Wissenschaft : „Kreativität steht an erster Stelle“

Die neue Präsidentin der Filmhochschule HFF, Susanne Stürmer, über die Kunst, den Markt, weibliche Facetten und ihr Faible für Herausforderungen

Viel Vorschusslorbeeren. Susanne Stürmer wurde ohne Gegenstimmen in ihr neues Amt gewählt.F.: M. Thomas
Viel Vorschusslorbeeren. Susanne Stürmer wurde ohne Gegenstimmen in ihr neues Amt gewählt.F.: M. Thomas

Frau Stürmer, wie viele HFF-Filme haben Sie sich in den vergangenen Wochen angeschaut?

Ich habe mich noch nicht durch das ganze Repertoire gearbeitet, aber die Preise, die HFF-Filme, wie Love Steaks, Lamento oder Kohlhaas allein in der letzten Zeit gewinnen konnten, sind beeindruckend. Ich freue mich darauf, nun in der Hochschule zusammen mit den Filmemachern viele Werke zu sichten.

An welcher Stelle steht für Sie Kunst und Kreativität an der HFF?

An allererster Stelle. Dann kommt erst einmal lange gar nichts. Das ist das Besondere an einer Filmhochschule, dass man sich zuvorderst der Kreativität widmen kann. Beim Produzieren der Filme sollten die Studierenden bei uns frei sein. Die Frage der Verwertung auf dem Markt kommt erst danach. Dennoch ist es mir wichtig, dass Marktkenntnisse vermittelt werden, dass man lernt, wer die Zuschauer sind, welche Bedürfnisse sie haben.

Sie wurden ohne Gegenstimmen in Ihr neues Amt gewählt. Wie gehen Sie mit so viel Vorschlusslorbeeren um?

Die Einstimmigkeit der Wahl hat mich gefreut. Ich habe diese Einigkeit als Zeichen der Hochschule gesehen. Ich finde, Vorschusslorbeeren sind etwas Schönes, ich nehme sie aber nicht zu sehr persönlich. Am Ende werden die ersten 100 Tage zeigen, ob es eine gute Wahl war, ob wir gut zusammenpassen.

Ihr Vorgänger, Dieter Wiedemann, war Filmwissenschaftler. Sie sind Volkswirtin, waren jahrelang in der Medienwirtschaft tätig. Bedeutet das einen Paradigmenwechsel für die HFF?

Nein, das ist nicht mein Anspruch. Ich möchte vieles von dem, was hier besteht, pflegen und ausbauen. Ich will keine grundlegenden Änderungen, aber eigene Akzente setzen.

Zum Beispiel?

Ich möchte die Verbindung der Hochschule zur Medienbranche enger knüpfen. Auch um die Sichtweisen an der HFF auf die Medienlandschaft etwas zu verbreitern. Ich komme nicht als Volkswirtin, sondern als jemand, der die Medienwirtschaft in den vergangenen 15 Jahren gut kennengelernt hat. Das ist sicher hilfreich in einer Zeit, in der der Film, das Fernsehen und generell die Medien einem großen Wandel unterworfen sind.

Wird es der HFF guttun, dass Ihr Blick etwas stärker auf die Wirtschaft gerichtet ist?

Ich finde es in jedem Fall richtig, wenn man sich an den Gegebenheiten der Praxis orientiert. Die Medienlandschaft, wie sie sich im Moment entwickelt, ist hochgradig spannend. Wir bilden junge Menschen aus, daher will ich sie gerne auch an ihrem eigenen medialen Verhalten abholen – etwa beim Thema Bewegtbild im Internet. Ich hatte bislang an der HFF über neue Medien gelehrt. Das sind Themen, die die Studierenden extrem interessieren.

Eines der großen Themen Ihrer Amtszeit wird der Schritt zur Filmuniversität sein. Dazu bedarf es auch mehr finanzieller Mittel.

Inhaltlich ist das Thema Universität ein wichtiger Punkt bei den derzeitigen Verhandlungen um die Hochschulverträge. Wobei die geplanten Maßnahmen zur Profil- und Strukturbildung der Hochschule auch über das Ziel der Filmuniversität hinaus für uns zentral sind, beispielsweise das Thema Digitalisierung und Modernisierung unserer technischen Ausrüstung sowie die Möglichkeiten und Anforderungen der Neuen Medien.

Das Ziel, erste deutsche Filmuniversität zu werden, ist recht hoch gesteckt.

Es steht nun an, eine Entscheidung zu treffen. Den Dialog führen wir mit dem Ministerium. Ich finde das Ziel per se nicht schwierig, es hat vielmehr eine große Folgerichtigkeit. Das Vorhaben ist ja schon älter, aber es rennt auch bei mir offene Türen ein. Ich sehe es als eine positive Herausforderung.

Sind Sie jemand, der die Herausforderung sucht?

Ja. Aber nicht um ihrer selbst willen. Ich betreibe keinen Extremsport oder ähnliches. Doch inhaltlich interessante Herausforderungen reizen mich. Hinzu kommt, dass ich an der HFF das Gefühl habe, Menschen vorzufinden, die darauf Lust haben. Das ist auch ein Grund gewesen, wieso ich mir die Tätigkeit gut vorstellen konnte. Diese vielen spannenden Themen mit interessanten Menschen anzugehen, das reizt mich.

Wann wird es mit der Filmuniversität so weit sein?

Da will ich keine Prognose abgeben. Ich habe meine eigene Vorstellung, aber das Vorhaben muss zusammen mit der gesamten Hochschule und dem Ministerium vollendet werden. Für mich ist dabei auch der Weg das Ziel. Die Universitätswerdung sehe ich zudem als einen Impuls, um zu schauen, was wir richtig machen, was anders werden kann und wo wir hinwollen.

Es gab eine Diskussion um den Namen „Konrad Wolf“. Sollte die HFF den Namen Ihrer Ansicht nach weiter tragen?

Der Name steht für Tradition. Und Tradition ist für eine Institution etwas sehr Wertvolles. Traditionen bereichern. Man muss sehr, sehr gute Gründe haben, um damit zu brechen. Natürlich muss man sich auch mit Traditionen kritisch auseinandersetzen. Wenn es wieder eine Namensdiskussion geben sollte, werde ich sie befördern. Aber zurzeit ist das Thema nicht auf meiner Liste.

Was steht denn ganz oben auf Ihrer Liste?

Ein wichtiges Ziel ist für mich der interne Dialog. Wir wollen viele Themen aus allen Bereichen der Hochschule im Team im Dialog führen. Das ist mir sehr wichtig. Ich bin ein dialogorientiert arbeitender Mensch. Ein anderes Ziel ist, die Hochschule auch nach außen stärker zum Leuchten zu bringen. Allein die Quantität und Qualität der Filme, die hier entstehen, ist beeindruckend. Das kann man sicher nach außen noch besser darstellen. Das, was hier an der Hochschule entsteht, sollte stärker in den Dialog mit der Außenwelt gebracht werden. Ein anderes Thema ist die Rolle, die Kunst und Kreativität für die Gesellschaft spielen. Für diese Themen ist die HFF, wie ich sie bisher kennengelernt habe, mit ihren Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern und Lehrenden sehr gut aufgestellt.

Was bedeutet es für die Hochschule, dass sie zum ersten Mal eine Frau an ihre Spitze bekommt?

Ich habe mich über das Zeichen gefreut, dass mit mir eine Frau in eine weitere Führungsposition im Medienbereich des Landes gekommen ist. Ansonsten werde ich mich mit meiner ganzen Persönlichkeit einbringen. Darunter gibt es sicherlich auch einige weibliche Facetten, von denen man profitieren kann.

Welche zum Beispiel?

Ich halte mich für jemanden, der gut zuhören kann. Das ist vielleicht solch eine weibliche Facette.

Sie stammen aus Hamburg. Bringen Sie etwas hanseatischen Geist mit?

Wie viel Hamburgerisches ich an mir habe, können andere besser beurteilen. Ich bin schon vor dem Mauerfall nach Berlin gekommen, und mit Unterbrechung auch immer wieder gerne zurückgekommen. Die Region Berlin-Brandenburg ist heute mehr meine Heimat als Hamburg.

Sie haben an der HFF bislang Seminare zu den Neuen Medien gegeben. Wird es in Zukunft einen Schwerpunkt dazu geben?

In Zukunft sollten wir vor allem in der Vielfalt der medialen Plattformen denken. Film, Fernsehen, Online: Der Medienkonsum geht immer stärker auf die verschiedensten Kanäle. Das sollte in der Hochschule verankert werden. Gleichzeitig sollten wir viel experimentieren, etwa mit neuen, kürzeren Formaten, mit dem Internet und neuen Technologien.

Vor welche Herausforderung stellen die Neuen Medien die Filmausbildung?

Filmemacher müssen sich sehr viel breiter aufstellen. Die ganze Wertschöpfungskette ändert sich. Bisher hatte man den Inhalt und einen Vertriebsweg, der dann auch die Vermarktung und Finanzierung gebracht hat. Das ändert sich nun fundamental. Filmschaffende müssen sich zum Teil selbst um den Vertrieb, Marketing und Finanzierung kümmern. Das muss letztendlich auch so gelehrt werden. Das ist auch eine Herausforderung einer modernen Filmlehre.

Der Film an sich wird nun auch interaktiv. Eine weitere Facette der Ausbildung?

Ich persönlich glaube nicht, dass Interaktivität im Film so wichtig wird. Ich glaube eher an das transmediale Erzählen, also einen Stoff in verschiedenen Medien stimmig zu vermitteln. Das sind aber alles interessante Experimente und dazu gibt es eine große Lust an der HFF. Das ist das Schöne an einer Hochschule, dass es hier Raum zum Ausprobieren gibt. Das hängt auch von individuellen Interessen ab. Allem voran muss aber erst einmal das Handwerkszeug erlernt werden. Dann sind alle anderen Dinge eher die Kür.

Was meinen Sie, hat das klassische Kino überhaupt noch eine Zukunft?

Der klassische Kinofilm bleibt für mich der Kern des Erzählens. Auch wird das Kino als Abspielort weiter seine Zukunft haben und seine Nachfrage finden. Das Kino ist ein Ort, der für die Gesellschaft eine große Bedeutung hat. Ich denke aber auch, dass der klassische Film davon profitieren kann, dass man sich auf die neue Medienwelt einstellt. Etwa dass man Filme im Nachhinein noch einmal „on demand“ sehen kann, oder dass man das Marketing über digitale Vertriebswege stärkt. Das Kernprodukt Kinofilm wird es noch sehr lange geben.

Wo sehen Sie die HFF in zehn Jahren?

Auf der Höhe der Zeit. Das hängt natürlich auch davon ab, wo die Bewegtbildlandschaft dann steht. Mein Ziel ist es, dass die HFF mit der Dynamik der Branche mitgeht. Bestimmte Kernbereiche sehe ich aber unangetastet. Nämlich die hervorragende handwerkliche Ausbildung, die Orientierung an den Gewerken, die künstlerische Ausbildung. Einerseits also ein sehr stabiler Kern, auch der Luxus, sich von Modernitäten abkoppeln zu können, gleichzeitig aber auch eine Offenheit und Neugierde für die neuen Themen. Wir sollten nach außen Kreativität ausstrahlen.

Und Sie selbst, werden Sie sich nach der ersten Amtszeit eine neue Herausforderung suchen?

Das ist nicht meine Art, ich bin eigentlich ein treuer Mensch. Aber wir müssen natürlich erst einmal abwarten, ob die Filmhochschule und ich zusammen glücklich werden.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller