• Potsdamer Inzidenz auf Höchststand: Omikron-Welle setzt Familien und Kitas zu

Potsdamer Inzidenz auf Höchststand : Omikron-Welle setzt Familien und Kitas zu

210 Kitakinder sind infiziert, 1114 befinden sich in Quarantäne: Der Kita-Elternbeirat fordert ein PCR-Testkonzept und eine Beitragserstattung. Das Klinikum klagt über erste Personalengpässe.

Brandenburg plant keine Verteilung von Lollitests.
Brandenburg plant keine Verteilung von Lollitests.Foto: dpa

Potsdam - In der Omikron-Welle erreichen die Infektionszahlen in Kitas und Schulen eine Woche vor den Winterferien neue Höchststände. Das Gesundheitsamt meldete am Montag 755 infizierte Kinder und Jugendliche, davon 369 aus Grundschulen und 210 aus Kitas. Vor einer Woche waren es noch 462 Betroffene – ein Plus von 60 Prozent. Dazu kamen 121 positiv getestete Mitarbeiter von Kitas und Schulen, vor einer Woche waren es 90. Insgesamt 1114 Kitakinder sind in Quarantäne – im vor allem betroffenen Alter zwischen null und sechs Jahren leben in Potsdam derzeit mehr als 11.000 Kinder.

An der Belastungsgrenze

Betroffene Eltern und die Einrichtungen geraten dabei zunehmend an die Belastungsgrenze. Das zeigen viele Rückmeldungen auf einen Aufruf im PNN-Newsletter „Potsdam Heute“ mit der Bitte, Erfahrungen zu schildern. Kitas blieben trotz offensichtlicher Personalengpässe geöffnet, berichtete eine Mutter, deren Kinder eine Kita in der Waldstadt besuchen: „Da wird Personal verheizt und immer nur kurzfristig reagiert.“ So sei dort diese Woche weniger als 50 Prozent des Personals arbeitsfähig: „Wir würden uns wünschen, dass die Einrichtung schließt, um Personal und Kinder zu schützen.“ 

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Dann könne man sich als Eltern auch gegenüber dem Arbeitgeber erklären und müsse sich nicht wochenlang arrangieren, „um eine Entlastung der Kita und einen Schutz vor Infektion zu ermöglichen“. Ein Leser schreibt, er finde es „unglaublich, dass der Staat von SchülerInnen, ihren Eltern und ihrem Lehrpersonal sowie von Kitakindern, ihren Eltern und ihren BetreuerInnen die Bereitschaft verlangt, sich mit Covid zu infizieren“.

Lange Meldezeiten nach positiven Tests

Als Problem identifizieren mehrere Eltern lange Meldezeiten, das Testprozedere und teils zögerlich agierende Kitaleitungen. Aktuell dauere es zwischen vier und acht Tagen, bis ein positives PCR-Testergebnis der Kita gemeldet werde, schreibt eine Mutter: „Das heißt alle Kinder spielen in der Zeit fröhlich weiter in den Kitas und stecken sich und andere im Zweifel an.“ Sie schlägt vor, dass nach einem positiven Schnelltest nicht erst auf die PCR-Bestätigung gewartet wird, sondern die Kontaktkinder täglich getestet und bei positivem Ergebnis in Quarantäne kommen. 

Von einer anderen Kita im Potsdamer Norden berichtet eine Mutter, dass die Kitaleitung dort trotz zwei Corona-Fällen mit PCR-Bestätigung erst den Quarantänebescheid des Gesundheitsamtes abwartete. Als sie ihr zweijähriges Kind in einer Teststelle testen lassen wollten, blitzte sie ab – erst ab drei Jahren würde man testen.

Eine weitere Mutter kritisiert den Rahmenhygieneplan des Landes, nachdem auch Kinder mit Husten und Schnupfen und einer Temperatur bis zu 38,5 Grad in die Kitas kommen können. „Das ist gewollte Durchseuchung (mit allen Keimen) auf Ansage“, kritisiert sie. In anderen Bundesländern und Städten gebe es dagegen eine „Null-Rotznasen-Politik“.

"Sie sind am Ende ihrer Kräfte"

Die Mutter von zwei Grundschulkindern berichtet davon, dass ihre Kinder durch die veränderten Quarantäneregeln bei gleichzeitig explodierenden Infektionszahlen an der Schule verunsichert sind: „Der einzige Schutz dort ist ihre Maske.“ Kontaktpersonen von Infizierten dürfen mit täglicher Testung weiterhin die Schule besuchen. „Wenn wir keine Kontaktverfolgung an den Schulen mehr machen, lohnt sich auch die Testung nicht mehr“, schreibt die Mutter.

So werden sogenannte Lollitests zum Beispiel in München durchgeführt.
So werden sogenannte Lollitests zum Beispiel in München durchgeführt.Foto: dpa

Bei einer Potsdamer Kitaleiterin mischen sich Verzweiflung und Wut: „Fakt ist, mein pädagogisches Personal kann nicht mehr, sie sind am Ende ihrer Kräfte, sie schaffen es nicht, mehr als nur ein Aufbewahrungsort zu sein, sie schaffen es nicht mehr, den ständigen Personalausfall zu kompensieren.“ Hinzu komme ab Februar der Organisationsaufwand für Bestellung, Verteilung und Kontrolle der Schnelltests. „Wir stehen da und versuchen, das Unmögliche möglich zu machen, nämlich die Kindergärten offen zu halten – doch zu welchem Preis?“

Auch Gegenmeinungen

Es gibt auch Gegenmeinungen. „Hören Sie auf mit den unsinnigen Testorgien“, schrieb eine ehemalige Kitaleiterin und Oma zweier kleiner Kinder. Auch ein Vater zweier Kinder schilderte, dass das eigentliche Problem – mit Impfschutz – nicht die Infektion ist, sondern eine mögliche Quarantäne: „Homeoffice für mich schön und gut, aber meine Frau kann nicht beide Kindern komplett alleine „jonglieren“.“ Er wünsche sich „einen lockeren Umgang mit Covid-19“, schreibt er und verweist auf den Charité-Virologen Christian Drosten, der im Tagesspiegel erklärt hatte, dass das Virus sich auf Basis eines breiten Impfschutzes in der Bevölkerung verbreiten muss. Allerdings warnt Drosten auch, dass die Impflücke in Deutschland dafür aktuell zu groß ist.

Die Kitaträger sind in Potsdam durch Omikron schwerer getroffen als in den früheren Corona-Wellen. Die Arbeitsgemeinschaft der Potsdamer Kitaträger hatte in einem Elternbrief bereits Anfang Dezember, also noch in der Delta-Welle, vor Einschränkungen der Öffnungszeiten und zeitweisen Schließungen von Gruppen oder Einrichtungen „in den kommenden Wochen und Monaten“ gewarnt.

Sind konsequente Testungen für die hohen Inzidenzen mitverantwortlich?

Laut einer aktuellen Umfrage bei den Potsdamer Kitaträgern durch die Stadtverwaltung fallen derzeit etwa ein Viertel der Erzieher:innen, vorrangig wegen Krankheit, aus. Das sagte Catharina Kahl aus dem Vorstand des Kita-Elternbeirats den PNN am Montag. Zudem seien rund 26 Prozent der Kitakinder derzeit wegen Krankheit und Quarantäne oder freiwillig zuhause. 

In dem Elternvertretergremium vermutet man die im Brandenburgvergleich gute Testorganisation in Potsdam als einen Grund hinter den hohen Infektionszahlen. An vielen Kitas seien bereits seit Herbst Tests für Kinder ausgegeben worden – obwohl das nicht verpflichtend war, betonte Kahl. Außerdem halte Potsdam an der Testpflicht auch für geimpftes Kitapersonal fest, was das Gremium ausdrücklich begrüße.

Kitas reduzieren Öffnungszeiten

Der Krankenstand bei den acht Potsdamer Kitas der Kinderwelt gGmbH sei aktuell „wesentlich höher“ als bei vorherigen Wellen, teilte eine Sprecherin auf PNN-Anfrage am Montag mit. Vorübergehend habe eine Kita geschlossen werden müssen. Zudem gibt es wegen Quarantäne Teilschließungen von Gruppen. Ein Sprecher der Fröbel-Gruppe sprach von „rund 16 Prozent krankheitsbedingter Ausfälle oder Mitarbeitenden in Quarantäne“. Den Kitabetrieb könne man so zwar noch sicherstellen, habe aber in allen Einrichtungen die Öffnungszeiten schon von zwölf auf zehn Stunden verkürzt, in einem Fall sogar auf nur acht. Auch ein Sprecher des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks (EJF) erklärte, man habe einige Gruppen schließen müssen und Öffnungszeiten reduziert.

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Zuletzt waren die Fallzahlen massiv gestiegen, mit seinen Inzidenzen gehört Potsdam aktuell zu den bundesweit am stärksten von der Omikron-Welle betroffenen Kommunen (siehe Kasten). Im benachbarten Berlin begann an den Kitas bereits am Montag ein eingeschränkter Regelbetrieb. Dazu soll es spätestens ab Ende Januar eine Testpflicht mit sogenannten kindgerechteren Lolli-Tests geben. In Brandenburg soll die Testpflicht erst ab 7. Februar gelten – und zwar ohne Lolli-Tests. Das hatte bereits der märkische Kitaelternbeirat heftig kritisiert.

Kritik an Beschaffung der Kitatests

Auch der Potsdamer Kita-Elternbeirat sieht bei der Testpflicht Verbesserungsbedarf. So seien Beschaffung und Finanzierung – anders als bei den Schulen – nicht klar geregelt, sagte Catharina Kahl den PNN. Zwar könnten die Träger Geld vom Land abrufen, sie seien aber nicht dazu verpflichtet. Im Zweifel seien die Eltern ab 7. Februar in der Pflicht. Auch der Sprecher der Fröbel-Gruppe sagte, man hätte eine behördliche statt einer dezentralen Organisation besser gefunden. „Dadurch wäre sichergestellt, dass alle Einrichtungen über die gleichen Tests verfügen und Debatten über deren unterschiedliche Wirksamkeiten ausgeschlossen.“

Der Kita-Elternbeirat fordert außerdem ein PCR-Pooltest-Konzept für Potsdam. Von den Antigen-Schnelltests gebe es nur wenig kindertaugliche, sie reagierten bei Infektionen außerdem relativ spät, sagt Catharina Kahl: „Das gibt eine falsche Sicherheit.“ Über ein PCR-Test-Rahmenkonzept wolle man mit Stadt und Kitaträgern ins Gespräch kommen, sagte sie. Das sei über die aktuelle Situation hinaus wichtig: „Wir wissen nicht, wie viele Wellen noch kommen.“ Das Elterngremium fordert auch, dass Eltern, die ihre Kinder freiwillig zuhause betreuen, die Kitagebühren erstattet bekommen.

Mehr Corona-Patienten im Klinikum - aber weniger Mitarbeiter

Die hohen Ansteckungsraten in Potsdam sorgen für mehr Covid-Patienten in den Kliniken. Betroffen sind diesmal statt den Intensiv- vor allem die Normalstationen. Am Dienstag meldete die Stadtverwaltung insgesamt 49 Covid-Patienten in den Krankenhäusern, davon acht auf der Intensivstation. Vor einer Woche ging es noch um 19 Patienten, davon acht auf der Intensivstation. Zugleich steigen nach Angaben des städtischen Bergmann-Klinikums die Krankenstände und Quarantäne-Fälle dort seit 14 Tagen stark an. 

Der Eingangsbereich des "Ernst von Bergmann"-Klinikums in Potsdam.
Der Eingangsbereich des "Ernst von Bergmann"-Klinikums in Potsdam.Foto: dpa

Momentan würden die Ausfallkonzepte trotz der angespannten Lage und dank der Flexibilität unter den Mitarbeitern noch greifen, sagte Klinikumchef Hans-Ulrich Schmidt am Montag auf PNN-Anfrage. Sollten aber exponentiell weiter Mitarbeitende ausfallen, müssten im Extremfall die Normalversorgung und die OP-Kapazitäten weiter begrenzt und auch Patienten in andere, entferntere Krankenhäuser verlegt werden. Auch der Einsatz von zwar infektiösen, aber symptomfreien Mitarbeitenden auf den Covid-Stationen komme dann in Betracht, so Schmidt. 

Mehr zum Thema

Am Dienstag gab die Stadtverwaltung eine neue Rekordinzidenz mit 1704,4 Neuinfektionen, gerechnet auf 100.000 Menschen in einer Woche, bekannt. 658 neue Infektionen wurden gemeldet. Damit hat sich der Wert in einer Woche um rund 75 Prozent erhöht – am Dienstag zuvor lag die Inzidenz noch bei 974,1. Mit den hohen Zahlen ist Potsdam auch bundesweit in der Gruppe der am stärksten betroffenen Kommunen.

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