• Covid-Langzeitfolgen: Post Covid: Oberlin startet ambulante Reha

Covid-Langzeitfolgen : Post Covid: Oberlin startet ambulante Reha

Wer mit Covid im Krankenhaus lag, für den ist der Weg zurück in das gewohnte Leben oft weit. Das Oberlin-Rehazentrum hat eine ambulante Therapie für Post-Covid-Patienten gestartet - das erste derartige Angebot in Potsdam.

Clemens Liepe war schwer an Covid erkrankt. Jetzt ist er am Oberlin-Rehazentrum in ambulanter neurologischer Rehabilitation.
Clemens Liepe war schwer an Covid erkrankt. Jetzt ist er am Oberlin-Rehazentrum in ambulanter neurologischer Rehabilitation.Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Muskeln, Sehnen, Gelenke – alles schmerzt. „Bewegung fällt mir sehr schwer“, sagt Clemens Liepe. Deswegen habe er auch oft Einschlafprobleme: „Ich kann keine Nacht gut schlafen, jede Bewegung knallt rein wie ein Blitz.“ Dabei hat der 58-Jährige schon riesige Fortschritte gemacht. Rückblick: Anfang des Jahres lieferte Clemens Liepe sich selbst in ein Krankenhaus in Berlin-Halensee ein, mit positivem Coronatest und 40 Grad Fieber. 

Obwohl bei ihm weder Vorerkrankungen noch Risikofaktoren wie Rauchen vorlagen, entwickelte er einen schweren Verlauf. Fünf Wochen lag er im künstlichen Koma, musste beatmet werden. Als er auf der Covid-Intensivstation an der Charité aufwachte, „da konnte ich nichts“, sagt er. 20 Kilogramm Muskelmasse hatte er verloren. „Ich konnte mich nicht regen, nicht einmal die Augen aufmachen.“ Als er sich später das erste Mal im Bett aufrichtete, blieb ihm die Luft weg – und Panikgefühle kamen.

Wochenlang in verschiedenen Krankenhäusern und in der Reha

Die Sorge, ob er sein gewohntes Leben und den Pfarrersberuf je wieder wird aufnehmen können, habe ihn am Anfang am meisten beschäftigt – und deprimiert, sagt er heute: „Dass ich dem Tod von der Schippe gesprungen bin, ist mir erst nach und nach klar geworden.“ Mit viel Übung schaffte er es noch an der Charité an den Punkt, wo er auf der Bettkante sitzen konnte. „15 bis 20 Minuten, dann fing ich an zu japsen“, erinnert er sich. 

In einer zweiten Berliner Klinik lernte er, wieder auf eigenen Beinen zu stehen – und sich in den Rollstuhl fallen zu lassen, um sich endlich wieder selbstständig ins Badezimmer bewegen zu können. Im März folgte ein Aufenthalt in einer Reha-Klinik in Berlin-Kladow. Dort lernte er das Laufen und Treppensteigen. Als er am Gründonnerstag, dem 1. April, entlassen wird, kann er sich selbst versorgen – mit Unterstützung seiner in Potsdam lebenden Partnerin.

Am Oberlin-Rehazentrum erhält Liepe ein individuelles Therapieprogramm

An Arbeit ist für Clemens Liepe auch jetzt noch nicht zu denken. Seit Ende April besucht er eine ambulante neurologische Reha am Oberlin-Rehazentrum in Babelsberg. Dreimal pro Woche wird er morgens vom Fahrdienst abgeholt und ist dann rund sechs Stunden in Therapie. Muskelaufbau, Dehnungs- und Entspannungsübungen, Physiotherapie, spezielle Übungen, um das Lungenvolumen zu trainieren. „Danach bin ich platt“, sagt er. Mit der Therapie ist er zufrieden. Die Atmosphäre sei angenehm, er fühlt sich vom Therapeut*innenteam gut betreut: „Es ist wichtig, dass man wahrgenommen wird mit seinen Einschränkungen.“

Sibylle Niemann, Chefärztin Neurologie am Oberlin-Rehazentrum für ambulante neurologische Rehabilitation.
Sibylle Niemann, Chefärztin Neurologie am Oberlin-Rehazentrum für ambulante neurologische Rehabilitation.Foto: Ottmar Winter

Clemens Liepe ist einer von erst drei Patienten, die das Oberlin-Zentrum für ambulante neurologische Rehabilitation nach einer Covid-Erkrankung behandelt, das Angebot startet gerade erst richtig. Nachdem im Herbst 2020 ein erster Patient ambulant betreut wurde, erarbeitete das Team um Neurologie-Chefärztin Sibylle Niemann ein Konzept für diese neue Gruppe – unter anderem unter Beachtung der Leitlinien, die die Deutsche Gesellschaft für Neurologie dafür herausgegeben hat.

Sibylle Niemann spricht von einem „komplexen Störungsbild“ bei den Patienten. Die Symptome können dabei sehr unterschiedlich sein. Das reicht von Gang- und Gleichgewichtsstörungen wegen Lähmungserscheinungen oder allgemeiner Muskelschwäche, über Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen, Kraftdefizite, Defizite im Bereich Aufmerksamkeit und Gedächtnis, bis hin zum sogenannten Fatigue- oder Erschöpfungssyndrom und den oft beschriebenen Geruchs- und Geschmacksstörungen. Letztere können zum Beispiel mit Gewürzen gezielt trainiert werden, erklärt Sibylle Niemann. Die Medizinerinnen erstellen nach der Aufnahmeuntersuchung für jeden Patienten einen individuellen Therapieplan.

Das Oberlin-Rehazentrum für ambulante neurologische Rehabilitation in Babelsberg.
Das Oberlin-Rehazentrum für ambulante neurologische Rehabilitation in Babelsberg.Foto: Ottmar Winter

Allein in Potsdam könnten hunderte von Long Covid betroffen sein

Laut Oberlin ist es bislang das erste solche ambulante Angebot in Potsdam. Die Heinrich-Heine-Klinik im Potsdamer Norden bietet eine stationäre Long-Covid-Reha an. Am Oberlin-Rehazentrum können - wegen des Fahrdienstes - Menschen aus einem Umkreis von bis 30 Kilometern aufgenommen werden. Wie groß die Nachfrage wird, das will man nun auf sich zukommen lassen, sagt Sibylle Niemann. Verlässliche Daten dazu, wie viele Covid-Erkrankte an Langzeitfolgen – bekannt auch als Long Covid oder Post Covid – leiden, gibt es noch nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin schätzt den Anteil auf etwa zehn Prozent aller Erkrankten. Das entspräche allein in Potsdam gut 700 Menschen.

So große Kapazitäten gibt es am Oberlin-Rehazentrum nicht. Derzeit sind in der neurologischen Reha zwischen 15 und 20 Patient*innen wöchentlich in Behandlung – die meisten wegen anderer Erkrankungen. Vorherrschend ist mit rund 70 Prozent der Schlaganfall. Momentan ist neben Clemens Liepe ein weiterer Post-Covid-Patient in Behandlung.

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An einen Therapieplatz können Patienten auf verschiedenen Wegen kommen. Möglich ist die ambulante Reha im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt. Bei Patienten, die auf der Intensivstation beatmet werden mussten, ist in der Regel zunächst eine stationäre Reha nötig. 

Auch für Covid-Erkrankte, die nicht in der Klinik versorgt werden mussten, kann eine ambulante Therapie in Frage kommen – wenn der Hausarzt oder ein Facharzt das für zielführend hält und einen entsprechenden Antrag oder ein Rezept stellt. Kostenträger ist bei Erwerbstätigen, bei denen es um die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit geht, die Rentenkasse, ansonsten meist die Krankenkasse. Wer sich im Rahmen seines Berufes mit dem Virus angesteckt hatte – etwa als Pflegekraft –, für den kommt die Finanzierung über eine Berufsgenossenschaft in Frage.

Mehr Informationen zur ambulanten Long-Covid-Reha gibt das Oberlin-Rehazentrum hier.

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