• Potsdamer Wissenschaftler ausgezeichnet: Dem Kern des Problems ein Stück näher

Potsdamer Wissenschaftler ausgezeichnet : Dem Kern des Problems ein Stück näher

Jan Nitzbon hat den Potsdamer Nachwuchswissenschafts-Preis für Klimafolgenforschung in der Arktis erhalten. Als er von der Ehrung erfuhr, war er gerade im Campingmobil unterwegs.

Preisträger Jan Nitzbon.
Preisträger Jan Nitzbon.Foto: Carsten Holm

Potsdam - „Es passiert selten, dass wir uns in der Jury so schnell einig sind, wer den Potsdamer Nachwuchswissenschafts-Preis bekommen soll“, sagte Oberbürgermeister und Jury-Vorsitzender Mike Schubert (SPD) Freitagmorgen im Rathaus, als er den mit 5000 Euro dotierten Preis an den 31 Jahre alten Jan Nitzbon überreichte: „Seine Arbeit stach heraus.“ Offiziell wurde der im hessischen Gießen geborene Wissenschaftler dann am Abend während der Festveranstaltung zum Einsteintag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Nikolaisaal ausgezeichnet.

Nitzbon ist einer der Potsdamer Nachwuchswissenschaftler, von dem aller Voraussicht nach noch viel zu lesen sein wird. Er hatte in Göttingen Physik studiert, ehe er an der Berliner Humboldt-Universität ein Promotionsstudium aufnahm. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter war er tätig am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung sowie am Standort Potsdam des Alfred-Wegener-Instituts auf dem Telegrafenberg. Das entscheidende Kriterium für den Wissenschaftspreis war seine Dissertation über die dramatischen Folgen der Erderwärmung für die sogenannten Permafrostböden in der Arktis, die zunehmend auftauen. Die Arbeit wurde mit „Summa cum laude“, der höchsten Auszeichnungsstufe einer Dissertation, bewertet und war schon im August mit dem ebenfalls mit 5000 Euro dotierten Wladimir Köppen-Preis der Universität Hamburg bedacht worden.

Anruf an der Adria

Den PNN erzählte Nitzbon, wo ihn die Nachricht von dem Potsdamer Wissenschaftspreis erreichte: Er war in Elternzeit, mit seiner Frau und seinem elf Monate alten Sohn gerade in einem Campingmobil an der Adria-Küste unterwegs, als der Oberbürgermeister anrief. Seinen Stolz mühte sich der junge Forscher im Rathaus aber zu verbergen, sein Auftritt war eher bescheiden – auch als ihn die Professorin Julia Boike, die seine Arbeit betreute, in höchsten Tönen lobte. Seine Arbeit beschäftige sich, so Boike, „mit den großen Wissenslücken in der Erdsystemforschung“ und liefere „erstmals Einsichten, warum der Permafrost in der Arktis viel schneller und intensiver auf die Klimaerwärmung reagiert als bislang vorhergesagt.“

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Boike und Nitzbon gehörten zu einem Team, dass 2017 von Potsdam aus in die nordostsibirische Arktis aufbrach, um sechs Wochen lang das Auftauen der Permafrostböden zu analysieren. Schon die Anreise war beschwerlich: ein paar Flugstunden nach Jarkutsk, dann weiter auf vier Rädern ins Lena-Delta, das weitverzweigte Mündungsdelta des sibirischen Flusses Lena. Immerhin: seit einiger Zeit steht in der mit drei bis vier Frauen und Männern besetzten internationalen Forschungsstation in der Weite der Tundra ein Stromgenerator bereit. 

In Sibirien untersuchte Nitzbon Veränderungen der Tundra, die beim Tauen von Permafrost entstehen.
In Sibirien untersuchte Nitzbon Veränderungen der Tundra, die beim Tauen von Permafrost entstehen.Foto: REUTERS

Nitzbon ist hart im Nehmen: Ein Foto zeigt ihn mit einer roten Jacke mit Forschungsbesteck wie Stativen in einer von Abgeschiedenheit geprägten Landschaft. Das Problem dort: Durch die Erderwärmung weicht der Boden, der – mancherorts zu 88 Prozent – seit Jahrtausenden aus Eis besteht, zunehmend auf. Das führt dazu, dass Mikroorganismen organische Reste im Boden zersetzen und riesige Mengen Kohlenstoff, die im Eis gespeichert sind, freigesetzt werden. Diese entweichen dann als Methan oder CO2 in die Atmosphäre und beschleunigen den Treibhauseffekt.

Ziel: Prognosen für die gesamte Arktis abgeben

Nitzbon und seine Forscherkolleg:innen wussten, dass Modellierungen der Entwicklung und die Prognosen bisher nicht mit der Wirklichkeit in Sibirien übereinstimmten. Große Klimamodelle sind mit eher kleinräumlichen Strukturen überfordert, der Potsdamer Doktorand entwickelte vorhandene Modelle weiter und zeigte auf, wie der Klimawandel zu wachsender Wärme in der Tiefe der sibirischen Böden führt und wie Prognosen zuverlässiger werden können. Moritz Langer, der die Doktorarbeit mit Professorin Boike betreute, war optimistisch. Ziel sei nun, „Prognosen für die gesamte Arktis abzugeben“.

Oberbürgermeister Schubert freute sich nicht nur für den Preisträger, sondern für die ganze Stadt. Sie weise nicht nur eine Forschungsdichte an den Universitäten auf, sondern zeige auch, „dass wir im Exzellenzbereich mit anderen nicht nur mithalten können, sondern eine gute Adresse in der Wissenschaftslandschaft sind“.

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