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  • 09.11.2017
  • von Gunda Bartels

Zum Tod von Hans-Michael Rehberg: Spezialist für die Gebrochenen

von Gunda Bartels

Hans-Michael Rehberg (1938- 2017) im Jahr 2010 bei den Salzburger Festspielen. Foto: imago/Manfred Siebinger

In jeder Beziehung frei: Der Schauspieler Hans-Michael Rehberg ist mit 79 Jahren in Berlin gestorben. Ein Nachruf.

Ein Charakterkopf, natürlich. Ganz gewiss hat auch die prägnante Physis von Hans-Michael Rehberg ihn im Fernsehen zu einem so viel beschäftigten Nebendarsteller gemacht. Allein den merkwürdig bibelschwachen Bischof Hemmelrath in der Fernsehserie „Pfarrer Braun“ hat er mehr als zehn Jahre lang gespielt. Und doch sind es nicht die hohe Stirn, die oft von einem sinistren Lächeln umspielten schmalen Lippen und der notorische Schwermutsblick, die Hans-Michael Rehberg zu einem Charakterkopf gemacht haben. Vielmehr seine Kunst, die Tragik und das Pathos zu verbinden. Die zeichnete übrigens auch seine komödiantischen Rollen aus, wie die des lakonischen Bischofs.

Die Komik blieb allerdings nur das Nebenfach dieses kantigen Schauspielers. Die Bösewichter und die großen, ernsten Männer der Macht hat er in seiner langen und reichen Theaterkarriere viel häufiger dargestellt. In mehr als drei Jahrzehnten, in denen er die Abgründe seiner Figuren stets scharf und tiefgehend auslotete, entwickelte er sich zum Spezialisten für die Gebrochenen, Verletzten, für einsame, schroffe Figuren.

Sein Pastor Manders in Luc Bondys Hamburger „Gespenster“-Inszenierung von 1977 friert die Nächstenliebe in einem Lächeln ein. Sein Folterer in Pinters „Noch einen letzten“, 1986 in Stuttgart von Dieter Giesing in Szene gesetzt, genießt den Whisky ebenso geschäftsmäßig wie das Quälen der Opfer durch Herausschneiden ihrer Zungen. Sein Baumeister Solneß in der Regie von Peter Zadek, aufgeführt 1984 am Münchner Residenztheater, stürzt in die Liebe wie in einen tollen, schwarzen Abgrund.

Sein Vater war der NS-Dramatiker Hans Rehberg

Mit dieser Rolle wie mit seinem melancholischen, furiosen Danton in Jürgen Flimms Büchner-Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus schrieb Hans-Michael Rehberg Theatergeschichte. In Zadeks Ibsen-Version spielte er die späte Liebe des alternden Baulöwen Solneß so flirrend, so irisierend verführt (durch das Mädchen Hilde der Barbara Sukowa, damals Rehbergs Frau auch im Leben) und zugleich verführerisch, dass diese hoch greifende Amour Fou nur im Absturz enden kann. Alles ist klar – und zugleich ist alles Geheimnis, wie ein zu lange anhaltender, elektrisierender Blitz. Ein erotischeres Paar, als es damals Rehberg und Sukowa waren, hat man im Theater kaum mehr gesehen.

Geboren wird Rehberg am 2. April 1938 im brandenburgischen Fürstenwalde. Sein Vater ist der im Nationalsozialismus durchaus geschätzte Dramatiker Hans Rehberg. Die Schauspielerei lernt der Sohn an der Folkwang-Schule Essen.

Rehbergs Aura wird früh bemerkt. Nach wenigen Stationen in der Provinz folgen gleich die großen Bühnen: Ab 1963 spielt er in München, Wien, Berlin, Hamburg und bei den Salzburger Festspielen. Er arbeitet mit Regisseuren wie Hans Lietzau, Jürgen Flimm, Peter Zadek, Peter Stein, Ingmar Bergman, Hans Neuenfels, Dieter Giesing, Bob Wilson, Claus Peymann, Andrea Breth – im Fernsehen und Film mit Rainer Werner Fassbinder („Berlin Alexanderplatz“) und Steven Spielberg („Schindlers Liste“).

Rehberg kroch förmlich in die Körper seiner Figuren

Unvergessen ist sein Auftritt 1986 in Reinhard Hauffs Drama „Stammheim“. Da spielt Rehberg den 1974 von der Roten Armee Frakton ermordeten Generalbundesanwalt Siegfried Buback höchst eindringlich als unerbittlichen Juristen.

1999 erhält der zeitweilig auch als Regisseur tätige Bayerische Staatsschauspieler den Gertrud-Eysoldt-Ring für seine Darstellkunst in „Der verkaufte Großvater“ von Franz Xaver Kroetz am Münchner Volkstheater.

Am Dienstagvormittag ist Hans-Michael Rehberg im Alter von 79 Jahren in Berlin gestorben, wie das Münchner Residenztheater nun mitteilte. Die Salzburger Festspiele, wo Rehberg seit seinem ersten Auftritt im Jahr 1992 in Peter Steins Inszenierung des „Julius Caesar“ sage und schreibe 166 Mal auf der Bühne stand, nennen ihn in ihrer Traueradresse einen „in jeder Beziehung freien Schauspieler“. Und einen, der es verstand, jeder seiner Figuren Leben zu geben. Sie zitieren einen Satz des Theaterkritikers C. Bernd Sucher aus dessen Porträtbuch „Theaterzauberer“: „Rehberg scheint erst das Denken seiner Figuren zu überprüfen, bevor er in ihre Körper kriecht, sich mit ihnen identifiziert.“ Ja, er war ein Theaterzauberer, einer der stillen, eindrücklichen Art.

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