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  • 13.02.2018
  • von Peter von Becker

Zum Tod von Wilfried Minks: Der freie Raum

von Peter von Becker

Der Bühnenbildner und Theaterreformer Wilfried Minks. Foto: picture alliance / dpa

Er hat neue Medien ins Theater gebracht: zum Tod des Bühnenbildners und Regisseurs Wilfried Minks.

Ein wirklich Großer. Denn über alles Theater hinaus war Wilfried Minks, der am Dienstagmorgen in seinem Zuhause in Berlin wenige Tage vor seinem 88. Geburtstag gestorben ist, einer der ingeniösesten deutschen Künstler nach 1945. Meist ist er als Erfinder des „modernen Bühnenbilds“ gefeiert worden. Aber Minks hat auch Kino gemacht, hat mit den Settings und optischen Effekten für Peter Zadeks TV-Film „Rotmord“ im rebellischen Jahr 1968 eine ästhetische Revolution im bis dahin bildarmen bundesdeutschen Fernsehen bewirkt und 1970 den deutschen Pavillon bei der Expo im japanischen Osaka entworfen, zudem zehn Jahre später das BMW-Museum in München gestaltet. Statt einer schieren Karosserien-Schau wurde auch das zur szenisch und multimedial ausgreifenden Motoren-Menschen-Weltausstellung.

Seine Ikonen waren in den 1960er Jahren natürlich die legendären Bühnenbilder für Peter Zadek, Peter Stein und Klaus Michael Grüber in Bremen. Kurz gesagt: Wilfried Minks räumte auf mit allen traditionellen Kulissen, fegte den Schauplatz erstmal leer und brachte die Pop Art, das Kino, den Comic mit auf die Bühne. Das hieß nicht einfach nur „Der leere Raum“ (so das Credo von Peter Brook) oder „armes Theater“ im Sinne des einst umschwärmten polnischen Theatergurus Jerzy Grotowski. Sondern die Reduktion und Konzentration auf einschlägige, mal magische, mal provokante Symbole.

Das geschah in Bremen, wo damals dank des Intendanten, Menschenfischers, Geniefinders Kurt Hübner das aufregendste Theater Europas gemacht wurde. Für zwei Shakespeare-Inszenierungen, Hübners eigenen „Hamlet“ 1964 mit dem jungen Bruno Ganz in der Titelrolle und später für Peter Zadeks „Maß für Maß“ baute er auf die Guckkastenbühne einfach einen zweiten Guckkasten mit Industrielampen oder einem Glühbirnenrahmen. Frei nach Shakespeares „Alle Welt ist Bühne“ konnte jede Minks-Bühne alle Welt bedeuten: als Zauberkiste ohne doppelten Boden, als nackter Ort für die Magie des Lichts, der Körper und Stimmen.

Roy Lichtenstein-Comic als Hintergrund für "Die Räuber"

Eine optische Sensation dann auch das in den Kasten eingehängte riesige Foto der Schauspielerin Rita Tushingham aus Richard Lesters Film „The Knack“ als alleiniger Hintergrund für Zadeks Version von Wedekinds „Frühlings Erwachen“. Oder Roy Lichtensteins Vietnamkriegs-Comic mit einem auf Akteure und Publikum zielenden MG-Schützen als Background für Zadeks Schiller-„Räuber“. Das Finale waren zum Ende der wilden 1960er für Grübers Shakespeare-„Sturm“ ein lichtglühender Regenbogen und beim „Torquato Tasso“ in Peter Steins Regie (mit Ganz, Jutta Lampe, Edith Clever) ein giftgrüner Kunstrasen als artifizieller, also trügerischer Boden der italienischen Renaissancewelt - und auf ihm, nahe der Rampe, die bleiche Gipsbüste des Dichters. Nicht Tassos, sondern Goethes, der ja im „Tasso“ seine eigene Doppelexistenz als Poet und Minister spiegelt.

Diese Bilder und ihre fotografischen Abbildungen galten übrigens auch in Osteuropa als revolutionär, und die Zeitschrift „Theater heute“, deretwegen das Theater an der Weser scherzweise „Bremen heute“ genannt wurde, ist einst von Warschau bis Moskau als Samisdat gehandelt worden: Weil bildende Künstler und Theaterleute, selbst wenn sie kein Deutsch konnten, die Fotos der Minks-Bühnen wie Freiheitszeichen lasen.

Wilfried Minks, 1930 im heute tschechischen Binai als Sohn böhmendeutscher Grundbesitzer geboren, musste 1945 mit seinen Eltern fliehen, war zunächst Landarbeiter in Sachsen, hat erste Bühnenbilder noch als Autodidakt fürs Theater Wurzen gemalt, dann an der Theaterhochschule in Leipzig studiert und wurde, mit seiner Begabung früh erkannt, ein Meisterschüler des einflussreichen Lehrers Willi Schmidt in Berlin.

Ab 1967 war er auch selbst Professor für Bühnenbild in Hamburg. Dort und in Berlin begann er dann auch selbst zu inszenieren, so 1973 Botho Strauß’ erstes Theaterstück „Die Hypochonder“ an der damaligen Schaubühne am Halleschen Ufer. Emphatisch geriet im selben Jahr am Hamburger Deutschen Schauspielhaus Schillers „Jungfrau von Orleans“, die Wilfried Minks mit der blutjungen Eva Mattes als Titelheldin in riesige weiße Schleier hüllte.

Er war geerdet, bezeichnete sich als Realist

Bei Minks, der auch für Fassbinder und Luc Bondy gearbeitet hat und mit Stücken von Tankred Dorst, der kurze Zeit glücklos mit Johannes Schaaf das Schauspiel Frankfurt leitete, gab es bisweilen auch die Verführung durch den raffiniert naiven Effekt. Aber er, der sich als Realist bezeichnete, war in allen fantastischen Aufschwüngen doch geerdet.

Ein dunkelhaariger, glänzend aussehender Mann mit großen Händen und Augen, die oft schalkhaft blitzten, ein herzlicher, im Wesen uneitler Mensch, in dem ganz im Hintergrund noch die Mythen seiner böhmischen Urheimat spukten. Man konnte das etwa in seinem Kinofilm „Geburt der Hexe“ sehen, in dem 1982 seine damalige Ehefrau, spätere Schriftstellerin und Verlegerin Ulla Berkéwicz, die Hauptrolle spielte.

Lange noch hat er gearbeitet, zuletzt sah man in Berlin am Renaissance Theater vor gut zwei Jahren noch seine Inszenierung des intimen Thrillers „Waisen“ von Dennis Kelly. Sein Tod bedeutet, wie zuvor bei Zadek, Grüber, Dorst das Ende einer Epoche. Und Trauer.

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