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  • 07.02.2018
  • von Alfons Frese

Neuer Tarif in der Metallindustrie: Ein Schritt in die Zukunft

von Alfons Frese

Geschafft. Die letzte Verhandlungsrunde dauerte 14 Stunden.  IG Metall-Chef Jörg Hofmann, der Verhandlungsführer der Gewerkschaft, Roman Zitzelsberger, und der Arbeitgeber, Stefan Wolf, sowie Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger (von links nach rechts). Foto: AFP

Flexible Arbeitszeiten und 4,3 Prozent mehr Geld: Arbeitgeber und IG Metall loben sich für den neuen Tarifvertrag.

Zufriedenheit auf beiden Seiten ist eher selten am Ende einer Tarifauseinandersetzung. Doch nach insgesamt sechs Verhandlungsrunden in Baden- Württemberg und bundesweit 1,5 Millionen Metallern im Warnstreik war am Dienstag die Erleichterung groß. „Wir haben heute den Grundstein für ein flexibles Arbeitszeitsystem für das 21. Jahrhundert gelegt“, freute sich Rainer Dulger, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. Und sein Partner Jörg Hofmann, Vorsitzender der IG Metall, fühlte sich nach schlafloser Nacht „pudelwohl“. Der Tarifabschluss von Stuttgart sei ein „Meilenstein auf dem Weg zu einer modernen, selbstbestimmten Arbeitswelt“. Die Gewerkschaft hätten sich um Arbeitszeiten bemüht, „die zum Leben passen“. Und dazu gab es für die 3,9 Millionen Metaller die höchsten Entgeltsteigerungen in den vergangenen 15 Jahren. „Dieser Abschluss tut richtig weh“, klagte der Verband der Maschinenbauer.

Der Vertrag gilt 27 Monate

Die IG Metall war mit der Forderung nach sechs Prozent mehr Geld für eine Vertragslaufzeit von zwölf Monaten, einem individuellen Anspruch auf Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden mit Rückkehrrecht auf Vollzeit sowie einem Teillohnausgleich für Beschäftigte mit Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen sowie Schichtarbeiter in die Tarifauseinandersetzung gegangen. Relativ früh zeichnete sich ab, dass der Tarifvertrag eine Laufzeit über 2019 hinaus haben würde, da im Herbst kommenden Jahres der Gewerkschaftskongress mit der Wiederwahl Hofmanns nicht durch eine Tarifauseinandersetzung belastet werden soll. Der nun geschlossene Vertrag ist sogar bis März 2020 gültig.

Zwischen Geld und Zeit wählen

Aufgrund der Laufzeit und der guten Konjunktur konnte die IG Metall eine Erhöhung der Tabellenentgelte um 4,3 Prozent ab April 2018 durchsetzen. Für das erste Quartal bekommen die Beschäftigten 100 Euro. Im Juli nächsten Jahres gibt es dann ein Zusatzentgelt in Höhe von 27,5 Prozent eines Monatsentgelts sowie einen für alle Beschäftigten identischen Betrag von 400 Euro; diese 400 Euro können, je nach Lage des Unternehmens, verschoben, reduziert oder ganz gestrichen werden. Damit wollen die Arbeitgeber den Differenzierungswünschen vor allem im Mittelstand gerecht werden.

Umstrittener als das Geld war in den vergangenen Wochen die Arbeitszeit gewesen und der Teillohnausgleich für die drei besonderen Beschäftigtengruppen. Hier haben die Tarifparteien nun eine Wahlmöglichkeit in den Vertrag geschrieben: Anstatt der 27,5 Prozent eines Monatsentgelts können die Arbeitnehmer bis zu acht freie Tage nehmen. Und zwar dann, wenn sie Kinder bis zum achten Lebensjahr oder Angehörige ersten Grades mit mindestens Pflegegrad I zu versorgen haben oder Schichtarbeiter mit längerer Betriebszugehörigkeit sind. Von den acht zusätzlichen freien Tagen sind die Kosten von sechs Tagen durch die Umwandlung der 27,5 Prozent gedeckt, zwei Tage gehen auf die Kosten der Arbeitgeber. An diesem Punkt räumte IG Metall-Chef Hofmann eine gewisse Enttäuschung ein. Die IG Metall hatte ursprünglich einen Zuschuss von 200 Euro im Monat für Eltern und pflegende Angehörige gefordert, damit diese sich die Arbeitszeitverkürzung auch leisten können.

Gleichzeitig kürzer und länger arbeiten

Extrem kompliziert zu lösen war ferner der Anspruch auf individuelle Arbeitszeitverkürzung auf bis zu 28 Wochenstunden ohne Lohnausgleich mit Rückkehrrecht auf Vollzeit. Die Arbeitgeber ließen sich darauf nur ein, weil auf der anderen Seite mehr Arbeitnehmer länger als 35 Stunden arbeiten dürfen. Bislang ist das nur 18 Prozent der Beschäftigten erlaubt. Wenn künftig ein Fachkräftemangel besteht, dann können sich die Betriebsparteien auf eine Quotenanhebung auf 30 Prozent verständigen. Damit werde nicht nur das durch Teilzeit entfallende Arbeitsvolumen ausgeglichen, „sondern die Kapazitäten können bei Bedarf insgesamt erweitert werden“, meinte Dulger. Hofmann dagegen hatte anderes im Blick, als er von einer „Umkehr bei der Arbeitszeit“ sprach. Erstmals hätten jetzt die Beschäftigten „verbindliche Ansprüche, sich für eine kürzere Arbeitszeit zu entscheiden – für sich selbst, für ihre Gesundheit, für ihre Familien“.

Im Osten bleibt es bei 38 Stunden

Der Tarifkompromiss von Stuttgart gilt als Pilotabschluss, der in den anderen Bezirken übernommen wird. Eine Besonderheit gibt es in Ostdeutschland, wo die Metaller 38 Wochenstunden arbeiten, also drei mehr als im Westen. In der Erklärung von Stuttgart heißt es zwar, IG Metall und Gesamtmetall „empfehlen“ den Tarifparteien in Ostdeutschland, Gespräche über eine Angleichung der Arbeitszeit zu führen. „Die längere Arbeitszeit muss bleiben“, gab jedoch Gesamtmetall-Präsident Dulger die Richtung vor. Der Osten brauche den Wettbewerbsvorteil.

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