• Potsdamer Schüler streiken erneut fürs Klima

"Eine Bewegung, die nur uns gehört" : Potsdamer Schüler streiken erneut fürs Klima

Potsdamer Schüler gehen am Freitag wieder unter dem Motto "Fridays for Future" für den Klimaschutz auf die Straße. Miriam Eichelbaum gehört zu den Organisatoren.

Klimakämpferin. Miriam Eichelbaum ist Mitorganisatorin des Potsdamer Streiks "Fridays for Future".
Klimakämpferin. Miriam Eichelbaum ist Mitorganisatorin des Potsdamer Streiks "Fridays for Future".Foto: Ottmar Winter

Potsdam - An das Gefühl erinnert sich Miriam Eichelbaum gut: „Das war eine große Erleichterung“, sagt die 17-Jährige. Als sie vom ersten Potsdamer Klimastreik hörte, wusste sie: Auf so etwas hatte sie gewartet. „Eine Bewegung, die nur uns gehört“, beschreibt sie es. Sie demonstrierte am Freitag vor Weihnachten gemeinsam mit rund 100 Jugendlichen vor dem Landtag. Und saß danach mit im Treffen, bei dem die Aktion ausgewertet und weitere vorbereitet wurden. Seitdem gehört Miriam Eichelbaum – nicht verwandt mit der gleichnamigen Drewitzer Schulleiterin, aber Schülersprecherin am Humboldt-Gymnasium – zum Organisationsteam von „Fridays for Future“ Potsdam.

Klimaforscher Stefan Rahmstorf als Redner erwartet

Auch die Aktion am heutigen Freitag hat sie angemeldet. Erstmals gibt es nicht nur eine Kundgebung, sondern eine Demonstration: Beginnend am Luisenplatz um 14 Uhr geht es über Charlottenstraße und Friedrich-Ebert-Straße zum Landtag, wo eine Kundgebung geplant ist. Anschließend soll sich die Demonstration über die Breite Straße zurück zum Luisenplatz bewegen.

Auch prominente Unterstützung haben die Jugendlichen gewinnen können: Der renommierte Wissenschaftler Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) wird als Redner erwartet. Die Schüler und Studierenden wollen insbesondere für einen früheren Kohleausstieg demonstrieren. Mit mehr als 400 Teilnehmern rechnen die Organisatoren.

"Wir werden die Folgen des Klimawandels zu spüren bekommen"

Gedanken darüber, wie man sich für Klimaschutz engagieren kann, habe sie sich schon lange gemacht, erzählt Miriam Eichelbaum. Als junger Mensch sei das aber nicht einfach. „Man hat das Gefühl, dass man nicht wahrgenommen wird“, erklärt sie. Mitbestimmen über Wahlen könne sie noch nicht – die Oberbürgermeisterwahl im vergangenen Jahr war ihre erste. Mit dem Gedanken an den Eintritt in eine Parteijugendorganisation oder eine Umweltorganisation konnte sie sich auch nicht recht anfreunden. „Ich möchte mich nicht über eine Mitgliedschaft definieren“, sagt die Potsdamerin. Das Thema Klima sei auch viel zu wichtig, findet sie: „Damit sollte sich jeder befassen, unabhängig davon, was für politische Ansichten er sonst hat.“

Eine Jugendbewegung: Mehr als 150 Städte in Deutschland sind dabei

Wieso ihr das Thema so am Herzen liegt? „Weil es unsere Zukunft ist“, sagt Miriam Eichelbaum. „Wir werden die Folgen des Klimawandels zu spüren bekommen und deswegen gehen wir auf die Straße.“ Die freitäglichen Klimastreiks waren im vergangenen Sommer von der damals 15-jährigen Schwedin Greta Thunberg ins Leben gerufen worden. Mittlerweile beteiligen sich weltweit tausende Schüler. Allein in Deutschland sind mehr als 150 Städte dabei. „Für mich ist es das erste Mal, dass ich so eine Jugendbewegung sehe“, sagt Miriam Eichelbaum.

Vernetzt sei man vor allem übers Smartphone: Über Gruppen im Messengerdienst Whatsapp werden Aktionen geplant und Infos verbreitet. Aber es gebe auch Telefonkonferenzen mit Teilnehmern aus allen Bundesländern, berichtet Miriam Eichelbaum. Und die Arbeit vor Ort: Im Raum der Schülervertretung am Humboldt-Gymnasium etwa werden Demo-Plakate aufbewahrt.

Vorwürfe, es gehe nur ums Schwänzen, weist die Potsdamerin zurück

Von ihren Eltern, aber auch von ihrer Schule werde sie unterstützt, erzählt die Schülerin. Die immer mal aufkommenden Vorwürfe, die Jugendlichen würden sich von Erwachsenen instrumentalisieren lassen, kann sie nicht nachvollziehen. Auch wenn ihre Eltern gegen die Streiks wären, würde sie demonstrieren, betont sie: „Das bedeutet auch ein Stück weit rebellisch sein.“ Auch einen anderen oft gehörten Vorwurf von Kritikern, nämlich dass es nur ums Schulschwänzen gehe, weist sie zurück. In Potsdam sei mit dem Termin am Freitagnachmittag für viele die Schule ohnehin aus. Sie selbst habe zu dieser Zeit an jedem zweiten Freitag Unterricht. Die Schule stelle sie aber – mit einer Erlaubnis der Eltern und des Fachlehrers – davon frei.

Streiken wolle man so lange, bis die Politik einlenke und etwas passiere. „Unser Motto ist: Wir streiken, bis ihr handelt.“ Zum Beispiel beim Kohleausstieg. Dass der erst 2038 vollzogen werden soll, sei viel zu spät, kritisiert Miriam Eichelbaum. Und die Beschäftigten in Braunkohlerevieren wie der Lausitz? „Mich ärgert, wenn da zwei Seiten gegeneinander ausgespielt werden“, sagt die Schülerin, deren Opa einst als Gastarbeiter in der Braunkohle nach Deutschland kam: „Es geht um eine gute Zukunft, auch für die Kohlearbeiter.“ Dass der Kohleausstieg kommen muss, sei seit Jahrzehnten klar. Die Energiekonzerne hätten sich aber nicht darauf vorbereitet, „deswegen kommt das für sie jetzt so plötzlich“. Auch die Diskussion um Milliarden-Entschädigungen aus der Steuerkasse bringt sie in Rage: „Die Unternehmen haben jahrzehntelang das Klima in den Keller gezogen – eigentlich müssten sie dafür bezahlen!“

Einschränkungen im Lebensstil sind nötig, sagt Miriam Eichelbaum

Wenn es um die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens geht – eine weitere Forderung –, sei nicht nur die Politik gefragt, sondern jeder Einzelne, sagt Miriam Eichelbaum. Ohne Einschränkungen im Lebensstil werde das nicht funktionieren. Als Mitgründerin einer Schul-AG zum Thema Ghana, wo das Humboldt-Gymnasium auch eine Partnerschule hat, weiß sie um die Folgen des westlichen Konsumverhaltens dort: Müllberge voll giftigem Elektroschrott, auch aus Deutschland. „Die westliche Welt sieht nicht, was sie anstiftet“, sagt Miriam Eichelbaum.

Ob die Klimaproteste der Schüler ein Umdenken erwirken und Politiker wirklich erreichen? „Wir können es nur hoffen“, sagt die Schülerin. Aber selbst empörte Reaktionen von Politikern zeigten letztendlich eins: „Wir werden wahrgenommen.“