• Man lebt einfach von Tag zu Tag: Potsdamer Studentin über ihr Leben in Italien

Man lebt einfach von Tag zu Tag : Potsdamer Studentin über ihr Leben in Italien

Die Potsdamer Studentin Carla Magnanimo ist derzeit zum Austauschsemester in Turin. Die Stadt liegt in Norditalien, das gegenwärtig von der Corona-Epidemie besonders schwer betroffen ist.

Carla Magnanimo geht nur vermummt auf die Straße.
Carla Magnanimo geht nur vermummt auf die Straße.Foto: privat

Potsdam/Turin - Das Schlimmste ist für Carla Magnanimo die Ohnmacht. Die 26-jährige Studentin aus Potsdam lebt seit dem 22. Februar in der italienischen Stadt Turin. Der Norden Italiens ist aktuell von der Corona-Epidemie am stärksten betroffen. Schlimm findet die junge Frau, dass den Menschen „komplett die Hände gebunden“ sind. „Man fühlt sich so machtlos und kann nichts mehr planen“, sagte die Studentin den PNN. „Man lebt einfach von Tag zu Tag und hofft, dass alles noch irgendwie glimpflich verläuft und bald vorbei ist“, so die junge Frau.

Carla Magnanimo studiert an der Universität Potsdam Kulturwissenschaften und Kultursemiotik. Sie war gerade zu einem Auslandssemester in Turin angekommen, als die Infektionszahlen in der Region in die Höhe schnellten. Nach Turin kam sie zusammen mit einer weiteren Potsdamer Kommilitonin. „Die Uni habe ich leider noch nicht einmal betreten“, so die Studentin. Alle Bildungseinrichtungen wurden zwei Tage nach ihrer Ankunft geschlossen.
Nun lebt Carla Magnanimo in der von der Epidemie lahmgelegten Stadt. 

Offiziell endet die Frist der Ausgangssperre am 3. April, doch seit Tagen schon wurde über eine Verlängerung gesprochen. Ministerpräsident Giuseppe Conte kündigte am Wochenende nun eine Verlängerung an. Vielleicht bis Ende April oder Anfang Mai, vermutet die Potsdamerin. Nach offiziellen Angaben würden sich immer noch zu viele Menschen draußen befinden. Eine Verschärfung der Ausgangsperre gab es nun am Wochenende. Italien schließt ab sofort alle Parks und öffentlichen Gärten. Spiele, Freizeitaktivitäten und Sport im Freien sind untersagt.  

Ohne ein offizielles Dokument darf man nicht auf die Straße 

Carla Magnanimo stammt eigentlich aus Hamburg, ihre Mutter ist Deutsche der Vater Italiener. Ihre italienischen Verwandten leben auf der Insel Ischia bei Neapel. Dort gibt es bislang nur wenige Infizierte, weshalb sich die junge Frau derzeit keine großen Sorgen macht. Doch zwei ihrer Großeltern seien vorerkrankt: „Sollte es auch dort einen Ausbruch geben, sind sie definitiv gefährdet.“ Auch im weiteren Kreis der Familie gebe es viele ältere Verwandte, die somit zur Risikogruppe zählen. „Ich versuche, darüber so wenig wie möglich nachzudenken, denn sonst wird man völlig verrückt, da man ohnehin nichts machen kann“, sagt die Studentin. 

Die Ausgangssperre erlebt die junge Frau als ziemlich beängstigend. Wer zur Arbeit muss oder einkaufen gehen möchte, braucht eine „Autocertificazione“, ein Dokument, das belegt, dass man sich aus gutem Grund auf der Straße aufhält. Das beinhaltet auch die Erklärung, dass man nicht infiziert oder mit einem Infizierten in Kontakt gewesen ist. „Derzeit geht man noch spazieren, allerdings unter Beobachtung der Polizei, was wirklich gruselig ist“, berichtete die Studentin am Freitag, bevor die Ausgangssperre verschärft wurde.  

In Italien singen viele Menschen aus Fenstern oder von Balkonen gegen die Einsamkeit an.
In Italien singen viele Menschen aus Fenstern oder von Balkonen gegen die Einsamkeit an.Foto: dpa

Die Potsdamerin lebt mit zwei Mitbewohnern in einem eigentlich sehr lebhaften Viertel direkt am Hauptbahnhof. „Es geht uns gut, keiner hat irgendwelche Symptome“, sagt sie. Doch die täglichen Nachrichten würden doch sehr auf die Stimmung schlagen. „Keiner von uns schläft besonders gut“, sagt die 26-Jährige. Jeden Tag höre man neue Zahlen von Infizierten und Toten. Die Zahl der Toten überstieg am Freitag erstmals die von China. Auch in Italien wird über die vielen Toten etwa in Bergamo berichtet, wo die Friedhöfe nicht genug Platz haben für alle Toten, wo nachts große Militärfahrzeuge die Leichen abholen, um sie in andere Krematorien zu bringen. Und man hört auch davon, dass die Angehörigen nicht einmal mehr an den Trauerfeiern teilnehmen dürfen. „Das finde ich wirklich grauenvoll und beängstigend“, sagt Carla Magnanimo. 

Keine Angst vor Infektion

Angst vor Ansteckung hat die Studentin nicht. Wichtig ist ihr vielmehr das Gespräch mit ihren Mitbewohnern. Regelmäßig tauschen sie sich über die Lage und ihre Ängste aus. Bisher seien sie noch guter Dinge. „Aber die Nachrichten bedrücken uns natürlich sehr.“ Und sie mache sich auch Sorgen um ihre Mutter in Deutschland, die über 60 ist. 

Zurück nach Deutschland möchte Carla Magnanimo dennoch nicht. Sie fühle sich trotz der Situation in Turin sehr wohl. Sie bewundere die Art und Weise wie die Italiener mit der Situation umgehen. „Das nimmt einem die Angst und gibt einem das Gefühl von Gemeinschaft.“ Das sei sehr wichtig in Zeiten wie diesen. Man fühle sich nie alleine mit seiner Angst oder Langeweile. Es werden Flashmobs organisiert auf den Balkonen. „Und wenn ich morgens auf dem Balkon frühstücke, grüßt mich mindestens einer meiner Nachbarn.“  

Kein Verständnis für Feiernde in Deutschland

In Deutschland scheine das Ganze für viele Menschen noch sehr weit weg zu sein, schätzt die Studentin. Sie verstehe nicht, wie die Menschen sich immer noch treffen und sogar Partys veranstalten können. Zwar sind in Deutschland bisher verhältnismäßig wenig Menschen an dem Virus gestorben. „Aber keiner weiß, ob das so bleiben wird.“ 

Auch dass in Deutschland in den Supermärkten das Toilettenpapier knapp wird und es in den Geschäften den einen oder anderen Streit gibt, versteht die Studentin gar nicht. In Turin sei die Situation ganz anders. Es gebe Sicherheitskräfte in jedem Supermarkt. Sie würden nur wenige Kunden in die Läden lassen. Drinnen herrsche eine angespannte Stimmung. „Alle wollen schnell wieder dort raus.“ Dennoch sei der Umgang sehr respektvoll: „Es gibt keinen Streit und vor allem gibt es eins: volle Regale.“

+++ Nachrichten aus Turin +++

„Eine Woche auf einer begrenzten Quadratmeterzahl. Spaziergänge mit schlechtem Gefühl und unter Beobachtung der Polizei. Es kommt einem vor wie fünf Wochen, aber das war zu erwarten. Die Menschen werden unruhig. (...) Leere Bänke auf leeren Piazzen in leeren Städten. So scheint es zumindest. Doch offenbar gibt es immer noch Menschen, die sich nicht an die neuen, vorgegebenen Corona-Regeln halten. In Deutschland sind es die Jungen, hier dagegen die Alten. In Salento in Apulien sah sich der Bürgermeister gezwungen, die Sitzflächen von Bänken abzumontieren, da immer noch zu viele ältere Menschen dort den ganzen Tag verbrachten und sich trafen. (...)“, schreibt Carla Magnanimo in ihrem Blog. 

Carlas Blog: https://peppinainquarantena.wordpress.com/

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