Von Jan Kixmüller : Wie ein Scharnier

Klaus Töpfer baut in den ehemaligen Potsdamer Gebäuden der Bundesbank ein neues Institut für nachhaltige Klimaforschung (IASS) auf. Hier sollen Gastwissenschaftler aus aller Welt forschen

Thinktank. In die Neubauten ziehen die Gastwissenschaftler ein. Fotos (2): A. Klaer
Thinktank. In die Neubauten ziehen die Gastwissenschaftler ein. Fotos (2): A. Klaer

Der Taxifahrer hat ihn bestätigt. Als Klaus Töpfer gestern vom Potsdamer Bahnhof zur Kleist-Villa in der Berliner Straße fuhr, klagte der Fahrer über die Schwüle. Das werde jetzt wegen des Klimawandels öfter so sein, sagte der Chauffeur. Da könne man leider nicht viel machen. Dass man doch einiges machen kann, davon ist Klaus Töpfer, Gründungsdirektor des Instituts für Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit in Potsdam überzeugt. Das IASS (Institute for Advanced Sustainability Studies) soll in den ehemaligen Räumen der Bundesbank an der Berliner Straße, zu der auch die Kleist-Villa zählt, im Herbst seine Arbeit aufnehmen. Die Einrichtung für Klimaschutz, Erdsystem- und Nachhaltigkeitsforschung ist nach den Worten von Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) weltweit das erste Institut mit diesem besonderen Schwerpunkt.

Bis zu 50 Gastwissenschaftler aus aller Welt sollen sich hier Gedanken darüber machen, wie man Zeit gewinnen kann, um das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitraum zu begrenzen, einzuhalten. Dabei sind vor allem neue Ideen gefragt, für Technologien, die neben der Lagerung des klimaschädlichen Kohlendioxides auch seine Nutzung in den Blick nehmen. Es müsse in Zukunft darum gehen, einen Kreislauf zu schaffen, anstatt das CO2 unter der Erde zu lagern, erklärte Töpfer gestern in Potsdam.

Es würden auch neue Technologien benötigt, um das Klimagas aus der Atmosphäre zu absorbieren. Nach Erkenntnis der Klimaforschung wird dies schon in naher Zukunft nötig, um das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten. Eine globale Erwärmung über zwei Grad gilt als nicht mehr kontrollierbar. Zweiter wichtiger Punkt für das IASS ist laut Töpfer der Transfer der wissenschaftlichen Erkenntnisse in politisches Handeln und für ein Verständnis in der Gesellschaft. Hier soll das Institut eine Art Scharnierfunktion erhalten. Hinzu kommen Fragen des Geo-Engineering und neue Technologien im Bereich der Solarenergie.

Wie Töpfer betonte, wird das IASS in enger Kooperation mit den Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), dem GeoForschungsZentrum Potsdam (GFZ), der Universität Potsdam und weiteren Instituten der Region arbeiten. „Uns geht es nicht um Isolation, sondern um Integration“, sagte der 71-jährige CDU-Politiker, der bereits Bundesumweltminister sowie Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) war. Töpfer ist Wirtschafts- und Politikwissenschaftler und gilt als Experte für Fragen der nachhaltigen Entwicklung.

Die Fellows des IASS – vom Nachwuchswissenschaftler bis zum Nobelpreisträger – sollen in den Institutsgebäuden Arbeitsräume und Wohnungen erhalten, für Forschungszwecke könnte zudem die Infrastruktur der hiesigen Forschungsinstitute genutzt werden. Die Gastwissenschaftler werden nach dem Vorbild des Elite-Institutes an der US-Universität Princeton für maximal zwei Jahre Forschungsmöglichkeiten erhalten.

Das Institut wird von einem Verein getragen und zunächst für sieben Jahre mit jährlich neun Millionen Euro gefördert, wobei der Großteil vom Bund und rund eine Million Euro vom Land Brandenburg kommen. Die Liegenschaft wurde, wie Brandenburgs Wissenschaftsministerin Johanna Wanka den PNN sagte, vom Land erworben. Der Komplex werde nun den Erfordernissen nach umgebaut. Mit der Entscheidung sei der von der Stadt Potsdam favorisierte Standort für das Institut in der Speicherstadt unweit des Telegrafenbergs vom Tisch.

Der Entschluss für den Standort Potsdam sei einstimmig von den deutschen Forschungsgesellschaften getroffen worden, betonte Bundesforschungsministerin Schavan. „Das hat vor allem etwas damit zu tun, dass Potsdam in der Klima- und Erdsystemforschung mittlerweile ausgewiesen ist“, ergänzte Ministerin Wanka. Potsdam habe sich gegen Hamburg, München, Wuppertal und Freiburg als Standort für das IASS durchgesetzt. Die bestehende wissenschaftliche Infrastruktur biete die nötige Grundlage für das auf Kooperation ausgelegte IASS. Ziel des Instituts ist nach den Worten von Schavan nun eine verstärkte Internationalisierung auf dem Gebiet der Nachhaltigkeitsforschung. „Zudem wollen wir Spitzenforscher nach Deutschland holen“, so Schavan. „Potsdam wird zu einem international noch stärker sichtbaren Standort für Klima- und Nachhaltigkeitsforschung auf höchstem Niveau.“

Töpfer betonte, dass es angesichts des aktuellen Forschungsstandes „absolut notwendig“ sei zu handeln. Der Klimawandel schreite schneller voran als bislang angenommen. „Allerdings ist es auch immer wichtig das Handeln zu hinterfragen“, sagte Töpfer mit Blick auf die Kritik aus den Reihen der sogenannten Klimaskeptiker. Eine schnelle Berücksichtigung von Forschungsergebnissen zum Klimawandel in Politik und Zivilgesellschaft sei nun dringend notwendig. „Wir stehen unter großem Handlungsdruck“, so Töpfer. Nicht nur weil der Klimawandel an Geschwindigkeit zugelegt habe, sondern auch weil sich der internationale Wettbewerb im Bereich der Klimaforschung verschärfe.

Um weltweit sichtbar zu werden, bemüht sich Töpfer um Forschungsexzellenz. So soll der amerikanische Klimatologe Veerabhadran Ramanathan von der Universität Kalifornien in San Diego als wissenschaftlicher Direktor gewonnen werden. Ramanathan hat für US-Präsident Obama den Wandel in der amerikanischen Klimapolitik wissenschaftlich begleitet. PIK-Direktor Hans Joachim Schellnhuber werde Vorsitzender des Instituts-Beirates. Zahlreiche hiesige Institute sollen zudem im Beirat vertreten sein. „Nicht ein Gegen-, sondern ein Miteinander ist beabsichtigt“, sagte Ministerin Wanka.

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