Sowjetische Militärstandorte : Geheime Orte der Russen

Das Potsdamer Bundeswehr-Institut erstellt eine Datenbank zu sowjetischen Militärstandorten in Deutschland.

Wo einst die Sowjets saßen. Mehr als 1000 Liegenschaften sowjetischer Truppen verzeichnet die Datenbank auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, allein in Brandenburg gab es Standorte in 170 Gemeinden. In Potsdam zählt etwa das frühere KGB-Untersuchungsgefängnis im „Militärstädtchen Nr. 7“ in der Nauener Vorstadt dazu.
Wo einst die Sowjets saßen. Mehr als 1000 Liegenschaften sowjetischer Truppen verzeichnet die Datenbank auf dem Gebiet der...Foto: Andreas Klaer

Die Dimensionen waren gewaltig: Zwischen 1990 und 1994 verließen rund 550.000 Soldaten und Zivilangehörige der sowjetischen beziehungsweise russischen Truppen den Ostteil Deutschlands. Diese Zahl nennt Christoph Meißner vom Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst. Insgesamt, so die Schätzung des Wissenschaftlers, leisteten über fast fünf Jahrzehnte hinweg etwa zehn bis 20 Millionen sowjetische Soldaten ihren Dienst auf dem Gebiet der einstigen DDR – mindestens 350 000 Militärs waren hier jeweils gleichzeitig stationiert. Erst die zentrale Regelung zur Deutschen Einheit, der sogenannte Zwei-plus-Vier-Vertrag, beendete die Präsenz der Truppen in Ostdeutschland. Im September 1994 zogen die allerletzten russischen Soldaten ab. Die Westgruppe der Truppen, wie das sowjetische Militär auf dem Gebiet der DDR seit Ende der 1980er-Jahre offiziell hieß, war damit auf deutschem Boden endgültig Geschichte.

Sowjetische Truppen in der einstigen DDR

Über die vielen Standorte der sowjetischen Truppen in der einstigen DDR gibt nun eine Datenbank im Internet Auskunft. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst (DRM), des Potsdamer Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) und des Deutschen Historischen Instituts (DHI) in Moskau. Etwa zwei Jahre wurde an der neuen Webseite mit der Datenbank gearbeitet, sagt Rüdiger Wenzke vom ZMSBw. Sämtliche Akten, die sich zu diesem Thema im Freiburger Militärarchiv – einer Abteilung des Bundesarchivs – befinden, habe man für dieses Projekt eingescannt. Das ZMSBw hatte allerdings auch schon zuvor eine Datenbank betrieben, in der sowjetische Militärstandorte verzeichnet waren. Den wesentlichen Unterschied zwischen beiden Datenbanken erklärt Wenzke so: Während man bei der Erarbeitung der alten Version aus dem Jahre 2008 auf Sekundärliteratur zurückgegriffen hatte, sind es nun die Originalakten aus Freiburg, die als Grundlage verwendet wurden. In dem Archiv lagern Unterlagen des Deutschen Verbindungskommandos zur Westgruppe der Truppen. Aufgabe dieses Bundeswehrkommandos war es Anfang der 1990er-Jahre, den Kontakt mit den in Deutschland stationierten sowjetischen beziehungsweise russischen Truppen zu suchen, um den Abzug des ausländischen Militärs zu begleiten. Angehörige dieses Kommandos „sind durch die Gegend gefahren“ und „haben alle Liegenschaften aufgenommen“, erläutert Wenzke.

So gibt es jetzt in der neuen Datenbank Informationen aus einem Liegenschaftsverzeichnis von 1990 sowie aus einer Feldpostnummernliste von 1994. Fast jeder Truppenteil, so Wenzke, hatte eine Feldpostnummer. Mehr als 1000 Liegenschaften der sowjetischen Truppen in der DDR verzeichnet die Datenbank. Allein auf dem Gebiet des heutigen Landes Brandenburg gab es 1990 in etwa 170 Gemeinden Einrichtungen des sowjetischen Militärs – die teilweise innerhalb der Orte über mehrere Liegenschaften verteilt waren. Ein recht prominentes Beispiel ist etwa Sperenberg im heutigen Landkreis Teltow-Fläming. Dort unterhielten die Sowjets einen eigenen Militärflughafen. Die Datenbank verzeichnet aus der Feldpostnummernliste von 1994 für Sperenberg ein Luftaufklärungszentrum, ein Transportfliegerregiment, ein Transportbataillon und ein Depot. Für Potsdam sind ebenfalls diverse Objekte aufgezählt, darunter ein KGB-Objekt und ein Lazarett.

Sogar Kohleplätze und einzelne Funkstationen verzeichnet

Die neu eingerichtete Webseite richte sich an Historiker, Heimatforscher, Behörden und die übrige interessierte Öffentlichkeit, sagt Wenzke. Da viele der auf der Webseite verwendeten Abkürzungen im Abkürzungsverzeichnis leider nicht erklärt sind, ist es bisweilen von der Fantasie – oder im besten Falle der Kenntnis des Nutzers – abhängig, wie viele der hinterlegten Informationen er tatsächlich im Detail versteht. An der einen oder anderen Stelle kommt die Webseite auch ansonsten etwas rätselhaft daher. So erschließt sich beispielsweise das System der unterschiedlich gefärbten und mit Zahlen versehenen Kreise auf der Online-Landkarte auch nicht so ohne Weiteres im kompletten Umfang. Die Webseite soll jedoch noch benutzerfreundlicher werden, heißt es von verantwortlicher Seite.

In der Fülle der Daten finden sich selbst ganz kleine Objekte wie Kohleplätze oder einzelne Funkstationen. Auch Wohnhäuser, etwa in Potsdam-Nedlitz, sind verzeichnet. Allerdings ist die genaue Lage auch der großen Liegenschaften auf der Webseite nicht angegeben, es sei denn, es ist dort Kartenmaterial vorhanden.

Außer den Daten von Anfang der 1990er-Jahre gibt es auf der Webseite auch noch Standortinformationen, die direkt vom Generalstab der Roten Armee stammen und das Jahr 1946 betreffen. Diese Angaben liegen in russischer Sprache vor. Über einen russischen Verbindungsmann sei man an die entsprechenden Stationierungslisten herangekommen, sagt Historiker Matthias Uhl vom DHI in Moskau. Die deutschen Wissenschaftler der beteiligten Institutionen wollen künftig auch weitere Jahrgänge aus der Zeit der sowjetischen Besatzung erforschen. Langfristiges Ziel ist es, „für die Zeit von 1945 bis 1994 einen Gesamtüberblick auf der Grundlage offizieller russischer und deutscher Dokumente zu erarbeiten“, heißt es auf der Webseite.

Die meisten waren westlich von Berlin stationiert 

Schon jetzt ist aber klar: Die größte Truppenkonzentration der Sowjets in der DDR gab es westlich von Berlin bis hinunter in das heutige Sachsen-Anhalt. Im Raum Magdeburg seien mehr als doppelt so viele sowjetische Soldaten stationiert gewesen als im Potsdamer Gebiet, sagt Wenzke. Der Grund hierfür: Magdeburg lag dichter am Eisernen Vorhang, also der Grenze zwischen den Staaten des Warschauer Pakts und der Nato. Hier an der Westgrenze der sowjetischen Einflusssphäre habe das Militär eine gute Ausgangsposition für etwaige Angriffs- und Verteidigungshandlungen gen Westen gehabt, so Wenzke. Doch zu einem solchen Waffengang kam es glücklicherweise nie.

www.sowjetische-militaerstandorte-in-deutschland.de