• Rathaus will besseres Wohnungsangebot für Familien: Potsdam soll günstige Wohnungen bekommen

Rathaus will besseres Wohnungsangebot für Familien : Potsdam soll günstige Wohnungen bekommen

Familien mit niedrigerem Einkommen finden in Potsdam kaum mehr bezahlbaren Wohnraum. Wie die Stadt den rasanten Anstieg der Mietpreise aufhalten will.

Foto: Christophe Gateau/dpa

Potsdam - Keine Angebote. Ihre Suche ergab null Treffer. Zurzeit können wir Ihnen leider keine freien Wohnungen anbieten. Keine aktuellen Objekte. Solche Auskünfte erhält, wer bei Potsdamer Wohnungsunternehmen und Genossenschaften nach einer Wohnung sucht. So sah es am Montag jedenfalls auf den Webseiten der Potsdamer Wohnungsbaugenossenschaft pbg, der Wohnungsbaugenossenschaft „Daheim“ eG, der Potsdamer Wohnungsgenossenschaft 1956 (PWG) und der Wohnungsbaugenossenschaft 1903 aus.

Tatsächlich arbeiten die meisten der im Arbeitskreis Stadtspuren organisierten kommunalen und genossenschaftlichen Anbieter inzwischen mit Wartelisten. Dort sammeln sich jeweils Hunderte Wohnungssuchende. Bei der Wohnungsgenossenschaft „Karl Marx“ Potsdam eG, die 6600 Wohnungen verwaltet, gibt es derzeit 930 Antragssteller, wie Vorstand Bodo Jablonowski den PNN sagte. Nicht bei allen ist der Wunsch nach einer neuen Wohnung akut, erklärte er: So gebe es etwa Mitglieder, die sich langfristig eine barrierefreie Wohnung wünschten oder aber auch Genossenschaftsmitglieder, die eine zweite Mitgliedschaft eröffneten – als Vorsorge für den Enkel, der irgendwann einmal einen eigenen Haushalt gründen will. Mit Menschen, die akut auf Wohnungssuche sind, gehe man zunächst ins Beratungsgespräch, um zu klären, ob die Wünsche überhaupt in absehbarer Zeit erfüllbar sind. Kapazitäten gebe es praktisch nur durch die Fluktuation im Bestand.

Hunderte Bewerbungen und lange Wartezeiten - vor allem für Familien

Auch bei der PWG ist die Liste mit Interessenten für eine der 4141 Wohnungen lang: Mehr als 700 warten derzeit auf ein Angebot, sagt Vorstand Wolfram Gay. Wie bei der „Karl Marx“ sind darunter sowohl Mitglieder, die sich eine barrierefreie, kleinere oder größere Wohnung wünschen, als auch Externe, die eine neue Wohnung suchen.

Auch bei der Bauverein Babelsberg eG, die mit 360 Wohnungen und Gewerbeeinheiten zu den kleineren Einrichtungen zählt, warten viele auf eine neue Bleibe. Etwa 450 Bewerbungen liegen derzeit vor, sagt Vorstand Uwe Marz. Die Wartezeiten sind unterschiedlich: Wer eine kleinere Wohnung sucht und Glück hat, könne schon nach „zwei, drei Monaten“ Erfolg haben, gerade bei größeren Wohnungen für Familien könne es aber auch Jahre dauern.

Vier Augen gegen Bestechung

Die kommunale Wohnungsholding Pro Potsdam – mit einem Bestand von rund 17 000 Wohnungen der größte Anbieter auf dem Potsdamer Mietmarkt – hatte am Montag gerade mal sechs freie Wohnungen auf ihrer Webseite zu bieten. „Derzeit liegen uns 2074 aktive Mietgesuche vor“, so Sprecher Sebastian Brandner. Um auszuschließen, dass es bei der Wohnungsvergabe zu Bestechungsversuchen komme, wende man das Vier-Augen-Prinzip an. Erstkontakt und Entscheidung über die Wohnungsvergabe seien personell getrennt.

Unterdessen schießen bei privaten Vermietern die Angebotspreise steil nach oben. Zwölf Euro kalt pro Quadratmeter sind auf den einschlägigen Suchportalen mittlerweile üblich. Nach oben scheint es keine Grenzen zu geben: Da wäre die 117 Quadratmeter große Dreizimmerwohnung in einem Neubau an der Breiten Straße für 1580 Euro Kaltmiete. Oder die „niedliche Einraumwohnung“ in der Waldstadt mit 33 Quadratmetern für 390 Euro kalt im Monat. Angesichts dessen wundert es auch nicht, dass Potsdam im bundesweiten Vergleich vorn dabei ist. Eine aktuelle Studie des Hamburger Marktforschungsunternehmens F+B bescheinigte Potsdam ein Wachstum von 3,4 Prozent bei den Angebotsmieten im Vergleich zum Vorquartal. „Eine überdurchschnittlich starke Dynamik“, so Manfred Neuhöfer von F+B.

Wo sind in Potsdam die Sozialwohnungen?

Solche Preisen sind besonders für Wohnungssuchende mit niedrigem Einkommen ein Problem. Sie sind auf preisgünstige Sozialwohnungen angewiesen. Doch davon scheint es in Potsdam immer weniger zu geben. Das geht aus einer Antwort der Stadtverwaltung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Andere hervor. Sie hatte gefragt, für wie viele Wohnungen derzeit Mietpreis- und Belegungsbindungen bestehen und wann diese auslaufen. Demnach sank die Zahl von 14 394 im Jahr 2006 auf 5626 im Jahr 2016. Im Jahr 2033 seien davon noch 1054 übrig.

Auf PNN-Nachfrage relativierte die Stadtverwaltung diese Darstellung jedoch. Zwar laufen ab dem Jahr 2020 viele Bindungen aus. „Doch das ist der aktuelle Stand ohne Neubau“, sagte Stadtsprecher Jan Brunzlow. So errichtet die Pro Potsdam allein 1000 neue Sozialwohnungen bis zum Jahr 2027. Die ersten kommen im nächsten Jahr auf den Markt. Außerdem will die Stadt mit dem Land über eine Verlängerung von Krediten verhandeln, die flexible Belegungsbindungen ermöglichen. Ebenfalls nicht in der Statistik enthalten sind Bauprojekte, bei denen die Stadt Investoren bei der Grundstücksvergabe oder über die Baulandrichtlinie zum Bau von preisgünstigen Wohnungen verpflichtet. „Wir gehen davon aus, dass der Bestand deshalb nicht so weit sinkt“, so Brunzlow.

SPD-Fraktionschef Pete Heuer räumt ein: „Da müssen wir noch mehr tun“

SPD-Fraktionschef Pete Heuer sieht die Stadt auf dem richtigen Weg. „Wir wollen nicht nach dem Gießkannenprinzip fördern wie in den 1990er-Jahren.“ Allerdings sollte die Anzahl der preisgebundenen Wohnungen etwa der Anzahl der Besitzer eines Wohnberechtigungsscheins (WBS) entsprechen. Im vergangenen Jahr gab es davon 4673. 1429 WBS-Besitzer gingen leer aus. „Da müssen wir noch mehr tun“, sagte Heuer den PNN. Auch CDU-Fraktionschef Matthias Finken forderte, der Anteil der Sozialwohnungen am Bestand insgesamt müsse gehalten werden. Die Stadt besitze dazu nicht viele Instrumente – diese werde sie aber nutzen.

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