• Interview: „Wir müssen viel mehr experimentieren“

Interview : „Wir müssen viel mehr experimentieren“

Christian Keller, Präsident der Brandenburgischen Architektenkammer, über Probleme mit Einfamilienhaus-Siedlungen, die Herausforderungen des Klimawandels für den Wohnungsbau und den Nutzen einer neuen Internationalen Bauausstellung für die Region.

Christian Keller ist Präsident der Brandenburgischen Architektenkammer.
Christian Keller ist Präsident der Brandenburgischen Architektenkammer.Foto: Ottmar Winter

Herr Keller, Sie warnen vor Einfamilienhaussiedlungen. Was ist falsch daran?
 

Einfamilienhäuser verbrauchen erheblich mehr Flächen als der Geschosswohnungsbau und erzeugen dadurch lange Wege: Die Kinder müssen zur Kita, zur Schule, ich muss meinen Einkauf tätigen und nicht zuletzt zur Arbeit... Aus der Entscheidung für ein Einfamilienhaus folgt in der Regel, dass man ein, zwei Autos pro Familie hat – weil es gar nicht anders geht. Das ist zunehmend schwierig.

Zur Person

Christian Keller, Jahrgang 1971, arbeitete bis 2003 am Lehrstuhl für Denkmalpflege der Brandenburgischen-Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg. Er leitet ein Architekturbüro in Cottbus. Seit April 2017 ist er Präsident der Brandenburgischen Architektenkammer. Der Kammer gehören alle im Land arbeitenden Architekten, Landschaftsarchitekten, Innenarchitekten und Stadtplaner an. Sie hat den Angaben zufolge mehr als 1200 Mitglieder.

Ein Klimaproblem?

Ja. Wir werden als Gesellschaft große Anstrengungen unternehmen müssen, um die Klimaziele von Paris überhaupt noch einzuhalten. Das wird alle Lebensbereiche betreffen – und natürlich auch die zentralen Bereiche unseres Lebens: das Wohnen und das Arbeiten. Wir müssen schnellstmöglich in einen gesellschaftlichen Diskurs darüber einsteigen, wie wir das vor dem Hintergrund unserer Wohnungsbestände sozial verträglich hinbekommen. Denn da wird es erhebliche soziale Spannungen zu bewältigen geben.

Wie meinen Sie das?

Schauen Sie sich die Gelbwestenproteste in Frankreich an, die durch eine höhere Besteuerung der Spritpreise hervorgerufen wurden. Die Bundesregierung hat gerade den Einstieg in die CO2-Besteuerung beschlossen, von der die Experten meinen, dass sie viel zu niedrig angesetzt ist. Die Menschen haben also berechtigt Sorge, wenn über steigende Preise für Mobilität diskutiert wird. Aber wir können nicht von heute auf morgen alle in einer dichten und energetisch optimierten Stadt leben: Die Menschen haben häufig hart und lange für die Erfüllung des Traumes vom eigenen Heim geschuftet, sich eine Heimat geschaffen. Wir müssen also gemeinsam darüber nachdenken, wie wir es schaffen, diesen Bestand so gut es geht dahin zu drehen, dass wir ihn unseren Kindern noch in einer Welt übergeben können, die lebenswert ist.

In Potsdam ist die Situation etwas anders. Hier sind es die hohen Mieten, die lange Wege erzeugen. Die Gewerkschaft IG Bau sieht den angespannten Wohnungsmarkt als Grund für die starken Pendlerströme. Wie ist das in den Griff zu bekommen?

Wir müssen uns wieder mehr dem zuwenden, was wir als „europäische Stadt“ bezeichnen, die durchmischte Stadt. Und weg von den monofunktionalen Vierteln, der Trennung von Wohnen und Arbeiten und der Herrschaft des Autos. Wenn Stadt wächst, muss sie in allen Teilen wachsen. In ein neues Viertel muss eben auch der Anteil an Verwaltung mit rausgehen, Versorgung, Arbeitsplätze, Kita, Schule und so weiter. Wir müssen die Wege wieder kurz halten und erheblich mehr Qualität in öffentlichen Räumen einfordern. So gibt es keinen Anlass zur Gentrifizierung.

In der Praxis dürfte das nicht so einfach sein. Wenn wir an die Pläne für Potsdam-Krampnitz denken, wo ein Stadtviertel für bis zu 10 000 Bewohner entstehen soll: Wie stellt man denn sicher, dass beispielsweise die Erzieherin, die dort in der Kita arbeitet, sich eine Wohnung vor Ort leisten kann? Oder überhaupt dort hinziehen möchte? Ist das steuerbar?

Nicht vollständig, denn wir sind in einer Marktwirtschaft. Aber es gibt schon Dinge, die eine Stadt tun kann.

Welche?

Die Städte sind gefordert, die Mietpreise mit ihren Wohnungsgesellschaften und der Förderung von Genossenschaften zu beeinflussen und den Markt nicht den freien Kräften zu überlassen, so wie es in Wien seit 100 Jahren praktiziert wird. Und natürlich gibt es auch baurechtliche Planungsinstrumente. Die haben aber häufig ein wesentliches Problem.

Nämlich?

Sie sind für den Laien in der Regel nicht verständlich. Bebauungspläne zum Beispiel. Das führt häufig dazu, dass Menschen das Gefühl haben, das ist eine Expertensache. Sie trauen sich nicht oder haben schlichtweg nicht die Zeit, um sich einzumischen. Wir denken, das ist falsch.

Wie wollen Sie das ändern?

Wir müssen mit den Menschen darüber sprechen, was die Bedürfnisse vor Ort sind. Dafür haben wir als Architektenkammer mit dem Infrastrukturministerium und der Ingenieurkammer vor einiger Zeit die Baukulturinitiative Brandenburg ins Leben gerufen. Wir haben Formate entwickelt, die Gespräche auf Augenhöhe ermöglichen. Die Bürger sind für uns Experten ihrer eigenen Umwelt. Wir wollen sie ins Gespräch bringen mit den politischen Entscheidern. Es gibt eine Reihe von guten Techniken, wie man problemlösungsorientiert miteinander redet, ohne dass man sich stundenlang in Diskussionen verfranzt. Wir haben als Architektenkammer inzwischen viel Erfahrung gesammelt und würden das gern einbringen. Deshalb plädieren wir für die Einrichtung einer Landesstiftung Baukultur.

Wie stellen Sie sich die vor?

Finanziell unabhängig, überparteilich, fachkundig und dem Gemeinwohl verpflichtet – eine Institution, die sich als Moderator versteht für die vielen notwendigen Diskurse und Diskussionen, die wir brauchen, um zu guten Lösungen mit den Menschen für die Menschen zu kommen.

Gibt es dafür Vorbilder?

Ja und nein. Vorreiter sind zum Beispiel Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, aber auch in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern gibt es bereits Landesstiftungen für Baukultur. Aber auch dort ist noch viel Luft nach oben, denn es gilt fast überall zunächst, für ein Verständnis von Baukultur zu werben, welches nicht elitär ist, sondern sehr grundlegend. Es geht bei Baukultur eben nicht vorrangig um die Spitzenleistungen, die Stararchitekturen oder die schönsten Dörfer, sondern es geht um unser aller Heimat, die gebaute Umwelt, mit der wir jeden Tag konfrontiert sind und die wir offensichtlich viel bewusster gestalten müssen als bisher. Und das geht eben nur im Austausch und gemeinsam.

Was genau wäre die Aufgabe der Stiftung?

Die Stiftung würde Kommunikationsformate begleiten und entwickeln, aber auch bei bestehenden Formaten beratend zur Seite zu stehen. Sie könnte Themen sammeln, aufbereiten und Ausstellungen oder Informationen organisieren. Darüber hinaus könnte sie aber insbesondere auch Themen vermitteln, die momentan so abstrakt sind, dass es leicht ist, sie politisch in eigenem Interesse auszulegen.

An was denken Sie?

Den Landesentwicklungsplan – einer der wichtigsten Steuerungsinstrumente der Landespolitik, aber hochkomplex.

Wie es mit dem Plan weitergeht, wird in den Koalitionsverhandlungen besprochen.

Wir halten ihn aus fachlicher Sicht nicht für falsch. Wir glauben aber auch, dass es ganz viel Illustration braucht: Was heißt das für die Menschen in Guben, Forst oder Frankfurt/Oder, wenn dieser Siedlungsstern mit den Städten in der zweiten Reihe ein Konzept ist, an das sich das Land für zehn Jahre bindet? Mit so einem Landesentwicklungsplan wird ja im Prinzip eine Entscheidung gefällt darüber, ob mein Grundstück, mein Haus oder das Haus meiner Eltern, das ich mal erbe, mehr oder weniger wert wird. Deswegen glauben wir auch, dass man viel miteinander reden muss, um solche Spannungen und Vorbehalte aufzulösen.

Wie soll das passieren?

Gemeinsam mit der Berliner Architektenkammer haben wir eine Initiative für eine Internationale Bauausstellung gestartet, bei der man all diese Partizipationsansätze verfolgt und bei der man Berlin und Brandenburg zusammen betrachtet.

Brandenburg hatte zuletzt von 2000 bis 2010 die Internationale Bauausstellung in der Lausitz, es ging um die Nachnutzung der Tagebaulandschaft. Was wäre das Ziel der neuen IBA?

Themenschwerpunkt muss die Beziehung von Metropole und ländlichem Raum sein. Wie funktioniert das mit den Mobilitätsachsen aus dem Landesentwicklungsplan? Das muss man illustrieren.

Mit konkreten Bauprojekten?

Ja, auch. Aber vorher muss man mit den Menschen reden. Sie wissen am besten, wo der Schuh drückt. Damit kann man planen und das, was im Landesentwicklungsplan angelegt ist, illustrieren. Die IBA, die wir uns vorstellen, muss eine IBA der Menschen sein, in der Beteiligungsformate die Grundlagen ausloten für eine nachhaltige, bauliche Entwicklung.

Haben Sie einen konkreten Ort im Sinn? Oder soll das ganze Land zur IBA werden?

Das Konzept ist so angelegt, dass diese Teilräume erst noch gefunden werden sollen. Es wird um eine Region gehen – und deren Verknüpfung nach Berlin. Anbieten würde sich zum Beispiel die Lausitz, die wichtiger Motor werden könnte für die Umstrukturierung einer ganzen Region.

Wegen des geplanten Kohleausstiegs.

Ja, aber nicht nur. Die Herausforderung in der Lausitz könnte eine Chance darstellen. Aber auch andere Regionen in Brandenburg kommen infrage. Ausgangspunkt ist immer die Betrachtung der Mobilitätsachsen – der Bahnstrecken. Eine gute Verbindung zwischen einer Randlage und dem Metropolenraum könnte Anlass für eine Entwicklung der Orte an dieser Linie sein, bei dem die Orte ihre lokalen Identitäten stärken und die Menschen sich vor Ort mit all dem versorgen können, was sie brauchen. Die Mobilitätsachse kommt erst zum Tragen, wenn es um übergeordnete Angebote geht, die lokal nicht verfügbar sind – wie das Staatstheater Cottbus, die Philharmonie Berlin oder eine Spreewaldkahnfahrt.

Gibt es schon Unterstützer für die Idee?

Wir hatten vor drei Monaten ein Initiativtreffen mit Vertretern unter anderem mit dem Städte- und Gemeindebund und der Vereinigung Städte mit historischen Stadtkernen. Die Resonanz war positiv.

Entscheiden müsste aber die neue Landesregierung.

Richtig. Gemeinsam mit dem Berliner Senat. Beide Länder müssten Gesellschafter werden. Da werden erhebliche Finanzvolumina bewegt.

Um welche Geldsummen ginge es?

Das ist schwer zu beziffern. Letztlich schafft man mit dem Geld aber einen gesellschaftlichen Mehrwert – mit einer Zielstellung, die zukunftsweisend ist. Denn die Verquickung von Metropolen und ländlichen Räumen ist ein Thema, was nicht nur uns hier beschäftigt, sondern welches weltweit aktuell ist. Das Bewusstsein, dass man vor dem Hintergrund des Klimawandels lokale Kreisläufe viel mehr stärken muss, bedeutet zwangsläufig, dass man sich dem Land mehr zuwenden muss. Wir müssen schauen, wie wir das besser organisieren: Wohnen, Leben, Arbeiten, Wertschöpfung vor Ort, Interaktion der Regionen, Identität, Heimat. Das können wir nicht allein – als Architekten schon gar nicht. Das kann aber auch die Politik nicht allein leisten. Das können wir nur gemeinsam schaffen.

Am Freitag verleiht die Architektenkammer in Potsdam die diesjährigen Baukulturpreise. Wie sieht zukunftsweisender Wohnungsbau für Sie aus?

Wichtig ist, dass wir viel mehr erkennen, dass die Gemeinschaft wichtig ist. Über Jahrzehnte war die Idealvorstellung die, dass man sein eigenes Haus hat, die eigenen vier Wände, den eigenen Garten, das Auto: My Home is my Castle. Wenn man sich aber die Realität unserer suburbanen Flächen anschaut, die Einfamilienhaussiedlungen, dann findet man wenig Schlossartiges. Ich glaube, dass ein großes Potenzial darin liegt, zu entdecken, dass man vieles von dem gar nicht braucht. Stellen Sie sich Wohnblöcke vor, in denen Sie sich ihre eigenen vier Wände gestalten können, aber geschossweise, übereinandergestapelt. Da wäre dann auch zum Beispiel die Kita integriert. Das wäre unheimlich praktisch! Was spräche denn dagegen, dort Arbeitsplätze zu haben? Es geht auch um ein neues Serviceverständnis. Da könnten Räume bereitgehalten werden, zum Beispiel für die Suppenküche. Der oder die Rentnerin, die sich gern nützlich machen will, kocht dann einfach. Wir müssen viel mehr experimentieren mit solchen Formen.