• Charité-Studie zur Hintergrundimmunität: Könnte eine normale Erkältung vor einem schweren Covid-19-Verlauf schützen?

Fortsetzung des Newsblogs zur Coronavirus-Forschung

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Charité-Studie zur Hintergrundimmunität : Könnte eine normale Erkältung vor einem schweren Covid-19-Verlauf schützen?
Inga Barthels
Antikörper im Blut von Genesenen als Heilung?
Antikörper im Blut von Genesenen als Heilung?Foto: dpa/Kay Nietfeld


Donnerstag, 2. April: Wann kommen flächendeckende Antikörpertests?

Um die Corona-Maßnahmen lockern zu können, bedarf es umfangreicher Tests. In aller Munde sind dabei Antikörpertests, mit denen schnell nachgewiesen werden kann, ob eine Person bereits mit dem Virus infiziert war und jetzt immun ist. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Test.

Wie funktionieren Antikörpertests und warum brauchen wir sie?

Wer sich mit dem Coronavirus infiziert, braucht etwa zehn Tage, bis im Blut erste Antikörper gebildet werden. Zwei oder drei Wochen nach der Infektion hat man deutliche Antikörper im Blut. Anhand einer Blutprobe lässt sich das messen. Diese Antikörpertests nennen sich ELISA-Tests, auf Deutsch heißen sie Enzym-Immuno-Tests.

Der Vorteil dieser Tests: Antikörper lassen sich im Blut nachweisen, auch wenn der Infizierte keinerlei Anzeichen der Infektion gespürt hat. Die Antikörper bleiben auch im Körper, wenn die Erkrankung bereits abgeklungen ist. Es ließen sich mit einem solchen Test also Menschen identifizieren, die bereits infiziert waren und jetzt immun gegen das Virus sind. Sie könnten wieder zur Arbeit gehen. Solche Tests wären also insbesondere für Klinik- und Pflegepersonal extrem wichtig.

Was ist der Unterschied zu den bisherigen Tests?

Bisher werden hauptsächlich sogenannte PCR-Test angewandt, um Menschen auf das neuartige Coronavirus SARS Cov-2 zu testen. PCR steht für Polymerase-Kettenreaktion. Bei diesem Test wird zunächst ein Rachenabstrich des Patienten genommen. Im Labor wird die Erbinformation des Virus abgeschrieben und dabei vervielfältigt und eine Farbreaktion erzeugt.

Vorteil dieses Tests ist die sehr hohe Genauigkeit, harmlose Coronaviren werden nicht mit angezeigt. Zu den Nachteilen gehört, dass der Test mehrere Stunden dauert, dazu kommt der Transportweg. Außerdem ist das Virus nur in der ersten Woche der Erkrankung zuverlässig nachweisbar, da in der zweiten Woche Viren vom Rachen in die Lunge wandern.



Wie weit ist die Forschung? Wann gibt es flächendeckende Antikörpertests?

Um Massen an Menschen testen zu können, benötigt es einen automatisierten ELISA-Test, an dessen Entwicklung weltweit unter Hochdruck geforscht wird. Der Charité-Chefvirologe Christian Drosten sagte im NDR-Podcast, dass er es in zwei bis drei Monaten für denkbar halte, automatisierte Antikörpertests zu haben. Derzeit sei es bereits möglich, händisch im Labor Blutproben auf Antikörper zu untersuchen, dies sei aber ein sehr hoher Aufwand.

In New York City wurde bereits ein erster ELISA-Test vorgestellt, jetzt hat auch eine Lübecker Firma angekündigt, einen entsprechenden Antikörpertest auf den Markt zu bringen. Das Unternehmen Euroimmun hat nach eigenen Angaben die erforderliche CE-Kennzeichnung bekommen und darf den Test auf den Markt bringen. Das Berliner Pharmaunternehmen PharmACT hat vor Kurzem eine Notfall-Zulassung der US-Arzneimittelbehörde FDA für einen Schnelltest auf Sars-CoV-2-Antikörper erhalten.

An einem Antikörpertest arbeitet auch ein internationales Konsortium aus Biotechnologie-Unternehmen und Forschern, etwa des Braunschweiger Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung. In sechs bis acht Wochen wollen sie einen Prototyp vorliegen haben, der dann in der Praxis getestet werden kann, wie Konsortiumssprecher Thomas Huber der Nachrichtenagentur dpa erläutert. Der Test basiert auf einem Mikrochip, der in ein Lesegerät gesteckt wird und in wenigen Minuten ein Ja/Nein-Ergebnis liefert. In einer späteren Version könnte der Chip das Testergebnis direkt an ein Smartphone schicken. Er soll dann auch für Heimtests angeboten werden.

Ein Problem von Antikörpertests ist, dass sie gelegentlich ungenau sind und positiv ausfallen, wenn im Blut Antikörper gegen harmlose Coronaviren gebildet wurden. Außerdem sind sie kein Ersatz für PCR-Tests, da sie lediglich zeigen, ob die Testperson in der Vergangenheit den Virus in sich trug, nicht, ob er gerade infektiös ist.

Wie der „Spiegel“ berichtete, soll in Deutschland eine große Studie geplant sein, die untersuchen soll, wie viele Menschen bereits gegen Covid-19 immun sind. Beteiligt seien unter anderem das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, das Robert Koch-Institut und die Berliner Charité. Nach „Spiegel“-Informationen soll ab April das Blut von mehr als 100.000 Probanden auf Antikörper untersucht werden.

Aus Belgien meldet die dpa heute, dass Blutuntersuchungen größeren Ausmaßes Erkenntnisse zur Ausbreitung des Coronavirus in der Bevölkerung liefern sollen. Das Rote Kreuz und die Gesundheitsbehörden vereinbarten eine großangelegte Testaktion auf Antikörper. Ähnliche Untersuchungen hätten an der Universität Antwerpen und in den Niederlanden begonnen. Das Rote Kreuz solle alle zwei Wochen 3000 Blutproben für die Untersuchung bereitstellen.

Mittwoch, 1. April: Sind Antikörper-Therapien auch beim Coronavirus hilfreich?

Weltweit forschen Experten gerade daran, ob Antikörper aus dem Blut von Menschen, die an Covid-19 erkrankt waren und genesen sind, anderen Erkrankten helfen können. Die Antikörper gegen das Virus sollten sich im Blutplasma befinden. Es wäre möglich, dieses Plasma Erkrankten zu injizieren. Die Antikörper könnten dann, wenn sie in ausreichender Zahl vorhanden sind, eine entsprechende Zahl Viren neutralisieren. Wenn die Behandlung rechtzeitig erfolgt, könnte das Symptome lindern und dem Immunsystem der Erkrankten mehr Zeit verschaffen, selbst Abwehrmoleküle zu bilden.

Eine solche Behandlung war bereits bei anderen Epidemien erfolgreich. Bei der Spanischen Grippe, die von 1918 bis 1920 wütete, konnte die Therapie die Sterblichkeit um ein Fünftel senken, auch bei der Masern-Epidemie in den 1930er Jahren in den USA hat man den kranken Kindern Blutplasma von genesenen Personen als Therapiemaßnahme gespritzt. Ist eine derartige Therapie auch beim Coronavirus erfolgversprechend?

Chinesische Wissenschaftler haben nach eigenen Angaben mehrere Antikörper identifiziert, die für ein Medikament zur Behandlung von Covid-19 infrage kommen könnten. Die aus dem Blut genesener Patienten isolierten Antikörper könnten „äußerst wirksam“ die Fähigkeit des neuartigen Coronavirus zum Eindringen in Zellen blockieren, sagt Zhang Linqi von der Tsinghua-Universität in Peking.


Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).
Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).Foto: dpa/Michael Kappeler


Auch eine Studie aus China, die im Fachmagazin „Jama“ veröffentlicht wurde, macht Hoffnung. Chinesische Ärzte beschreiben dort, wie sie in Shenzen fünf Covid-19-Patienten mit Spenderblut therapierten. Die Erkrankten waren zwischen 36 und 65 Jahre alt und mussten künstlich beatmet werden. Die Ärzte führen auf, dass die Transfusion mit Blutplasma zu einer deutlichen Verbesserung des gesundheitlichen Zustands der Patienten führte.

Innerhalb von drei Tagen normalisierte sich ihre Körpertemperatur, auch die Lungenfunktion verbesserte sich. Innerhalb von zwölf Tagen konnten keine Coronaviren mehr bei den Patienten nachgewiesen werden. Inzwischen haben drei das Krankenhaus verlassen, zwei weitere sind stabil. Die Ärzte schließen darauf, dass Antikörper helfen könnten, um schwer an Covid-19-Erkrankte zu behandeln.

Aufgrund der sehr geringen Anzahl von Patienten lassen sich aus der Studie noch keine Schlüsse ziehen, unabhängige Experten aus der USA bewerten sie aber als ersten Erfolg. In Deutschland ist die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) führend in der Antikörper-Forschung. Hunderte Menschen folgten einem Aufruf der Hochschule, für die Forschung But zu spenden.

Auch Friedrich Merz, der sich um den CDU-Parteivorsitz bewirbt, will mithelfen. Der mit dem Coronavirus infizierte Politiker twittere, dass er sich mit der Uniklinik Münster verbinden wolle, um Blut zu spenden.



Dienstag, 31. März: Das Zehn-Tage-Ziel - wie schnell verdoppeln sich die Neuinfektionen?

Noch sind keine Lockerungen der Coronavirus-Maßnahmen in Deutschland in Sicht. Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) sagte im Tagesspiegel-Interview, dass die Maßnahmen bis 19. April verlängert würden. Ähnlich äußerte sich die Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrem Podcast vom Wochenende. Dort nannte sie auch eine entscheidende Zahl: Die Verdopplungszeit bei Neuinfektionen müsse „in Richtung zehn Tage“ gehen. Was hat es mit dieser Zahl auf sich und wie weit ist Deutschland von ihr entfernt?

Die Verdopplungszeit benennt die Anzahl der Tage, in denen sich die Neuinfektionen mit dem Coronavirus verdoppeln. Warum Merkel genau zehn Tage Verdopplungszeit als Vorgabe setzt, ist unklar. Vermutlich hängt diese Zahl mit Berechnungen zu den Kapazitäten der Intensivstationen in Deutschland zusammen. Grundsätzlich gilt: Je länger die Verdopplungszeit ist, desto besser für die Krankenhäuser.


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Ohne Maßnahmen, bei einem unbegrenzten, exponentiell steigendem Wachstum der Fallzahlen würde das Gesundheitssystem kollabieren, auch wenn nur wenige der mit Covid-19-Infizierten eine Behandlung auf der Intensivstation benötigen. Das zeigen die Entwicklungen in Italien und Spanien. Dort mussten Ärzte das Triage-Verfahren anwenden, also anhand von mehreren Kriterien entscheiden, wer eine lebensrettende Behandlung erhält und wer nicht.

Deutschland hat derzeit noch Kapazitäten auf Intensivstationen für Coronavirus-Patienten, wie das neugeschaffene DIVI-Intensivregister zeigt. Der Charité-Chefvirologe Christian Drosten und andere Experten kündigen aber eine Zunahme der Fallsterblichkeit und damit auch der nötigen Behandlungen auf Intensivstationen an. Experten schätzen, dass eine durchschnittliche Behandlung für Covid-19 auf der Intensivstation etwa zehn Tage dauert.


Ärzte testen in Fürstenwalde auf das Coronavirus.
Ärzte testen in Fürstenwalde auf das Coronavirus.Foto: dpa/Patrick Pleul


Um die Epidemie dauerhaft in Schach zu halten, muss die Verdopplungszahl deutlich weiter ansteigen als zehn Tage. In China und Südkorea liegt sie nach der Johns-Hopkins-Universität bereits bei über 20 Tagen, dort gilt die Epidemie weitgehend eingedämmt.

Zu Beginn des Coronavirus-Ausbruchs lag die Verdopplungszeit in Deutschland noch bei etwa zwei Tagen, inzwischen beträgt sie nach Berechnungen der „Süddeutschen Zeitung“ 5,9 Tage. Obwohl sich die Verdopplungszeit in den letzten Wochen also deutlich verlängert hat, ist sie noch weit entfernt von Merkels Zehn-Tage-Vorgabe. Die Berechnung der SZ basieren auf den Zahlen der Johns-Hopkins-Universität in den USA, die etwas abweichen von den Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Auch die Verdopplungszeit schwankt je nach den Zahlen, auf denen die Berechnungen basieren.

Berechnungen des Tagesspiegels zeigen, wie hoch die Verdopplungsrate in den einzelnen Bundesländern ist. Die Berechnungen basieren auf Zahlen der Firma Risklayer und dem Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology des KTI, die diese von den Webseiten der Kreisämter sammeln. Bremen ist hier Spitzenreiter mit einer Verdopplungszeit von zehn Tagen, am schnellsten verdoppeln sich die Fallzahlen in Bayern, mit sechs Tagen. Auch in NRW und Mecklenburg-Vorpommern beträgt die Verdopplungszeit vergleichsweise langsame neun Tage.

In Berlin liegt die Verdopplungszeit bei sieben Tagen, die Zahl der Infizierten ist in dieser Berechnung an diesem Dienstag 2,1 mal höher als am 24. März. Recherchen des RBB, die auf Zahlen der Berliner Senats basieren, haben eine Verdopplungszeit von 5,4 Tagen für Berlin ergeben.


Festzuhalten ist, dass die Verdopplungszeit in allen Bundesländern derzeit deutlich steigt. Die Maßnahmen der letzten Wochen scheinen also Wirkung zu zeigen. Allerdings ist es auch wahrscheinlich, dass die Dunkelziffer der mit der mit dem Coronavirus Infizierten höher liegt als die offiziellen Zahlen. Wie lange es noch dauert, bis eine Verdopplungszeit von zehn Tagen erreicht ist, ist also derzeit nur schwer vorherzusagen.


Montag, 30. März: Covid-19 ist gefährlicher als die Grippe

Als die Covid-19-Pandemie begann zogen viele Vergleiche zur herkömmlichen Grippe, die angeblich gefährlicher sei als das neuartige Coronavirus. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass dem nicht so ist. In Deutschland gibt es derzeit 62.888 bestätigte Coronavirus-Infektionen, 537 Menschen sind bisher an Covid-19 gestorben. Wie der Grippe-Monitor der Funke Mediengruppe zeigt, sind in der aktuellen Grippesaison in Deutschland 165.036 bestätigte Fälle gemeldet.

Eine Mikrografie von SARS-CoV-2 Partikeln, auch bekannt als Coronavirus.
Eine Mikrografie von SARS-CoV-2 Partikeln, auch bekannt als Coronavirus.Foto: NIAID Integrated Research Facility (IRF) via REUTERS

Die Grippesaison geht vom 30.9.2019 bis zum 17.5.2020. Gestorben sind seit Beginn der Saison insgesamt 265 Menschen, also deutlich weniger als an Covid-19. Es erkranken allerdings deutlich mehr Menschen an Influenza als Fälle bestätigt werden. Die gemeldeten Fallzahlen erfassen nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts (RKI) nur einen Bruchteil der an Influenza erkrankten und gestorbenen Personen. Die Schätzungen des RKI sind daher deutlich höher als die Zahlen, die der Grippe-Monitor verwendet. Allerdings ist auch die Dunkelziffer der Infektionen mit dem Coronavirus möglicherweise hoch.

[Noch mehr News aus der Wissenschaft? Lesen Sie hier sämtliche Einträge des Forschungsblogs vom 16. bis zum 27. März.]

Für Aufsehen sorgte in den vergangenen Tagen die Schätzung des RKIs, dass 25.000 Menschen an der Grippe in der Saison 2017/18 verstorben seien. Diese Zahl wird genutzt, um die Grippe als gefährlicher als das Coronavirus darzustellen. Die Zahl des RKI ist allerdings nur eine Schätzung. Zudem ist sie im Vergleich mit anderen Jahren außergewöhnlich hoch. Die Zahlen der Influenza-Toten bei einzelnen Grippewellen können laut RKI stark schwanken, von mehreren hundert bis über 20.000.

RKI-Chef Lothar Wieler hatte davor gewarnt, die Gefährlichkeit von Corona mit derjenigen der Grippe zu vergleichen. Auch die Grippe sei gefährlich, die sogenannte Krankheitslast des neuartigen Erregers aber viel höher. Corona übertrage sich viel leichter und führe insbesondere in den Risikogruppen zu sehr viel mehr schweren Verläufen und Todesfällen.

Der Grippe-Monitor zeigt, dass die gemeldeten Grippe-Fälle zuletzt deutlich gesunken sind. Das könnte mit dem sonnigen Wetter zusammenhängen, aber auch mit der Kontaktsperre, die in Deutschland wegen der Corona-Pandemie verhängt worden ist.

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