Potsdam : Abriss ohne Aufschrei

Vor 40 Jahren wurde die Ruine der Heiligengeistkirche gesprengt – es war die letzte derartige Aktion in Potsdam. Aus einem geplanten 17-Geschosser an dieser Stelle wurde aber nichts

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25.04.2014 22:50

Zuerst fiel der Warnschuss. Er sollte die Vögel verscheuchen. Um 10 Uhr war es soweit an diesem Samstagmorgen in der Burgstraße. Die Anwohner hatten ihre Wohnungen verlassen müssen und ihre Fernsehgeräte, wie die Brandenburgischen Neuesten Nachrichten später berichteten, „vorsorglich in Federbetten gepackt“, zum Schutz vor Druckschäden. 486 Kilogramm Gelantinedonarit, verteilt auf 230 Bohrlöcher, ließen die Sprengtechniker des Autobahnbaukombinates hochgehen. Der Turm der Heiligengeistkirche sank in sich zusammen.

Die Sprengung am 20. April 1974 war die letzte derartige Aktion in Potsdam. Stadtschloss, Garnisonkirche und das alte Schauspielhaus waren bereits abgerissen worden. Nun sollte auch die Kirchenruine in der Burgstraße, für deren Sicherung weder Kirche noch Stadt Geld hatten, Platz machen für ein Wohnhochhaus. Aber es kam anders. Die Stadt hatte nicht mit den Archäologen gerechnet.

Mit ihrem 87 Meter hohen Turm – kaum niedriger als die Garnisonkirche – gehörte die Heiligengeistkirche bis 1945 zu den stadtbildprägenden Bauten. Eingeweiht wurde die Kirche nebst dem Turm mit der bleigedeckten geschwungenen Barockhaube1726 – und zwar gleich doppelt. Es handelte sich um eine sogenannte Simultankirche, die sowohl von der reformierten als auch von der lutherischen Gemeinde genutzt wurde, wie der Kirchenbauhistoriker Andreas Kitschke in seinem Buch „Kirchen in Potsdam“ erläutert. Johann Sebastian Bach gab bei seinem Potsdam-Besuch in der Kirche am 8. Mai 1747 ein Orgelkonzert, unter französischer Besatzung ab 1806 war das Gotteshaus vorübergehend Pferdefutterlager.

Anders als Stadtschloss und Garnisonkirche überstand die Heiligengeistkirche die Potsdamer Bombennacht am 14. April 1945. Erst beim Beschuss durch die sowjetischen Truppen gut zwei Wochen später ging sie in Flammen auf, wie Zeitzeugen berichten. Die 97-jährige Ruth Schöning zum Beispiel, die in der Heiligengeistkirche getauft und konfirmiert wurde und die heute in der Nähe von Hamburg lebt. „Es war der 25. April 1945“, sagt sie – an das Datum erinnert sie sich, weil es der Geburtstag ihres Sohnes war: „Es wurde vom Güterbahnhof aus von den Russen geschossen und der Turm stürzte mit seinen Glocken um“, berichtet sie. „Das Geräusch vergesse ich nie.“ Auch die Potsdamerin Marie-Luise Strohbusch, mit 79 Jahren die Ehrenälteste im Gemeindekirchenrat der Nikolaikirche, erinnert sich. Potsdam war in den Tagen nach der Bombardierung durch Rauch und Asche „völlig dunkel“, berichtet sie. Von der Wohnung am Bassinplatz aus sah sie die in Flammen stehende Heiligigengeistkirche: „Sie hat lichterloh gebrannt, das sehe ich wie heute.“

Nach dem Krieg wurde es still um die Ruine. Bemühungen der Gemeinde, in den 1950er- und 1960er-Jahren Geld für die Sanierung zu bekommen, verliefen im Sande. 1972 begann die Stadt schließlich, den Abriss vorzubereiten, wie aus den Akten im Stadtarchiv hervorgeht.

In welchem Zustand sich die Ruine damals befand, ist in einer von der Stadt in Auftrag gegebenen bautechnischen Untersuchung vom 25. Oktober 1972 nachzulesen: Die Turmruine werde „für Passanten und Kinder immer mehr zu einer Gefahr“, heißt es darin. Zwar sei die Standsicherheit des rund 35 Meter hohen Turmstumpfes „nicht akut in Gefahr“, aber lose Mauerwerkteile und Ziegel könnten „bei Windböen“ herabstürzen. Für eine neue Nutzung sah der Bausachverständige Rönn keine Chance: Die Sanierung als Aussichtsturm sei zu teuer, der Aufwand nicht zu rechtfertigen, „schließlich stellt der Turm kein attraktives Bauwerk für Besichtigungs- und Aussichtszwecke dar“. Eine „Beseitigung der Gefahrenstelle“ erlaube „keinen längeren Aufschub“, schlussfolgerte Rönn.

Der Potsdamer Architekt Christian Wendland, der schon damals unweit der Kirche in der Burgstraße wohnte, hält das für vorgeschobene Gründe: „Das war eine der üblichen getürkten Begründungen für die Beseitigung der Überreste der ehemaligen Residenzstadt Potsdam“, sagt er. Der Turm hätte mit wenig Aufwand gesichert werden können, ist er überzeugt.

1973 verhandelte die Stadt dann mit der Kirche über den Abriss – und stieß dabei auf keine größeren Einwände, wie aus den Akten hervorgeht. Die Sicherung der Ruine bereite der Kirche ohnehin „ständig Sorgen“, für einen Abriss habe die Gemeinde aber keine Mittel, wird Pfarrer Neubert zitiert. Am 15. Oktober 1973 einigt man sich: Die Kirche verkauft das Grundstück und schenkt der Stadt die Ruine, die Stadt ihrerseits kommt für den Abriss und Entrümpelung auf. Die Kosten für das Projekt bezifferte der Leiter der Baufreiheit bei der Stadt, ein Herr Irrgang, zuvor auf 360 000 Mark.

Mitte November meldete Irrgang die geplante Sprengung dem Museum für Ur- und Frühgeschichte Potsdam. Die Antwort von Direktor Bernhard Gramsch vom 28. November dürfte bei der Stadt für lange Gesichter gesorgt haben. Gegen die geplante Sprengung habe man keine Einwände, schreibt Gramsch. Sollten mit dem Abriss aber auch Neubaupläne verbunden sein, „machen wir schon jetzt darauf aufmerksam, dass das Gelände im Umkreis von 50 Metern unter Bodendenkmalschutz steht“, heißt es dann im Nachsatz. Im Untergrund schlummerten die Überreste der „Keimzelle Potsdams“ – einer frühmittelalterlichen slawischen Burganlage. Tiefbauarbeiten seien nur nach Ausgrabung möglich. Und das sei „äußerst kostspielig“, betonte Gramsch: „Man kann sagen, dass es sich um die teuerste Grabung handeln würde, die je auf dem Territorium der DDR durchgeführt wurde. Auch würde die Grabung minimal fünf Jahre in Anspruch nehmen.“ Das Schreiben dürfte das Todesurteil für die Neubaupläne gewesen sein.

Trotzdem sammelten auch die Anwohner Unterschriften gegen den vorgesehenen 17-Geschosser, wie Christian Wendland erzählt. So reibungslos, wie die Zeitungen darüber berichteten, sei die Sprengung am 20. April nicht abgelaufen, sagt er auch: „Die Fassaden an den Nachbarhäusern sind zum Teil erheblich beschädigt worden.“ 2,50 Meter hoch türmte sich der Schutt in der Burgstraße und Heiliggeiststraße: „Man kam nicht mehr an der Hausfassade entlang.“ Das frühere Kirchengelände blieb dann jahrelang eine Grünfläche. Erst in den 1990er-Jahren entstand anstelle der Kirche eine Seniorenresidenz – im April 1997, beinahe auf den Tag genau 23 Jahre nach der Sprengung, wurde Richtfest gefeiert.

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