14.08.2018, 24°C
  • 23.07.2018
  • von Jens Hinrichsen

Berliner Fotografie-Ausstellung: Gekonnt verwackelt

von Jens Hinrichsen

Peng! Helena Petersen belichtet Fotopapier in einem abgedunkelten Schießstand mit dem Mündungsfeuer einer Pistole. Foto: Helena Petersen

„Vom Verschwinden und Erscheinen“: Die Berliner Alfred-Ehrhardt-Stiftung zeigt eine Ausstellung über das Flüchtige in der Fotografie.

Wenn die Bilder unscharf sind, ist vielleicht die Kamera kaputt. Aber der Blick wird wach. Man sieht genauer hin, und je ominöser die Inhalte, desto reger arbeitet die Fantasie. Vorab: mit dem Equipment der 19 in der Berliner Alfred-Ehrhardt- Stiftung vorgestellten Fotografinnen und Fotografen ist alles in Ordnung. Und es handelt sich um Meister ihres Fachs, geboren zwischen 1895 (Lászlo Moholy-Nagy) und 1987 (Helena Petersen). Fotografische Unschärfe, das gekonnt Verwackelte, das Unter- oder Überbelichtete prägt die atmosphärisch dichte Schau „Vom Verschwinden und Erscheinen. Über das Ephemere in der Fotografie“.

Ein Bild des neusachlichen Fotografen und Kulturfilmers Ehrhardt (1901-1984) befindet sich in der Auswahl. Es zeigt ein halb dunkles Interieur, in das Licht von einem Fenster dringt. Der Raum wirkt zerstört – in der Tat ist das Bild kurz nach dem Bombardement des Hamburger Wohnhauses von Ehrhardt im Zweiten Weltkrieg entstanden.

Ganz buchstäblich ist hier etwas verschwunden, während das Ephemere – das Flüchtige – in den meisten anderen Fotografien schwerer zu fassen ist. Das fotografische Bild, schreibt die Kuratorin Marie Christine Jádi in der empfehlenswerten Katalogbroschüre, sei „immer Ausdruck einer Spannung von Anwesenheit und Abwesenheit, von Leben und Tod“.

Körper sind gleichzeitig an- und abwesend

Die Künstlerinnen Andrea Sunder-Plassmann und Rita Ostrowskaja schaffen Vanitasbilder, indem sie mittels langer Belichtungszeiten ihren Körper zugleich zeigen und verschwinden lassen. Sunder-Plassmann hat sich für das Selbstporträt „Mensión“ in ein Bett gelegt und den Kopf während der Belichtung so gedreht, dass ihr Profil nebulös ins Weiß des Lakens zu verfließen scheint. Auch Ostowskajas Körper („Auf meinem Bett“, 1999) ist mittels des Geistertricks der Doppelbelichtung auf der karierten Decke an- und abwesend zugleich.

Bei Francesca Woodman (1958-1981), die sich 22-jährig das Leben nahm, erzählen Requisiten – ein schmutzig-faltiges Tuch, verdorrte Pflanzen – samt der Bildkomposition auch von der (eigenen) Vergänglichkeit. Die Künstlerin liegt kopfüber in der rechten oberen Ecke, als wollte sie sich selbst marginalisieren.

Eine Landschaft, die verschwindet

Positivistischer sieht das bei Donata Wenders aus, deren Mann Wim Wenders zurzeit seine Polaroidfotos bei C/O Berlin ausstellt. Die Fotografin ist mit einem Bild der Serie „In the Snow“ (2010) in der Stiftungsgalerie vertreten: Eine Frauengestalt läuft, ja taucht durch einen Vorhang aus Schnee: durch die flache Schärfe, die auf einigen Flocken liegt, verformen sich die Konturen der Figur.

Wenn Fotografie abstrakt wird, taucht das Figurative ab, um ungegenständlichen Formen Platz zu machen. Eindrucksvoll sieht man das in Adam Jeppesens Reihe aus acht Einzelblättern, die auf dem immer gleichen Motiv einer Wüstenlandschaft vor Berggipfeln basieren. Die Bilder sind gedruckt, und weil der dänische Künstler den Druckstock nur einmal eingefärbt hat, verschwindet die Landschaft. Ein fast leeres Blatt wäre das letzte der Sequenz, wenn nicht ausgerechnet die Kratzer des Negativs auch im achten Blatt noch sichtbar blieben. Die Störungen nehmen an Dominanz sogar noch zu.

Schönes Triptychon von Moholy-Nagy

Um das Flüchtige zu fangen, braucht es nicht einmal eine Kamera. Von László Moholy-Nagy, dem Bauhaus-Meister und Pionier des Fotogramms, ist ein schönes Triptychon zu sehen, auf dessen dunklen Flächen schemenhaft Spuren unidentifizierbarer Objekte auftauchen, die er in den Zwanzigern auf Fotopapier legte.

Auch Helena Petersen schafft Fotos ohne Kamera: „Pyrographie“ nennt die Münchnerin ihr Verfahren, Fotopapier in einem abgedunkelten Schießstand mit dem Mündungsfeuer einer Pistole zu belichten. Im Internet sind Bilder zu sehen, die tatsächlich etwas von der explosiven Herstellungsweise widerspiegeln. Anders die farbigen Formate in der Alfred- Ehrhardt-Stiftung, bei denen man einmal extrem unscharf fotografierte Blüten assoziiert. Ein anderes Mal glaubt man, das Fotopapier habe Wellen geschlagen – in Wirklichkeit ist es glatt. Jedenfalls bekommt die Redewendung „ein Foto schießen“ bei Petersen eine ganz unerwartete Bedeutung.

Alfred-Ehrhardt-Stiftung, Auguststr. 75, bis 9. 9., Di-So 11-18 Uhr, Do bis 21 Uhr, Katalogbroschüre 5 €

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