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  • 16.04.2018
  • von Carsten Otte

„Töchter“ von Lucy Fricke: Bloß nicht daheim bleiben

von Carsten Otte

Reden und Schreiben über Männer – und Frauen. Die Berliner Schriftstellerin Lucy Fricke, 44. Foto: Dagmar Morath/Rowohlt Verlag

Aberwitzige Reise in die Freiheit: Die Berliner Schriftstellerin Lucy Fricke hat mit „Töchter“ einen hinreißenden Roadroman geschrieben.

Dieser Tonfall setzt sich im Kopf fest. Betty nimmt es mit ihrer selbstkritischen und humorvollen Gehässigkeit mit allem auf, was das Leben einer knapp über 40 Jahre alten Berliner Schriftstellerin schlimmstenfalls bieten kann: Gentrifizierung in Kreuzberg und Reisen im Fluchtmodus, Frust im Beruf und Pech in Liebesdingen, eine medizinisch eingestellte Depression und die mühsame Aufarbeitung familiärer Verhältnisse, insbesondere des Todes des geliebten Vaters. Und wie bekommt man all das in den Rahmen eines Romans? Da gäbe es viele Möglichkeiten. Lucy Fricke lässt ihre traurig-aggressive Heldin in ihrem Roman „Töchter“ erst einmal mit bösen Bonmots auf die erlebte Unbill schießen: „Erst redet man drei, vier Jahrzehnte über Männer, und dann redet man über Krankheiten. Wenn das kein vergeudetes Leben ist."

Betty weilt in Rom, nicht nur weil sie Geld braucht und ihre Wohnung in Berlin an partywütige Spanier untervermieten muss, sondern auch, weil sie auf der Suche nach jenem Mann ist, der ihr vielleicht viel mehr bedeutet hat, als nur ein treusorgender und dann treuloser Papa zu sein. Ernesto, ein umherziehender Musiker und Frauenschwarm, soll in Bellegra, 60 Kilometer östlich Roms, beerdigt worden sein, und der Name des Ortes ist für sie längst zu „einer Aussicht auf Erlösung" geworden.

Die Reise zum Grab des vergötterten Übergangsvaters (Betty musste in Kindheit und Jugend mit diversen Liebhabern der Mutter auskommen) wird allerdings jäh unterbrochen: Ihre Freundin Martha braucht Hilfe, wiederum wegen eines abwesenden Vaters, der plötzlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Der todkranke Kurt will zum Sterben in die Schweiz gefahren werden. Martha aber möchte nach einem Unfall nicht am Steuer sitzen, und ihr Gatte will nichts mit dem bislang absenten Schwiegervater zu tun haben. Der leicht verwahrloste Mann wird daher von den Freundinnen in Hannover abgeholt, und so geht die seltsame Reise zu dritt los: Betty und Martha vorn, Kurt hinten.

Literarisches Roadmovie

Das Romangenre ist definiert, und die gewiefte Schriftstellerin weiß um die Eigenheiten des literarischen Roadmovies, die sie erst aufnimmt und dann links liegen lässt. Frickes Ich-Erzählerin räsoniert kurz über die Rasanz von „Thelma und Louise“ oder „Tschick“, um dann das vermeintlich gemächliche Tempo ihrer eigenen Geschichte anzumahnen. „Es war nicht so, dass ein Roadtrip zwangsläufig voller Überraschungen war, an jeder Raststätte das Versprechen auf Liebe, Sex oder Verbrechen wartete. So war es in Filmen und Romanen, eine Entwicklungsgeschichte auf der Überholspur. Das Leben hingegen war langsam. Wir waren imstande, jahrelang an einem einzigen Liebeskummer zu leiden, während auf der Leinwand jeder Verlierer, jeder Affe innerhalb weniger Tage die Welt retten oder zerstören konnte, sofern er nur an sich und seine Kräfte glaubte."

Tatsächlich entwickelt Lucy Fricke mit „Töchter“ keine Variation des Bekannten. Sie zeigt eine wirklich neue Perspektive auf die so beliebte literarische Gattung. Während viele Romane seit Jack Kerouac, die von der Sehnsucht handeln, unterwegs zu sein, von einer Freiheit ohne elterliche Repressionen erzählen, führen bei Fricke letzte Reste familiärer Verbundenheit und der Respekt vor dem Tod Betty und Martha auf die Straße.

Auf kunstfertige Weise handlungsstark

Was die beiden Töchter und der kranke Vater in wenigen Tagen erleben sollen, konterkariert die Annahme des langsamen und überraschungsarmen Roadtrips erfrischend. In „Töchter“ ist definitiv mehr los als in jedem anderen Roadmovie, womit ganz nebenbei geklärt ist, dass den meinungsstarken Ausführungen der Erzählerin keineswegs zu trauen ist.

Der Stress beginnt schon damit, dass Kurt offenbart, keinen Giftcocktail in der Schweiz, sondern einen Liebestrunk in Stresa am Lago Maggiore zu sich nehmen zu wollen. Dort lebt seine frühere Freundin Francesca, mit der er längst wieder Kontakt aufgenommen hat. Dieses Wiedersehen nimmt Betty als aufdringliches, unwirkliches Romantikspektakel wahr, weshalb sie beschließt, allein in Richtung Süden weiterzufahren, nach Bellegra, wo sie zu ihrem Erstaunen nicht Ernestos letzte, vielmehr leere Ruhestätte inspiziert. Außerdem bekommt sie es mit einer dubiosen Schwester des Ziehvaters sowie einem Polizisten zu tun, die von Familienfehden und Morden munkeln. Dass hier schlimmste Italien-Klischees nicht bedient, sondern inbrünstig affirmativ zertrümmert werden, ist nur eine der Stärken dieses tiefgründig amüsanten Romans: „Die wenigsten fanden ihr Glück in Italien, da suchten einfach zu viele.“

Der flüchtige Ernesto soll sich noch auf einer griechischen Insel versteckt halten, und klar, Betty folgt auch dieser Spur. Wie nun der immer noch todgeweihte, aber durchaus zum Leben aufgelegte Kurt zwar ohne Francesca, aber mit Tochter Martha auf das Eiland in der Ägäis nachkommt, wie dort gemeinsam in einer österlichen Familienfeier die Auferstehung nicht nur von Jesus Christus, sondern generell der Liebe gefeiert wird, soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Frickes Roman ist auf kunstfertige Weise handlungsstark, und die überraschenden Wendepunkte haben oft bittere Pointen.

Vom Mafia-Drama zum Familienepos

Mit dem inhaltlichen Spannungsbogen, so viel sei noch verraten, entfaltet sich auch das literarische Spiel mit den Sujets. Der Roman, der als Reisestück beginnt und sich zum Mafia-Drama entwickelt, endet in einem anrührenden Familienepos, in dem es um die Liebeserfahrung im selbstbestimmten Tod, überhaupt um den Willen zum Gefühl geht, „schließlich war Liebe nur das: eine Entscheidung“.

Der Erzählfaden, der die verschiedenen Ebenen und Facetten dieses hinreißenden Romans zusammenhält, ist die Beziehung zweier Frauen, die alle Bindungsnuancen kennen: schwesterliche Freundschaft und freundschaftliche Abgrenzung, eheähnliche Verschmelzung und Selbstbehauptung. Der wahre Kampf aber wird mit den Männern ausgefochten, mit Vätern, die ihre Töchter in genau dieser Rolle belassen, weil sie abhauen oder sich als Superpapa aufspielen, aber auch mit Männern, die nie Vater werden wollen.

Der Roadtrip in die Freiheit ist jenseits der Jugendjahre eine Fahrt in ein Leben, in der es so etwas wie Familienliebe noch gibt. Um dahin zu gelangen, müssen alle Beteiligten offenbar noch immer in Autos oder Züge steigen, einsame Inseln besuchen und sich vor allem mit jenen Menschen beschäftigen, die sie aus guten Gründen jahrzehntelang ignoriert haben. Wer trotzdem daheim bleibt, muss sich wohl damit abfinden, dass schließlich nur Sarkasmus übrig bleibt: „Was am Ende einer Ehe blieb, war das Sofa, auf dem man sich besaufen oder erschießen konnte.“ Wobei man auf diesem Sofa dann doch besser Lucy Frickes Roman lesen sollte.

Lucy Fricke: Töchter. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2018. 239 Seiten, 20 €.

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