Klimaforschung Potsdam : Kornkammern der Erde bedroht

In einer aktuellen Studie gehen Potsdamer Forscher davon aus, dass Ernteerträge durch weltweit parallele Hitzewellen in Gefahr sind.

Missernte. Dürren wie 2018 (hier in Brandenburg) könnten gleichzeitig in mehreren Regionen auftreten.
Missernte. Dürren wie 2018 (hier in Brandenburg) könnten gleichzeitig in mehreren Regionen auftreten.Foto: Patrick Pleul/dpa

Potsdam - Potsdamer Klimaforscher warnen in einer aktuellen Untersuchung davor, dass globale Hitzewellen mehrere Kornkammern der Welt gleichzeitig treffen könnten. Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) gehen zusammen mit internationalen Kollegen davon aus, dass bestimmte Muster im Jetstream – einem den Globus umgebender Höhenwind – gleichzeitige Hitzewellen in verschiedenen Weltregionen bringen könnten. Dies könne Gebiete betreffen, die für bis zu einem Viertel der globalen Nahrungsmittelproduktion verantwortlich sind, schreiben die Forscher im Fachblatt „Nature Climate Change“.

Gleichzeitig auftretende Hitzewellen

Besonders anfällig sind demnach der Westen Nordamerikas und Russlands, Westeuropa und die Ukraine. Hier könnten gleichzeitig auftretende Hitzewellen erheblichen Schaden anrichten. Die Forscher warnen davor, dass durch extreme Wetterlagen die Nahrungsmittelpreise weltweit in die Höhe getrieben werden könnten. Starke Preissteigerungen bei Lebensmitteln wiederum könnten soziale Unruhen auslösen.

„Wir haben eine bislang unterschätzte Anfälligkeit des Nahrungsmittelsystems entdeckt“, erklärt Kai Kornhuber vom Earth Institute in New York, gegenwärtig Gastwissenschaftler am Potsdamer PIK. Wenn bestimmte Muster im Jetstream weltweit auftreten, sei mit einem zwanzigfach erhöhten Risiko für gleichzeitige Hitzewellen in wichtigen Anbaugebieten zu rechnen. „Eigentlich ist die Zirkulation des Jetstream chaotisch“, erklärt der Forscher. „Aber bei derartigen Ereignissen ergibt sich tatsächlich eine globale Ordnung.“ Der Westen Nordamerikas, Westeuropa und der Raum am Kaspischen Meer sind demnach besonders anfällig für atmosphärische Wellenmuster, die Hitzegebiete und Dürren an einem Ort festhalten: „Mit fatalen Folgen für die Ernteerträge“, so Kornhuber. „Das Bedrohliche an diesen Mustern ist das zeitlich synchronisierte Auftreten von Extremen mit potentiellen Auswirkungen auf die globale Nahrungsmittelsicherheit.“

Risiken für die globale Nahrungsmittelversorgung

Eigentlich ist davon auszugehen, dass schlechte Ernten in einer Region durch gute Erträge in anderen Regionen ausgeglichen werden. „Aber diese planetaren Wellen können zu Ernteeinbußen in mehreren wichtigen Kornkammern gleichzeitig führen – mit entsprechenden Risiken für die globale Nahrungsmittelversorgung“, sagt Dim Coumou, der für das PIK und das Institut für Umweltstudien der Freien Universität Amsterdam forscht.

Dim Commou
Dim CommouFoto: PIK/Karkow

Immer näher an den Kipppunkten des Klimas

In der renommierten Fachzeitschrift „Nature“ haben PIK-Forscher zusammen mit internationalen Experten nun auch vor dem Erreichen sogenannter Kipppunkten gewarnt. Beim Überschreiten dieser Schwellen gibt es kein Zurück mehr. Auch Klimaschutz kann dann gravierende Wechselwirkungen nicht mehr stoppen. Neun der 15 von der Forschung ausgemachten Kipppunkte sind demnach bereits gefährlich nahe, insbesondere das Auftauen von Permafrostböden, wodurch große Mengen des Treibhausgases Methan freigesetzt würden.