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  • 19.05.2017
  • von Mathias Orgeldinger

Experimentelle Archäologie: Fast wie Ben Hur auf der römischen Galeere

von Mathias Orgeldinger

Fast 16 Meter maß das römische Kriegsschiff, das etwa 100 Jahre n. Chr. auf der Donau die Germanen bekämpfte und jetzt nachgebaut wird. Foto: Mathias Orgeldinger

Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg bauen ein römisches Patrouillenboot nach. Wer mithilft, darf mitrudern.

Ob sich Filmregisseure bewusst sind, wie stark sie unser Geschichtsbild prägen? Die Galeerenszene in „Ben Hur“, bei der angekettete Sklaven zum Takt einer martialischen Trommel auf „Angriffsgeschwindigkeit“ gepeitscht werden, hat mit der Realität wenig zu tun. Denn in der römischen Marine der Kaiserzeit dienten Freigelassene oder Soldaten. Und für die schlanken Militärboote, die auf der Donau und ihren Nebenflüssen patrouillierten, wäre ein Trommler nur unnötiger Ballast gewesen. „Vermutlich gab der Steuermann mit einer Bronzepfeife die Schlagzahl vor“, sagt Boris Dreyer von der Professur für Alte Geschichte der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Der Historiker baut mit einem Team von Studenten und Interessierten anlässlich des 275-jährigen Jubiläums eines der beiden Ruderboote nach, die 1986 unweit des römischen Kastells von Oberstimm bei Ingolstadt gefunden und nach dem Ort benannt wurden.

Ein Flusskriegsschiff zum Schutz gegen die Germanen

Das Flusskriegsschiff „Oberstimm 2“ wird auf etwa 100 n. Chr. datiert. Am Wrack fehlen Mast, Segel, Takelage und Ruderbänke, der Vorder- und Achtersteven, sowie der obere Rand, das Dollbord. Dennoch lässt es sich auf eine Länge von 15,7 Meter, eine Breite von 2,7 Meter und ein Leergewicht von 2,1 Tonnen rekonstruieren. Die Ruderbesatzung bestand aus 18 Soldaten plus Steuermann und Offizier. Viel mehr als deren persönliche Ausrüstung passte nicht an Bord. Das Boot mit dem Namen „Fridericiana Alexandrina Navis“ (FAN) ist nicht der erste Nachbau eines römischen Flusskriegsschiffs. Im Vorfeld einer Ausstellung zu „2000 Jahre Varusschlacht“ fuhr die in Hamburg gebaute „Victoria“ als schwimmender Botschafter auf Ems und Lippe. Die Rekonstruktion von 2008 orientierte sich am Befund von „Oberstimm 1“.

Dagegen repräsentieren die „Regina“ und die „Rhenana“, die 2004 beziehungsweise 2010 in Regensburg und Germersheim in Dienst gestellt wurden, den spätantiken Schiffstyp „Navis Lusoria“. Er kam erst ab dem 3. Jahrhundert in Mode. Wracks dieser Bauart wurden 1981 in Mainz entdeckt. Im dortigen Museum für antike Schifffahrt sind ebenfalls zwei Nachbauten ausgestellt, die allerdings nie zu Wasser gelassen wurden. „Die gallo-keltische Bauweise der Lusoria war ein technischer Rückschritt“, sagt Dreyer. Waren die Planken der Oberstimm-Boote nach mediterraner Tradition in solider Nut- und Federtechnik miteinander verbunden, so fehlt diese beim Lusoria-Typ. Kamen die älteren Boote fast ausschließlich mit gedrechselten „Holznieten“ aus, waren zum Bau der Lusorien Tausende von Eisennägeln nötig, um die Planken an den Spanten zu befestigen. Die eisenhaltige Technik geht vermutlich auf eine lokale, nicht mediterrane Bautradition zurück, vermutet Dreyer. Edle Verarbeitung und lange Haltbarkeit waren ohnehin keine Kriterien für diese kleinen Militärfahrzeuge, die für Kurier- und Patrouillenfahrten, als Geleitschutz für Frachtkähne oder zum Anlanden von Infanteristen gebraucht wurden. Vielmehr kam es darauf an, in kurzer Zeit viele Schiffe zu bauen.

Die Ruderer trugen blaue Kleidung - zur Tarnung

Ein Großteil der Arbeiten wurde von einfachen Legionären geleistet, angeleitet von Fachpersonal aus der Adria-Region. Sie fällten die Bäume, zersägten das nur mäßig getrocknete Holz und setzten es nach vorgefertigten Schablonen zu einem Boot zusammen. Ungenaues Arbeiten konnte mit pechgetränkten Leinenfetzen kaschiert werden. Und für den Fall, dass zu viel Wasser eindrang, gab es Pumpen.

„Regina“, „Victoria“ und „Rhenana“ hielten sich ganz gut über Wasser. Wozu ein weiterer Nachbau? „Wir gehen ganz neu an die Sache ran“, sagt Dreyer. Viele Details seien noch unerforscht. Neue Holzanalysen sollen beispielsweise klären, wo die Eichen für die Oberstimmer Boote herkamen. Aus der Umgebung des römischen Kastells oder geflößt von weit her? Hatten die Boote einen funktionsfähigen Rammsporn, oder gehörte die Bugspitze zum üblichen Militärdesign? Wäre ein solcher Sporn nicht sogar hinderlich, wenn das Boot auf das flache Flussufer gesetzt wird, um Truppen blitzschnell anzulanden? Fragen über Fragen.

Nach einer antiken Schriftquelle trugen die Ruderer aus Gründen der Tarnung blaue Kleidung, die Segel waren in dunklem, „venetischem Blau“ gehalten und der Schiffskörper war weiß. Ob eine solche Bemalung sinnvoll ist, kann nur ein archäologisches Experiment klären. „Auch die antike Rudertechnik wurde noch nie ausprobiert, weil man das den modernen Besatzungen nicht zumuten wollte“, sagt der Althistoriker. Der Riemen eines römischen Ruderbootes war nicht über ein Gelenk mit der Dolle (dem stabilen Holzstift auf der Bordwand) verbunden, sondern mit einem Tau kreuzweise hinter der Dolle befestigt. Durch diese flexible Verbindung konnte die Länge des Hebelarms auf die Größe und den Krafteinsatz des Ruderers angepasst werden. „Die Römer haben eben praktisch gedacht. Sie arbeiteten mit vorgefertigten Bauteilen, die leicht auszuwechseln sind.“

Im nächsten Jahr soll das Boot fertig werden

Jedes Detail ist wichtig. Deshalb ließ Dreyer die Originalfunde nochmals mit verschiedenen Methoden vermessen. Ende Februar reiste ein Team um Marc Stamminger vom Lehrstuhl für graphische Datenverarbeitung der Uni Erlangen ins Kelten-Römer-Museum Manching und fotografierte das Wrack „Oberstimm 2“ aus unterschiedlichen Perspektiven. Eine 3-D-Rekonstruktionssoftware, die ursprünglich für die Filmindustrie entwickelt wurde, fügte die Fotos nach mehreren Tagen Rechenzeit zu einem dreidimensionalen Modell zusammen. Mit dessen Hilfe konnte der von den Archäologen entworfene Bauplan auf seine Plausibilität überprüft werden. Im März entstand am Rande des Uni-Sportgeländes eine „Werft“ mit Werkstattwagen, Holzlager, Arbeitszelt und Schuppen für die Hobelmaschine. Seit Ende April läuft der Zwei-Schicht-Betrieb. Bootsbaumeister Matthias Helterhoff aus Krummin auf Usedom, der schon die „Regina“, „Victoria“ und „Rhenana“ gebaut hat, leitet die Helfer an. Das Team rechnet mit einer Bauzeit von einem Jahr.

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