Potsdam : Eine Stadt nimmt’s gelassen

Behüteter Hochadel, neugierige Zaungäste, demonstrierende Untertanen, grünes Wasser und ein päpstlicher Segen – Momentaufnahmen des Potsdamer Hochzeits-Samstags

Guido Berg
Kreative Untertanen. Rund 100 Potsdamer demonstrieren gegen die Hochzeit.
Kreative Untertanen. Rund 100 Potsdamer demonstrieren gegen die Hochzeit.

Halb zehn Uhr morgens, Feierabend. Inselgärtner Jörg Näthe läuft gut gelaunt Richtung Luisenplatz. Seit Donnerstag hatte er mit Gartendenkmalpfleger Peter Herling und seinem sechsköpfigen Team die Friedenskirche hochzeitsfein gemacht. An diesem Samstag ist er seit halb sechs am Werk: Tuffs von Schleierkraut zieren die Emporen nun, üppige Arrangements aus Rittersporn und weißen Gladiolen schmücken Altar, Taufbecken und Ausgang. „Leicht, beschwingt und natürlich“ habe sich das Brautpaar den Blumenschmuck gewünscht. Besonders von der Braut ist Näthe begeistert. Als die Fernseh-Techniker bei der Generalprobe für die Trauung einen Strauß umstellen wollten, habe sie protestiert: „Die Blumen sind ihr wichtiger als das Fernsehen.“ Näthe geht, viele kommen: Langsam füllen sich die Reihen hinter den Absperrgittern an der Allee nach Sanssouci mit Neugierigen, Zufallsgästen, Preußen-Fans. Elke Plaschke ist mit einer Freundin aus Berlin-Reinickendorf nach Potsdam gefahren. „Wir haben so wenig alte Traditionen“, sagt sie, „und der Prinz ist sehr sympathisch.“ Sogar Hüte haben die beiden mitgebracht, sich aber nicht getraut, sie aufzusetzen.

Ein Mann, der am frühen Vormittag über den Bassinplatz läuft, bringt die Seelenlage der Potsdamer in Sachen Preußen-Hochzeit so zum Ausdruck: „Sollen se doch heiraten – wenn sie sich gut verstehen.“ Gelassenheit also, trotz hitziger Debatten im Vorfeld. Die Linksalternativen der Stadt, die auch Themen kennen, bei denen sie keinen Spaß verstehen, gehen es humoristisch an: Der stadt- wie polizeibekannte Lutz Boede rief eine „Untertaneninitiative“ mit dem Motto „Monarchie Jetzt“ ins Leben. Um 12 Uhr soll ihre Demo starten.

Die 650 Gäste aus dem deutschen und europäischen Hochadel müssen zu Fuß zur Friedenskirche gehen. Die Frauen, extravagant behütet, stöckeln über den maroden Asphalt der Allee nach Sanssouci, viele Männer zeigen sich im Gehrock. Vier Damen aus Fürstenwerder in der Uckermark, Mutter, zwei Töchter und Enkeltochter, die jüngste vier, die älteste 61 Jahre , gehören zu den Zuschauern. Auch sie haben sich fein gemacht für diesen Tag, die kleine Henrike ist stolz auf ihren rosafarbenen Hut. Kurz nach elf der erste Applaus: Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe kommt mit Ehefrau Ingrid. Das Hochzeitspaar sei „sympathisch und bescheiden und sie können auch zuhören“, sagt Stolpe: „Ich wünsche mir, dass manche Politiker so auftreten würden.“ Einer der bewegendsten Momente des Tages: Hand in Hand laufen Georg Friedrich Prinz von Preußen, seine Mutter Donata und seine Schwester Cornelie-Cécile, die seit Geburt behindert ist, die Straße zur Kirche hinunter. Georg Friedrichs Vater kam ums Leben, als er kaum ein Jahr alt war. Hohenzollern, Adel, Preußen-Prinz, all das spielt in diesen Minuten kaum eine Rolle. Die Menschen sehen drei Menschen, eine Familie, die zusammenhält.

Als die Glocken der Friedenskirche um 12 Uhr mittags zu läuten beginnen, zieht die Braut in die Kirche ein. Bläser intonieren den „Prince of Denmark’s March“. Zur selben Zeit beginnen die Demonstranten um Lutz Boede am Bassinplatz ihren Marsch. Rund einhundert „Untertanen“ sind es, sie ziehen vorbei „an der Galerie, die den Namen unseres Kaisers trägt“, Richtung Sanssouci-Obelisk. Lutz Boede muss selbst lachen, wenn er das devote Volk auffordert: „Bitte nur den rechten Fahrbahnrand benutzen.“ Auf dem T-Shirt einer jungen Frau steht „Natural born Untertan“, eine andere trägt die weißen einfachen Leinen einer Hofmagd. „Bürger, lasst das Glotzen sein, zahlt für das Stadtschloss ein“, skandieren die Anti-Monarchisten in der Charlottenstraße. Alles ist friedlich – nur im Park Sanssouci macht ein Wachmann plötzlich eine seltsame Entdeckung: Das Wasser der Rokoko-Fontänen färbt sich grün. Schnell werden alle Brunnen abgestellt. Hinterher stellt sich heraus, dass Farbe in das Ruinenberg-Becken gekippt wurde, das die Fontänen im ganzen Park speist. Die Kripo nimmt Ermittlungen auf.

Sie wollen der Tradition ihrer Familien gerecht werden, aber auch Zeichen persönlicher Überzeugungen setzen: Nicht nur ist der Trau-Gottesdienst von Georg Friedrich und Sophie ökumenisch, es erklingt auch ein jüdisches Loblied. „Brückenbauer“ für die Ökumene nennt der katholische Alt-Abt Gregor Henckel von Donnersmarck das Paar. Vor dem Ringetausch das Gelöbnis: „Ich will dich lieben und achten, dir vertrauen und treu sein, dir helfen und für dich sorgen, dir vergeben wie Gott uns vergibt und mit dir zusammen Gott und den Menschen dienen“, spricht erst er, dann sie. Überraschend: Der Alt-Abt verliest zum Schluss einen Brief von Papst Benedikt XVI., der dem Paar seine „besten Segenswünsche“ sendet.

Aus der Kirche ist schon der Hochzeitsmarsch zu hören, als Agulan kollabiert. Das Pferd, eines von sechs, die vor den Landauer gespannt sind, liegt am Boden, tritt mit den Hufen in die Luft. Die Nerven behält Kutscher Klaus Eckert. Er erteilt Anweisungen, Agulan wird ausgeschirrt, stellt sich wieder hin. Sekunden später tritt das Brautpaar aus der Kirche. Das Pferd sei von einem Insekt gestochen worden, heißt es später, es habe sich nicht verletzt.

Die Kutsche rollt die Schopenhauerstraße entlang Richtung Sanssouci. Am Straßenrand stehen Menschen – oder bleiben stehen. Immer wieder gibt es Applaus und vereinzelte Hurra-Rufe, die nahe des Obelisken vernehmlich lauter werden. Hier hat die Polizei dem kreativ demonstrierenden Volk um Lutz Boede die Möglichkeit eingeräumt, dem Prinzenpaar tatsächlich zu huldigen. Georg Friedrich und Sophie nehmen den Protest gelassen, glücklich lächelnd winken sie auch diesen „Fans“. Der Volksauflauf, den manche erwartet hatten, bleibt aus. Zumindest Polizeidirektor Ralf Marschall wundert sich über die geringe Anzahl der Zuschauer. Geschätzt zweitausend sind es insgesamt.

Es ist dunkel geworden am Luisenplatz. Rolf Seelmann-Eggebert tritt ein letztes Mal vor die Fernsehkameras des RBB und fasst in Worte, was in Potsdam an diesem Tag vielleicht passiert ist: „Vorher gab es ein Preußen, schwarz-weiß, und dazu gehörte Militarismus, Untertanengeist und all solche Geschichten. Jetzt haben wir ein Preußen, das wir an zwei Gesichtern festmachen können. Und diese Gesichter haben heute einen unglaublichen Eindruck gemacht.“ Sicher ist sich der Adelsexperte auch bei seiner abschließenden Einschätzung: „Ich glaube, für Deutschland war es das gesellschaftliche Ereignis des Jahres.“

Abends um Acht beginnt das, was Seelmann-Eggebert als das „eigentliche Familienfest“ bezeichnet: Zu Dinner und Tanz sind 370 Gäste in die festlich illuminierte Orangerie geladen. Wie aus der Zeit gefallen wirkt die Szenerie, die kaum noch Zaungäste beobachten: Jetzt tragen die Fürsten, Grafen oder Prinzen ihre Schärpen und Orden, die Damen in edlen Abendkleidern haben sich funkelnde Diademe ins Haar stecken lassen. Modeschöpfer Joop erscheint im Frack, das erste Mal in seinem Leben, wie er sagt. Er schwärmt von Brautpaar und Feier. Potsdam habe genug unter der Missachtung von Traditionen gelitten. Georg Friedrich und Sophie, der deutsche Adel, sie seien „keine Regierenden, haben keine politische Macht, sondern bürgerliche Berufe, aber sie geben einem das Gefühl, Teil einer großen Geschichte zu sein. Dafür bin ich sehr dankbar.“

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