• DDR-Kunst im Potsdam Museum: „Für mich ist das Belvedere ein sehr vielschichtiger Ort“

DDR-Kunst im Potsdam Museum : „Für mich ist das Belvedere ein sehr vielschichtiger Ort“

Wolfgang Liebert spricht im PNN-Interview über das Potsdam seiner Kindheit, das Malen in und von dieser Stadt und darüber, warum Potsdam trotzdem nicht zu seiner Heimat wurde

Alle Bilder anzeigen
Foto: Manfred Thomas
12.11.2014 20:40

In der Ausstellung „Stadt-Bild/Kunst-Raum“ zeigt das Potsdam Museum anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls erstmalig Werke aus der hauseigenen Sammlung mit Kunst aus der Zeit der DDR, darunter auch zahlreiche Arbeiten von Potsdamer Künstlern zum Thema Stadt. Die PNN befragen einige dieser Potsdamer Künstlerinnen und Künstler zu ihren Werken, ihrem Verhältnis zu dieser Stadt und ihrem Dasein als Künstler in der DDR. Nach Barbara Raetsch und Peter Rohn kommt nun der Maler Wolfgang Liebert zu Wort.

Herr Liebert, zwischen 1986 und 87 entstand Ihr Gemälde „Paar im Belvedere“ auf dem Pfingstberg, also an einem Ort, der im Grunde eine verbotene Zone war.

Das Gelände unterhalb des Pfingstbergs war damals die verbotene Zone, also das sogenannte KGB-Städtchen, das umzäunt war.

Dieses KGB-Städtchen, was für ein Ort war das für Sie?

Für mich persönlich hat das eine ganz eigene Geschichte. Ich bin in der Berliner Vorstadt, in der Rembrandtstraße aufgewachsen, also drei Straßen vor der Glienicker Brücke. Die Villa Schöningen war da noch ein Kindergarten, in den ich gegangen bin. Diese ganze Gegend dort um den Heiligen See war der Spielplatz meiner Freunde und von mir. Damals wurde der Heilige See noch der Russische See genannt. Es gab dort mehrere Badestellen, an denen auch russische Offiziersfamilien badeten. Das war zwar etwas Fremdes, für uns aber selbstverständlich, denn wir sind da ja hineingewachsen. Und als 1953 Stalin starb, da war ich neun Jahre alt, haben wir uns nur über diese großen Plakate gewundert, diese Trauer und diese merkwürdige Stimmung, die auch in Potsdam herrschte. In der Menzelstraße gab es einen russischen Sender, im Neuen Garten waren sogar Lautsprecher aufgestellt und so hörten wir die Musik und die russischen Nachrichten von Radio Moskau.

Hat Sie das überhaupt nicht beunruhigt?

Nein, wir haben uns auch nicht gefürchtet. Für uns gehörte das einfach dazu. Nun muss man auch wissen, dass es in der Nachkriegszeit einige Ruinen in der Berliner Vorstadt gab, in denen wir auch spielten. So haben wir die Orte entdeckt, auch das Belvedere auf dem Pfingstberg. Ein geheimnisvoller Ort, damals größtenteils schon eine Ruine, die im Laufe der Jahre immer mehr verfiel. Dadurch hatte es auch etwas Romantisches, wie ein altes, verfallenes Schloss. Das da etwas unwiederbringlich verfallen könnte, das habe ich in dem Alter nicht gesehen. Für mich war das ein einziges Abenteuer.

Aber auch später hat Sie dieser Ort nicht losgelassen.

Nein, und nicht nur dieser. Auch während meines Studiums in Berlin bin ich immer in Potsdam geblieben. An der Alten Fahrt hatte ich ein Atelier. Und dort, wo heute alles neu entsteht, habe ich noch die Ruinen gesehen und diese auch gemalt. Dabei ist eine ganze Serie von Gemälden entstanden, die sich jetzt in der Stiftung Stadtmuseum in Berlin befinden. In den 80er-Jahren habe ich mich dann auch intensiv mit dem Holländischen Viertel beschäftigt. Dort habe ich künstlerisch-dokumentarisch in den verschiedenen Quatieren, Hausdurchgängen und selbst in Treppenaufgängen gearbeitet. Dabei ist eine Serie von über 100 Arbeiten entstanden.

Die Potsdamer Malerin Barbara Raetsch, die auch in dieser Ausstellung zu sehen ist, hat den Verfall des Holländischen Viertels in den 80er-Jahren zu einem künstlerischen Lebensthema gemacht. Wie haben Sie diese Entwicklung gesehen?

Das war natürlich ein Drama. Da gab es viele leere Wohnungen, da rollten sich die nassen Tapeten von den Wänden. Auch wenn das jetzt etwas komisch klingen mag, aber künstlerisch war das eine Sensation, so etwas malen zu können. Einmal habe ich sogar miterlebt, wie ein Haus in der Mittelstraße abgerissen wurde. Da stand die Feuerwehr mit einem großen Schlauch, weil das so staubte. Diese großen Abrissbirnen krachten dann in die Fassade, bis die zusammenfiel. Da waren dann noch Möbel in den Wohnungen, die mit herunterstürzten. Ich bin dann auf die andere Straßenseite und habe im Haus gegenüber gefragt, ob ich das zeichnen könnte. Dann saß ich am obersten Fenster und habe gemalt. Künstlerisch war das spannend, auf der anderen Seite aber war da dieser Verlust. Das war schon bitter. Ich war damals an der Fachschule, der heutigen Fachhochschule, als Dozent beschäftigt und bin mit den Studenten der Restaurierung auch oft ins Holländische Viertel gegangen. Dort haben wir gezeichnet, maltechnische Übungen gemacht.

Auch auf dem Pfingstberg?

Ja, dort auch.

Und in dieser Zeit hatten Sie die Idee für das Gemälde „Paar im Belvedere“?

Die ist direkt vor Ort entstanden.

Sie haben in der Ruine selbst gemalt?

Ja, der Zugang war zwar durch schwere Eisentüren versperrt, aber in die Rückseite des Belvederes war ein Loch gesprengt, durch das ich gerade so hindurchpasste. Ich hatte dann die Idee, dort oben zwischen dem östlichen und westlichen Turm zu malen. Ich hatte meine Feldstaffelei und diese große Leinwand mitgenommen und habe das unten zusammen mit dem Farbkoffer abgestellt. Mit einem Seil bin ich dann durch das Loch geklettert, über die maroden Stufen nach oben gegangen, habe dort das Seil angebunden und ein Ende nach unten geworfen. Dann bin ich wieder runter, habe alles angebunden, wieder nach oben und alles hochgezogen. Dann habe ich wie im Plenair gearbeitet, das Bild zuerst angelegt und mich für die zeichnerische und die Farbkomposition entschieden.

Was war das Belvedere zu diesem Zeitpunkt für ein Ort?

Ich würde schon sagen, dass es ein Ort war, an dem sich Menschen trafen, die etwas außerhalb der Gesellschaft standen. So konnte man von einem der Türme im Juni, wenn im Wannsee Regatta war, bei schönem Wetter die Segel sehen.

Das Belvedere als Sehnsuchtsort?

Das auf jeden Fall. Aber es war auch ein trauriger, ein dramatischer Ort. Denn dort ist mal ein junger Mann abgestürzt. Da waren ja überall Graffitis in deutscher, englischer und kyrillischer Schrift. Manchmal auch an Stellen, da hat man sich schon gefragt, wie die da hingekommen sind. Für mich hatte das Belvedere vor allem etwas Melancholisches. Es war, weil es etwas abseits lag, auch ein Rückzugsort. Und vor allem künstlerisch war es hochinteressant.

Weil der Zerfall reizvoller ist als das Neue?

Es muss nicht immer der Verfall sein, aber Dinge, die gelebtes Leben zeigen, sind interessanter. Das sieht man sehr gut an rekonstruierten Häusern, wenn die Farbe noch keine Patina hat, wirkt das einfach kalt. Die Asiaten sprechen hier von der Schönheit des Gelebten.

Das Paar, das Sie auf dem Bild zeigen, hat eine gewisse Punk-Attitüde. Ein eindeutiges Zeichen, dass die beiden sich abgrenzen wollen. Ist dieses Gemälde als eine Art Protest oder Kritik zu verstehen?

Ich habe dieses Bild nicht gemalt, weil ich wütend war. Ich habe es gemalt, weil dieser Ort eine Bedeutung für mich hat. Und natürlich spricht da auch eine gewisse Sehnsucht. Aber für mich ist dieses Belvedere ein sehr vielschichtiger Ort, was auch mit meiner Kindheit und meinen Erfahrungen zu tun hat.

Ein Ort, eine Ruine, in der man nur für eine gewisse Zeit verweilen kann.

Ja, durch das Bild fliegt auch ein Stück Zeitung, was eine gewisse Lesbarkeit bedeuten kann.

Wie die zerdrückte Coca-Cola-Dose und der Kassettenrekorder?

Es gibt drei oder vier Bilder, auf denen ich eine solche Cola-Dose gemalt habe. Übrigens, schwer zu malen, eine solche zerdrückte Dose. Und natürlich ist das ein Symbol, in dem eine starke Sehnsucht zum Ausdruck kommt, die ja nicht allein darin besteht, eine solche Cola trinken zu wollen. Wie bei dem Kassettenrekorder, der ja auch von dem Wunsch spricht, nicht nur staatlich verordnete Musik hören zu wollen.

Haben Sie das Bild in der DDR ausgestellt?

Ich habe es versucht und für eine Ausstellung eingereicht. Es wurde aber abgelehnt.

War der Westen, die Bundesrepublik für Sie ein Sehnsuchtsort?

Nein, denn ich habe mich nie unfrei gefühlt. In den 50er-Jahren bin ich ein Jahr in der alten Bundesrepublik zur Schule gegangen. Mein Vater lebt in der Nähe von Kassel. Und dort habe ich den ganzen Mief der 50er-Jahre kennengelernt. Und auch diese Lehrer, die teilweise noch aus der Nazizeit kamen. Wenn man Lieder von Franz Josef Degenhardt hört, wie beispielsweise „Deutscher Sonntag“, da ist das alles treffend beschrieben. Später hatte ich dann auch zweimal ein Visum zu Ausstellungen nach Westberlin. In Drewitz bin ich in den Bus gestiegen und am Abend über Wannsee wieder zurückgekommen. In einer Kneipe in Wannsee habe ich noch eine Bockwurst gegessen. Dort saßen dann ein paar Männer am Tisch, nicht mehr ganz nüchtern, die haben zu mir gesagt: „Hey du, wenn du wieder rüberkommst, hau dem Honecker von uns mal ordentlich auf die Fresse.“ Ich hatte mich gut angezogen. Aber die haben erkannt, dass ich aus der DDR komme. Ich hätte natürlich drüben bleiben können, aber den Gedanken hatte ich nicht.

Wie haben Sie den Fall der Mauer erlebt?

Mit einer gewissen Zurückhaltung. Ich bin nicht zur Glienicker Brücke gelaufen, als die offen war. Aber ich erinnere mich daran, dass meine Studenten gesagt haben: „Herr Liebert, wir sind mal ne Stunde weg und holen uns eine Tüte.“ An der Glienicker Brücke standen die großen Trucks von Kaisers und haben Tüten mit Kaffee und Schokolade verteilt. Danach sind sie dann wiedergekommen und haben weitergearbeitet.

Was hat für Sie die Wende 89 bedeutet?

Neben den erfahrenen Verlusten und Erkenntnissen danach habe ich vor allem meine geistige Unabhängigkeit erlangt. Das ist natürlich etwas Großes.

Von welchen Verlusten sprechen Sie?

1989 waren vielen Arbeiten von mir in Ausstellungen unterwegs. Nicht nur in Ateliers, sondern auch in öffentlichen Einrichtungen. Durch diesen Umbruch sind viele dieser Werke einfach verschwunden, gestohlen worden. Dann habe ich schon kurz nach der Wende mein Atelier an der Alten Fahrt verloren, weil die Häuser zu Wohnungen umgebaut wurden und ich die Miete nicht mehr zahlen konnte. Dann folgte eine Umstrukturierung der Fachschule in eine Fachhochschule, bei der auch Stellen reduziert wurden. So habe ich 1996 meinen Arbeitsplatz verloren. Mein Hauptthema war natürlich die Malerei. Ich hatte keine Vollzeitstelle, aber der Verlust hat mich trotzdem getroffen. Auch familiär kam es zu Brüchen. Es war schon eine Zeit des Durchhaltens. Ich habe in dieser Zeit im Besucherservice der Schlösserstiftung gearbeitet und für einen Mosaiksetzer in der Friedenskirche die Fußböden in den Kreuzgängen mit erneuert, gemauert. Eine harte Arbeit. Dort haben mich dann Leute getroffen und ganz erstaunt gefragt: „Herr Liebert, was machen Sie den hier? Ich denke, Sie sind Maler?“

Haben sich diese Einschnitte auf Ihre Art zu malen ausgewirkt?

Nein, es hat sich zwar etwas geändert. Aber insgesamt ist es schwieriger geworden.

Sie sind in Potsdam zwar nicht geboren, aber groß geworden und haben hier Ihr Leben verbracht. Was bedeutet Ihnen diese Stadt?

Das ist eine Frage, über die ich schon oft nachgedacht habe. Und da muss ich immer an meinen Großvater denken, der über 80 Jahre alt geworden ist. Der hat die Kaiserzeit und den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, die Nazizeit und den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Dann der Verlust der Heimat. Und er kam mit nichts hier her, lebte zuerst in Zeitz in einem Industriegebiet in einer alten Werkstatt. Das war furchtbar. Bis ihn meine Mutter nach Potsdam holte. Das hat mich immer stark beschäftigt. Und so war das Malen für mich im psychologischen Sinne eine Sublimation, um schwierige Situationen positiv zu überstehen. Kunst ist, nach Sigmund Freud, die positivste Form der Sublimation.

Ist Potsdam mit der Zeit mehr als nur eine künstlerische Heimat geworden?

Das ist schwierig zu beantworten. Wenn man von meinen Bildern ausgeht, beschäftigen sich viele mit Potsdam, weil das mein Lebensraum ist. Aber nach der Wende ist meine Mutter mit mir in die alte Heimat gefahren, die Gegend zwischen Stettin und Landsberg an der Warthe, und hat mir dort alles gezeigt, wo mein Großvater seinen Bauernhof hatte. Dort habe ich mir einen Garten angelegt. Und ich habe gemerkt, wenn ich dort in der Erde grabe, was anlege und pflanze, das ist so ähnlich wie das Malen. Da habe ich dann auch Heimat gespürt. Mit Potsdam ist das anders. Hier finde ich etwas vor, das ich annehme und künstlerisch als großartig empfinde. Und natürlich sehe ich, wie schön es hier ist. Aber, um es etwas bildlicher auszudrücken, Potsdam ist nicht meine Mutter. Denn die Mutter sieht man nicht immer im Festkleid, sondern auch mal in der Schürze und mit ungewaschenen Haaren. Aber es bleibt die Mutter und man liebt sie.

Das Gespräch führte Dirk Becker

Wolfgang Liebert, geb. 1944 in Meseritz (Pommern), war Mitglied im Captuher Malzirkel von Magnus Zeller, studierte an der Kunsthochschule Berlin und lebt seit seiner Kindheit in Potsdam.

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.