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  • 17.05.2018
  • von Hella Kaiser

Ausstellung im Kloster Memleben: Müßiggang ist der Feind der Seele

von Hella Kaiser

Geschütztes Juwel. Die unterirdische Krypta war lange Zeit nicht zugänglich. Foto: Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben/Tim Hufnagel

Kloster Memleben liegt etwas abseits im Unstruttal. Jetzt lockt es mit der Ausstellung: „Wissen und Macht. Der Heilige Benedikt und die Ottonen“.

Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Zeile für Zeile: Mit Akribie ließ der Student die Feder übers Papier gleiten, so, wie seine Lehrer es von ihm verlangten. Das „Reichenauer Schulheft“ legt Zeugnis ab vom Bildungswesen im frühen 9. Jahrhundert. Jetzt ist das einzigartige Dokument in der Ausstellung „Wissen und Macht. Der Heilige Benedikt und die Ottonen“ im Kloster Memleben zu sehen. „Für viele ist ein Kloster heute einfach nur ein Ort der Vergangenheit“, sagt Andrea Knopik. Was wir den Klöstern zu verdanken haben, sei kaum bekannt. Grund genug für die Kunsthistorikerin, mit der von ihr kuratierten Ausstellung für Nachhilfe zu sorgen.

Der Ort, an dem sie’s tut, könnte beeindruckender kaum sein. Zwei bedeutende Herrscher sind hier in der Kaiserpfalz Memleben gestorben: König Heinrich I. – die Umstände seines Todes wurden nie aufgeklärt – und sein Sohn Otto, der erste deutsche Kaiser. Beide hatten schon zu Lebzeiten dafür gesorgt, dass sich die Nachwelt ihrer erinnern würde. Zu dieser Erinnerung gehörte der Bau der Memlebener Klosterkirche. Sie wurde im 13. Jahrhundert ersetzt und erhielt eine der schönsten spätromanischen Krypten Europas, die – zum Glück – erhalten ist.

Dass Reisende hierher finden – rund 20 000 Besucher kommen pro Jahr – ist fast ein wenig überraschend. Denn Kloster Memleben liegt versteckt im malerischen Unstruttal. Stille herrscht über den Klostermauern, die nach der Wende liebevoll restauriert worden sind. Zu DDR-Zeiten nutzte ein volkseigener Betrieb das Gelände, 1989 hat die Gemeinde das Kloster von der Treuhand zurückgekauft. Inzwischen hilft eine Stiftung mit, das historische Erbe zu bewahren und es mit modernen Konzepten zu füllen.

Networking gab es schon im Mittelalter

Die neue Ausstellung ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Geschichte lebendig werden kann. 60 Objekte, darunter etwa die Gewandspange eines Frauenkleides (Scheibenfibel) aus dem 7. Jahrhundert, eine Hostienmonstranz (16./19. Jahrhundert) oder eine Silbermünze aus dem frühen 13. Jahrhundert. Doch die Zeit, in einer Ausstellung nur Objekte anzuschauen und Texte zu lesen, sei vorbei, findet Andrea Knopik. So habe man interaktive Elemente eingefügt, durch die Besucher das Thema „Wissen und Macht“ im wahrsten Sinne des Wortes erleben können. Anhand eines Puzzles etwa lässt sich die Heiratspolitik der damaligen Zeit verstehen. „Networking ist ja nichts Neues“, sagt die Kunsthistorikerin, „das gab es im Mittelalter auch schon.“ Da wurde eben ein Bruder oder eine Cousine als Abt oder Äbtissin eingesetzt.


Die Philosophie des benediktinischen Ordens

Natürlich wird Benedikt von Nursia in der Ausstellung gewürdigt, jener Mann, der um 525 herum erster Reformator der römischen Kirche war. Dem Verfall der Sitten des Klerus setzte er seine eigene asketische und kompromisslose Lebensweise entgegen. Seine „Regula Benedict“ mit mehr als 73 Kapiteln beeinflusst das abendländische Klosterleben bis heute. Wenn auch inzwischen die erste Gebetsstunde nicht mehr zwischen ein und zwei Uhr in der Nacht beginnen muss. „Müßigkeit ist der Feind der Seele“, beschwor der Heilige Benedikt seine Zeitgenossen und schuf damit jene Lebensphilosophie, die den benediktinischen Orden nachhaltig prägte. „Ora et labora“ folgte daraus, aber auch die Aufgabe, zu lesen und zu lernen.

Karl der Große setzte auf eine neue, einheitliche Schrift

Rund 300 Jahre nach Benedikt von Nursia gab Karl der Große dem Verständnis von Wissen und Lehre neue Impulse. Er setzte mit der als „karolingische Minuskel“ bezeichneten neuen und vor allem einheitlichen Schriftart die Grundlage unseres heutigen Schriftbildes. So wurde jahrhundertealtes Gedankengut der Medizin, Theologie, Mathematik und bildenden Kunst bewahrt und in den Klosterbibliotheken gesammelt.

Als Otto II. und seine Frau Theophanu aus Byzanz das Kloster Memleben um 975 stifteten, wurde vermutlich nach Schema F gebaut. Man vertraute auf den karolingischen Klosterplan von St. Gallen (819), der gleichsam als Muster für tausende spätere Klöster diente. In Memleben zeugt von dieser architektonischen Blaupause etwa die monumentale Kirche – 82 Meter lang und fast 40 Meter breit. Die Umrisse der beeindruckenden Grundmauern sind noch heute gut zu erkennen.

100 Nutzpflanzen wachsen im Klostergarten

Natürlich gehörte auch ein Klostergarten zum Ensemble. Weil die Mönche sich früher fast ausschließlich vom selbst angebauten Obst und Gemüse ernähren mussten, war der Garten riesig. In Memleben ist er heute erheblich geschrumpft – und steckt doch voller Vielfalt. „Rund 100 Nutzpflanzen wachsen darin“, sagt Andrea Knopik. Ob Mangold, Kohl, Pastinaken, Rettich, Zwiebeln oder Lauch, nichts fehlt. Dazu gibt es noch jene Kräuter, die einst unentbehrlich für die Krankenpflege waren und noch immer heilende Wirkung entfalten: Fenchel und Anis helfen bei schlechter Verdauung, Bockshornklee lindert Gicht, Fieber und Erkältung, und Blutwurz hilft gegen Entzündungen. Die Rose, zur Salbe verarbeitet, soll Jähzorn und Lähmungen bekämpfen, die Ringelblume Wunden schneller verschließen. Die Weisheit eines Mönchs namens Walahfrid Strabo wird in der Ausstellung hervorgekramt: „Pflücke Rosen im Streite und brich frohe Lilien im Frieden.“

Elf Klöster liegen an der Straße der Romanik

Dass in Memleben nun Geschichtsunterricht in schönster Form erlebt werden kann, ist übrigens einem Preußen zu verdanken: Karl Friedrich Schinkel. Ohne den aufmerksamen Baumeister, der auch als einer der ersten Denkmalpfleger Deutschlands gilt, wäre das Kloster womöglich für alle Zeiten verloren gewesen. 1833 hatte Schinkel die Reste der ehemals prächtigen Anlage entdeckt und vor dem totalen Verfall gerettet. Dabei schrieb er am 13. Juli 1833 noch skeptisch in sein Tagebuch: „... die Nutzung der Krypta als Kartoffelkeller ist sehr unpassend, aber leider zur Zeit nicht abzustellen.“ Es gelang indes doch. König Friedrich Wilhelm IV. veranlasste aufgrund von Schinkels Hinweisen, den oberen Chor mit großen Bodenplatten auszulegen. So konnte die darunterliegende Krypta geschützt werden, die heute Besucher aus aller Welt fasziniert.

Das beeindruckende Kloster Memleben wird vor allem jene überraschen, die entsprechende Anlagen eher in Österreich oder im Süden Deutschlands vermuten. Dabei ist die Klosterlandschaft gerade in Sachsen-Anhalt reich und sehenswert. Elf Klöster bilden hier ein Netzwerk. Viele davon, wie etwa die in Jerichow oder Gröningen, liegen an der „Straße der Romanik“, die wie eine Acht durch das Bundesland Sachsen-Anhalt verläuft. Diese Ferienstraße feiert in diesem Jahr ihren 25. Geburtstag. Grund genug, sie (nicht nur) in Memleben gebührend zu feiern.

Die Ausstellung "Wissen und Macht. Der Heilige Benedikt und die Ottonen" ist bis zum 15. Oktober 2018 im Kloster und Kaiserpfalz Memleben zu sehen. Mehr Infos im Internet unter: www.kloster-memleben.de/de/sonderausstellung-2018.html


Tipps für den Klosterbesuch

Einkehr: Waldschlösschen

An der Steinklöbe 13, 06642 Nebra / OT Wangen, Telefon: 034461 / 255360

Saisonale Küche in stilvollem Ambiente. Im Sommer schöne Terrassenplätze

Übernachten: Kloster Memleben

Thomas-Müntzer-Straße 48, 06642 Kaiserpfalz, OT Memleben, Telefon: 034672 / 60274

Ruhig wohnen wie ein Mönch: Innerhalb der Klostermauern stehen einige Einzel- und Doppelzimmer zur Verfügung (54/78 Euro). Das Frühstück zum Preis von 15 Euro ist selbstverständlich bio.

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