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  • 09.08.2013
  • von Steffi Pyanoe

Neues aus der Mäuseburg

von Steffi Pyanoe

Herr der Hostas. Eine Lieblingspflanze habe er nicht, sagt Hobbygärtner Joachim Kraatz. „Sie sind alle anders und alle schön“. Wer den Hosta-Garten mitten in Golm besuchen will, braucht Zeit – und einen Termin, auf der Internetseite sind Besichtigungstage veröffentlicht. Fotos: Manfred Thomas

Joachim Kraatz hat eine LPG-Brache mitten in Golm in einen traumhaften Hosta-Garten verwandelt. Auch das Fernsehen ist dort manchmal zu Besuch

Warum es die Hosta, dieses bescheidene Schattengewächs, geworden ist, kann er nicht sagen. „Erklären sie mal Liebe auf den ersten Blick“, sagt Joachim Kraatz. Er hat diese Pflanze in einer Gartenzeitung gesehen und das war’s. 1993 fing er an zu gärtnern und Hostapflanzen zu züchten. Heute interessieren sich Spezialisten und sogar Fernsehsender für den Mann aus Golm - der RBB war schon da und am kommenden Samstag stellt der MDR zwei Gärtner aus der Region vor, einer ist Joachim Kraatz.

Für mediale Aufmerksamkeit hat dieser eigentlich wenig Zeit. Gut, dass es in den vergangenen Nächten kräftig geregnet hat, um die Bewässerung des riesigen Areals muss er sich vorerst nicht kümmern. Eineinhalb Hektar LPG-Land bekam die Familie nach der Wende rückübertragen, hinter einem Vierseithof mitten in Golm. Der alte Familienbesitz war eine Müllhalde und musste zunächst entrümpelt werden. Jetzt sitzt Kraatz neben seinem hübsch sanierten Backsteinhaus, zündet sich die dritte Zigarette an und wundert sich, wen das alles interessieren könnte. „Es geht doch um die Pflanzen“, sagt er. „Wir sollten mal rumgehen.“

Die Hosta – „Sagen Sie nicht Funkie, das ist falsch“, beharrt Kraatz – ist das, was der Gartenfreund für die problematische Schattenecke kauft. Die Blattschmuckstauden sind jedoch viel mehr als eine pflegeleichte Notlösung für dunkle Büroetagen. Was man damit machen kann, zeigt Kraatz in seinem riesigen Garten, eine verspielte Landschaft, von Pfaden durchzogen, mit Findlingsbergen und Baumgruppen gestaltet. „Hinter jeder Ecke, jeder Wegbiegung muss eine Überraschung stecken“, ist Kraatz’ Anspruch. Dazu kommt ein Arbeitsgarten, Töpfe in Reih und Glied, versorgt von einem Bewässerungssystem. Auch eine Schattenhalle, eine Art riesiger Carport, hat er gebaut, damit die Pflanzen nicht der prallen Sonne ausgesetzt sind. „Das vertragen sie nicht“, sagt Kraatz.

Dabei hat er weder Gärtnern noch Gartenbau gelernt. Bis vor zwei Jahren arbeitete der heute 65-Jährige als Führungskraft bei einer Versicherungsgesellschaft. Manchmal 70 Stunden in der Woche. „Ich hab im Leben was verpasst“, sagt er. Jetzt ist er täglich draußen, sieben, acht Stunden lang. Er arbeitet allein, aber das sei okay. Kraatz ist ein gläubiger Mensch, das gebe ihm Kraft, und er segne alle seine Pflanzen, sagt er, plötzlich sehr ernst.

Die Hostasaison beginnt zeitig im Frühjahr und reicht bis in den Herbst. Manche Sorten verändern ihre Blattfärbung während der Monate. Bei den buschigen Pflanzen sind Färbung, Form und Größe der Blätter wichtiger als die Blüten. Dennoch – jetzt im Sommer wiegen sich meist zarte weiße, blaue oder lila Rispen in dem sattgrünen Blättermeer.

Was Kraatz aber besonders schätzt, ist die Möglichkeit, mit seinen Hostas lebendige Bilder zu gestalten. Die unterschiedlichen, oft zweifarbigen Pflanzen gruppiert er zu kleinen, bunten Inseln, sucht passende Nachbarn, terrassiert die Büschel effektvoll an künstlichen Hängen. Mittlerweile sind die Bäume, die er vor 20 Jahren gepflanzt hat, groß genug, um Pflanzen, Gärtnern und Spaziergängern Schatten zu spenden. Die dicke Eiche mit Efeuranken am Stamm hat die LPG-Zeit überlebt. Auch ein kleiner Tümpel gehörte zum LPG-Erbe, jetzt ist dieser Naturteich mit Entengrütze und kleinem Steg für exakt einen Gartenstuhl ein weiterer Ruhepol in dem Park - als gäbe es davon noch nicht genug.

Spätestens nach der zweiten Wegbiegung sind Haus und Hof aus dem Blickfeld verschwunden, dann existiert nur noch Natur. Zwischen den Hostas blühen im Sommer auch Taglilien und Christrosen, kontrastreiche Blickfänge neben den Hunderten Hostas. Doch diese sind seine Lieblinge, Kraatz weist auf neue Züchtungen hin, seine Mäuseburg beispielsweise, Sorten wie „Church Mouse“, Dancing Mouse“ und „Funny Mouse“.

Solche Sorten kauft man nicht im Baumarkt. Deshalb kommen zu Joachim Kraatz Hosta-Freaks aus ganz Deutschland und dem Ausland und kaufen bei ihm Ableger, lassen sich beraten. Einmal rief der Botanische Garten an, ob er eine Gruppe herschicken könnte, erzählt Kraatz. „Und plötzlich standen 40 Leute vor der Tür.“ Solche Überfälle mag er gar nicht. Lieber hat er seine Ruhe, damit er arbeiten kann. In diesem Sinne ist Joachim Kraatz wie seine Pflanzen: Die pralle Sonne, die Öffentlichkeit, ist ihm nicht wichtig. Auf dem Weg zurück zum Haus pflückt er die Blüte einer Taglilie und bietet sie zum Essen an. Süß schmecken die hübschen Blätter.

Schönheit sieht Joachim Kraatz auch im Halbschatten. Er legt das Blatt einer winzigen „Cherish“ auf das tellergroße einer „Sum it up“, betrachtet das Ensemble und sagt liebevoll: „Das ist auch Kunst“.

Am morgigen Samstag im „MDR Garten“ um 15.30 Uhr. Im Internet unter www. jochens-hostagarten.de, Telefon (0331) 96 79 551. Besuch nur nach Anmeldung.

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