Von Jana Haase : Sechs Neue

Zweite Stolperstein-Verlegung am Montag: Voltaire-Schüler planen Buch

Innenstadt - Sieben gibt es schon, aber herumgesprochen hat sich das bei den Potsdamern noch nicht. Das zumindest war der Eindruck, den die Schüler der Voltaire-Gesamtschule nach einer Umfrage auf der Brandenburger Straße haben: „Wir mussten mindestens jedem zweiten erklären, was Stolpersteine sind“, erzählte eine Schülerin gestern auf einer Pressekonferenz mit Oberbürgermeister Jann Jakobs im Helmholtz-Gymnasium. Am kommenden Montag sollen sechs weitere Stolpersteine verlegt werden: Die pflastersteingroßen Gedenktafeln erinnern an jüdische Mitbürger, die während des Nationalsozialismus ermordet wurden.

Bis nach New York führen ihre Spuren heute. Dort zum Beispiel wohnt der Enkel der 1943 getöteten Potsdamerin Anna Zielenziger, der Frau des Unternehmers und langjährigen Potsdamer Synagogenvorstands Julius Zielenziger aus der Gutenbergstraße 61. „Am Anfang wussten wir gar nichts über sie“, berichtet die 14-Jährige Lina aus dem Religionskurs der 8a an der Voltaire-Schule. Lina war es, die Eric Zielenziger im Dezember 2008 schließlich per Telefon erreichte – ziemlich aufgeregt, wie sie sich erinnert: „Ich hatte vorher genau aufgeschrieben, was ich sagen will“, erzählt sie: „Aber dann war plötzlich alles weg.“ Eric Zielenziger sei sehr freundlich gewesen und habe alle Fragen beantwortet: „Er konnte zum Glück noch deutsch.“ Später habe er eine ausführliche Mail geschickt.

So erfuhren die Schüler nicht nur genaueres über Anna Zielenziger – sie bekamen auch ein Foto von ihr: Es zeigt eine sehr elegante, schlanke Frau mit extravagant geschmücktem Hut. Ihre Pläne für die Ausreise nach Palästina, wohin ihre Tochter geflüchtet war, sollte die zweifache Mutter allerdings nie verwirklichen, wie der Enkel berichtete. Nachdem Annas Mann 1938 gestorben war, ging sie stattdessen aus Potsdam nach Holland, wo ihr Sohn lebte. Dort wurde sie 1943 von den Nazis verhaftet und umgebracht.

Sechs solcher von den Helmholtz- und Voltaire-Schülern recherchierter Schicksale versammeln sich nun in einer Broschüre, die die Stadt anlässlich der Stolperstein-Verlegung am Montag herausgibt. Nach der Verlegung, die ab 13 Uhr beginnt, wird am Abend um 18 Uhr im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte am Neuen Markt eine Schüleraussstellung eröffnet. Am Dienstag, dem 10. März, wird das Filmmuseum dazu den Dokumentarfilm „Stolpersteine“ zeigen.

Für die Voltaire-Schüler ist das Projekt damit aber noch lange nicht abgeschlossen: Geplant ist jetzt ein Buch über die Ergebnisse und Erlebnisse der Recherche – im Landeshauptarchiv, auf Potsdams Straßen und in der eigenen Familie. „Wir wollen denen darüber erzählen, die nichts darüber wissen“, sagt der 14-jährige Lenny.

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