• Potsdam gedenkt der Opfer der Gewalttat: Nichts ist mehr so, wie es war

Potsdam gedenkt der Opfer der Gewalttat : Nichts ist mehr so, wie es war

Mit einem bewegenden Gottesdienst haben Angehörige, Mitarbeiter und Politiker der vier getöteten Bewohner des Thusnelda-von-Saldern-Hauses gedacht. 

Vier weiße Rollstühle standen beim Gedenkgottesdienst in der Nikolaikirche für die vier getöteten Menschen. 
Vier weiße Rollstühle standen beim Gedenkgottesdienst in der Nikolaikirche für die vier getöteten Menschen. Foto: dpa

Potsdam - Vier leere weiße Rollstühle standen vor der Trauergemeinde in der Nikolaikirche. Vier Rollstühle für vier verlorene Leben: Martina W., geboren 1990, Christian S., geboren 1985, Lucille H., geboren 1978, und Andreas K., geboren 1964, wohnten im Thusnelda-von-Saldern-Haus am Oberlinhaus in Babelsberg, wo sie am vergangenen Mittwoch unter grausamen Umständen getötet wurden. Am Donnerstagabend trauerte Potsdam mit einem Gedenkgottesdienst in der größten Kirche der Stadt um die Opfer eines in der jüngeren Stadtgeschichte beispiellosen Gewaltverbrechens.

Zum Gottesdienst waren Angehörige gekommen, etliche Mitarbeitende und Bewohnerinnen und Bewohner des Oberlinhauses, Ministerpräsident Dietmar Woidke und Oberbürgermeister Mike Schubert (beide SPD) sowie Vertreter aus der Stadt- und Landespolitik sowie die Geschäftsführer des Bergmann-Klinikums.

Woidke: Ein Ort des Schutzes ist zum Ort des Grauens geworden

„Seither ist nichts mehr wie es war“, sagte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), der sich auch persönlich betroffen zeigte, in der Nikolaikirche vor rund 140 Gästen. Das gelte für die Angehörigen, die Bewohner, die Mitarbeiter, für die Potsdamerinnen und Potsdam, für die Menschen in ganz Brandenburg, „und auch für mich“, so Woidke. Die Tat sei auch deshalb so erschütternd, weil sie die Schwächsten getroffen habe, „Menschen, die unsere Hilfe brauchen“. Ein Ort des Schutzes, des Vertrauens, sei zum Ort dieses Grauens geworden. Das Vertrauen sei „auf grausame Weise missbraucht und enttäuscht worden“. Dennoch glaube er weiter an die Kraft des Vertrauens. Zugleich hob Woidke die hohe Fachkompetenz und Zuwendung der Mitarbeiter des Oberlinhauses hervor. „Sie leisten Herausragendes.“

Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) kündigte einen Dialog über Diskriminierung von Menschen mit Behinderung an. 
Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) kündigte einen Dialog über Diskriminierung von Menschen mit Behinderung an. Foto: dpa

Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) sagte: „Diese Tat hat unsere Stadt tief erschüttert.“ Sie habe aber auch grundsätzliche Fragen nach dem Umgang mit Menschen mit Behinderung gestellt. „Keiner kann sich davon freimachen, auch ich nicht“, so Schubert. Der Oberbürgermeister kündigte einen Dialog zu diesem Thema in der Landeshauptstadt an. Darin solle es um alles gehen, „was es an direkter und vor allem indirekter Diskriminierung in unserem Tun und unserer Sprache gegenüber Menschen mit Behinderung gibt“. Schubert rief dazu auf, zu zeigen, dass „Potsdam in diesen schweren Stunden zusammensteht und zusammenhält“.

Behindertenbeauftragter Dusel: inklusive Gesellschaft noch weit entfernt 

Sowohl Woidke als auch Schubert wirkten tief bewegt, als sie vor der Gemeinde sprachen. Der Ministerpräsident wohnt in Babelsberg, wenn er in Potsdam ist. Er wünschte den Hinterbliebenen Kraft, „und besonders den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Oberlinhauses“. Schubert, unweit des Oberlinhauses aufgewachsen, sprach von einem „Haus des Vertrauens“, in dem Mitarbeitende „in mehr als 150 Jahren so viele kleine Wunder bewirkt haben“.

Jürgen Dusel, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung und zuvor Behindertenbeauftragter des Landes Brandenburg, bezog sich auch auf die Inklusion. Der Sinn des Lebens liege im Miteinander, zitierte er die ehemalige Sozialministerin Regine Hildebrandt (SPD) – auch im gesellschaftlichen Miteinander, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gleichberechtigt seien. „Wir müssen konstatieren, dass wir von dem Ziel einer Gesellschaft, in der alle gleichberechtigt sind, noch entfernt sind“, so Dusel. Angesichts der Gewalttat stellte er die Frage: „Wie ist so etwas möglich?“

Trauer, Wut, Fassungslosigkeit bei den Oberlin-Mitarbeitenden 

Noch immer sind viele Fragen unbeantwortet. Zum Motiv der nunmehr 52-jährigen Mitarbeiterin des Thusnelda-von-Saldern-Hauses, die unter dringendem Tatverdacht steht, ist bislang nichts bekannt. Die Frau, die dort seit vielen Jahren tätig war, wurde nach der Tat festgenommen und ist in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Bislang schweigt sie zur Tat.

Alle Redner betonten, wie sehr das schwerste Verbrechen in Potsdam seit Jahrzehnten die Menschen in der Region bewegt. Immer wieder war von den Oberlinern die Rede, von einer Gemeinschaft der Bewohner und Mitarbeiter. 

„Wird die Tat uns Oberliner zerstören? Nein.“ 

Auch die Leiterin des Bereichs Wohnen im Oberlinhaus, Tina Mäueler, richtete unter Tränen einige Worte an die Trauernden in der Nikolaikirche. Sie schilderte auch, wie die Kolleginnen und Kollegen am Morgen nach der Tat zusammengekommen seien, sich umarmt und geweint hätten. Sie würden jetzt häufig gefragt, wie es ihnen gehe. „Furchtbar. Traurig. Ich bin wütend und ich verstehe das alles nicht. Fassungslos. Und ich bin leer. Alles, alles ist anders.“ Sie bedankte sich für die Anteilnahme und Verbundenheit, die spürbar sei. „Wird die Tat uns Oberliner zerstören?“, fragte sie. „Nein.“ 

Es seien vier Plätze leer, so drückte es der Theologische Vorstand des Oberlinhauses, Matthias Fichtmüller, aus. Er trauere um vier einzigartige Menschen. Eine fünfte Bewohnerin wurde bei der Tat schwer verletzte, sie konnte das Krankenhaus aber am Mittwoch verlassen und sei ins Oberlinhaus zurückgekehrt. „Wir weinen mit den anderen in der Oberlinkirche jeden Tag bei Musik“, sagte Fichtmüller. Man rede über die Sprachlosigkeit und Ohnmacht, blicke in den Abgrund, „aber wir lassen uns nicht fallen“. Denn die Oberliner müssten trotz aller Trauer die anvertrauten Menschen, die Hilfe brauchen, versorgen.

Schweigeminute auf dem Alten Markt nach dem Gedenkgottesdienst. 
Schweigeminute auf dem Alten Markt nach dem Gedenkgottesdienst. Foto: dpa

Beendet wurde der Gottesdienst mit einer Schweigeminute, zu der um 19 Uhr die Glocken aller Potsdamer Kirchen läuteten.
In der Kirche konnten aus Infektionsschutzgründen nur 140 Plätze besetzt werden, man hatte sich vorher anmelden müssen. Vereinzelt kamen weitere Potsdamer zum Alten Markt, um Anteilnahme zu zeigen. Dietwald Schulz war einer von ihnen. Die Tat sei unvorstellbar, habe ihn traurig gemacht, sagte der 67-Jährige den PNN. Er kenne viele Oberlin-Bewohner aus dem Liebknecht-Stadion, wo sie bei den Spielen des SVB 03 mit im Publikum sitzen. „Sie gehören dazu.“ Ein anderer älterer Herr hatte auf eine Übertragung des Gottesdienstes auf großer Leinwand gehofft – so wie bei der Trauerfeier für den Ex-Ministerpräsidenten Manfred Stolpe Anfang 2020. Darauf habe man pandemiebedingt verzichtet, hieß es von der Stadt.

Wie groß die Anteilnahme ist, zeigt auch ein Online-Kondolenzbuch, das die Stadt und das Oberlinhaus am Donnerstag im Internet freigeschaltet haben. Auf die ersten Einträge von Woidke, Schubert und Fichtmüller folgten beinahe im Minutentakt Beileidsbekundungen. Darin wird schnell deutlich, wie viele sich mit dem Oberlinhaus verbunden fühlen. „Unfassbar“ ist das Wort, das immer wiederkehrt.

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