Potsdam : Kehraus nach 40 Jahren

Am heutigen Samstag verabschiedet sich die Fachhochschule vom Gebäude am Alten Markt. Ein Rückblick

Ladenzeile. Im IfL-Erdgeschoss waren Geschäfte untergebracht.
Ladenzeile. Im IfL-Erdgeschoss waren Geschäfte untergebracht.Foto: LHP/Vera Futterlieb

Innenstadt - Die Eröffnung war staatstragend: DDR-Volksbildungsministerin Margot Honecker war der wichtigste Gast bei der feierlichen Einweihung des „Instituts für Lehrerbildung“ in Potsdams Mitte am 5. September 1977. Honecker verlieh dem Institut, an dem Grundschullehrer ausgebildet werden sollten, den Namen der 1919 ermordeten Kommunistin und Pazifistin Rosa Luxemburg. „Diesen ehrenvollen und verpflichtenden Namen gelte es durch die Arbeit täglich erneut zu verteidigen“, berichteten die Brandenburgischen Neuesten Nachrichten, die Vorgängerzeitung der PNN, tags darauf auf dem Titel. Wenn am heutigen Samstag, fast genau 40 Jahre später, die Fachhochschule Potsdam rund um das Gebäude „Kehraus“ feiert, dann geht eine bewegte Geschichte zu Ende. Der Bau ist bereits eingezäunt, die Vorbereitung für den Abriss im kommenden Jahr hat begonnen (PNN berichteten).

Neuanläufe, Umplanungen, provisorische Lösungen: Damit ist schon die Entstehung des Gebäuderiegels verknüpft. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs prägte zunächst noch die Stadtschlossruine mehr als ein Jahrzehnt lang das Potsdamer Zentrum. Erst nach deren Abriss 1960 war Platz für eine neue Stadtmitte unter sozialistischen Vorzeichen. Unter dem Motto „Wir bauen ein sozialistisches Potsdam – Potsdam wird schöner denn je“ wurde 1960 ein Wettbewerb zur Neugestaltung des Zentrums ausgeschrieben, wie in dem von Christian Klusemann herausgegebenen und 2016 erschienenen Buch „Das andere Potsdam. DDR-Architekturführer“ nachzulesen ist. In den Vorgaben damals war das spätere Institut noch nicht vorgesehen: „An die Stelle des abzureißenden Stadtschlosses: Stadthalle, Kino, Gaststätte, Hotel, Ladentrakt mit Ausstellungspavillon, Kaufhaus, Bibliotheken“, heißt es stattdessen. Aus der vorgesehenen Bebauung bis zum Jahr 1965 wurde aber nichts.

Dass am Alten Markt schließlich ein Bildungsinstitut entstand, war eine Frage des Geldes, erinnert sich der Stadthistoriker Hartmut Knitter, seinerzeit Mitarbeiter des Stadtmuseums. „Das kam damals ganz überraschend“, sagt er: „Es hieß, das Ministerium für Volksbildung war das einzige, das Investitionsmittel hatte.“ Neben dem Institut für Lehrerbildung (IfL) wurde das Haus auch vom Institut für Leitung und Organisierung des Volksbildungswesens, einer Weiterbildungseinrichtung für Schulleiter aus der ganzen DDR, genutzt. Gebaut wurde das Haus von 1971 bis 1977 nach Plänen der Architekten Sepp Weber, Wolfgang Merz, Dieter Lenz und Herbert Gödicke – und angelehnt an die Bibliothek am Platz der Einheit, die 1974 fertig gestellt wurde.

Der IfL-Bau besteht aus drei dreigeschossigen Teilen, die jeweils einen Innenhof umschließen, im Erdgeschoss gibt es einen durchlaufenden Gang aus Kolonnaden. Auf dem Kopfteil am Alten Markt gibt es in einem mit Wellblech verkleideten Dachaufbau eine Turnhalle. Die Gestaltung mit den vertikalen Stahlbeton-Lamellen wird im DDR-Architekturbuch von Klusemann als Referenz an historische Potsdamer Architektur gesehen und gleichzeitig etwa mit den charakteristischen – bereits abgebauten – Stern-Fassadenteilen als Vertreter der „Ostmoderne“. Es handele sich um einen „einmaligen Gebäudekomplex der Nachkriegsarchitektur“, so die Einschätzung.

Genutzt werden konnte das Gebäude seinerzeit zumindest teilweise auch von den Potsdamern: Denn im Erdgeschoss waren verschiedene Geschäfte untergebracht, ein Exquisit-Laden mit hochwertiger Kleidung zum Beispiel oder die Volksbuchhandlung Alexander von Humboldt – der Name übrigens, so erinnert sich Knitter, sei als Referenz an die durch den Umbau des Zentrums verschwundene Humboldt-Straße gewählt worden. Trotzdem war nach dem Fall der Mauer 1989 schnell klar, dass das Gebäude der schon 1990 von den Stadtverordneten erstmals beschlossenen Wiederannäherung an die historische Stadtstruktur weichen werden müsste.

Als im Herbst 1992 die erst im Jahr davor gegründete Fachhochschule einzog, ging man daher auch von einer Übergangslösung aus. Schon 1996 hätte nach den damaligen Plänen der Umzug an den Campus an der Pappelallee abgeschlossen sein sollen, erinnert sich die Professorin Hanne Seitz, die den großen „Kehraus“ vorbereitet hat. Es kam bekanntlich anders. Geld für geplante Neubauten an der Pappelallee fehlte, es gab wieder und wieder Verzögerungen. Die Fachhochschule hat das Gebäude letztlich sogar am längsten von allen genutzt – 25 Jahre.

„Kehraus“ wird am Samstag ab 17 Uhr mit Kunstaktionen auf dem Alten Markt, im Potsdam Museum und im Hotel Mercure begangen. 20 Uhr gibt es eine Fassadenprojektion, ab 22 Uhr Musik im Casino an der Pappelallee