Migrationsforschung des 20. Jahrhunderts, erforschte die Wege der russischen Flüchtlinge nach der Oktoberrevolution ebenso wie die Zwangsmigrationen in der Sowjetunion.

Zeit für eigene Forschung zur neuen Flüchtlingswelle blieb Gousseff aber nicht. Deshalb freut sie sich darauf, nach ihrer Zeit am Centre, ab August 2018, „wieder mehr Zeit und Energie zum Forschen“ zu haben. Sie plant eine Studie zu den Grenz- und Bevölkerungsverschiebungen der unmittelbaren Nachkriegszeit im sowjetisch annektierten Ostpolen und in Niederschlesien, das an Polen fiel. Berlin, wie könnte es anders sein, soll dabei für sie eine wichtige Forschungsbasis bleiben.

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