Wissenschaft : „Katastrophenmythen“ und Druck auf Journalisten?

Mediendebatte um PIK-Klimaforscher Rahmstorf / PIK-Chef Schellnhuber: „Uneingeschränkt solidarisch“

Juliane Wedemeyer

Um das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ist eine Mediendebatte entbrannt. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) werfen Journalisten dem Institut vor, unseriös zu arbeiten. „Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung befördert aktiv und wider besseres Wissen Katastrophenmythen“, schreiben die sieben Autoren.

Im Mittelpunkt ihrer Kritik steht der Potsdamer Professor und Klimaforscher am PIK, Stefan Rahmstorf. Er soll seit Jahren versuchen, „über Chefredaktionen oder Herausgeber Druck auszuüben und ihm nicht genehme Berichterstattung zu unterbinden“, heißt es weiter in dem Artikel. Dem vorausgegangen war ein einseitiger Beitrag Rahmstorfs im Feuilleton der FAZ mit dem Titel „Deutsche Medien betreiben Desinformation“. Rahmstorf nennt darin verschiedenen Journalisten namentlich, denen er vorwirft, teilweise bewusst falsche Informationen zum Klimawandel zu verbreiten – auch den „Cicero“-Chefradakteur Wolfram Weimer, der in seinem Magazin einen Artikel von Wissenschaftsjournalist und – wie Rahmstorf ihn nennt „Klima-Skeptiker“ – Dirk Maxeiner veröffentlicht hatte.

Mittlerweile wettert auch „Spiegel-Online“ gegen den Potsdamer Forscher. Auf Internet-Foren wird über ihn gestritten und auch Rahmstorf selbst debattiert auf seiner PIK-Homepage mit.

Von Druck auf Redaktionen will er nichts wissen. Rahmstorf, der auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung und im Weltklimarat (IPCC) ist, habe nur Leserbriefe geschrieben. „Wie die einschüchtern können, kann ich nicht nachvollziehen“, sagte er den PNN. „Wenn Menschen falsch informiert werden, sehe ich es als meine Aufgabe an, Stellung zu nehmen.“ Hans Joachim Schellnhuber, Chef des Klima-Instituts auf dem Telegrafenberg, sieht das ebenso. „Bemerken Wissenschaftler, dass entscheidende Inhalte verzerrt dargestellt werden, dann ist es sogar ihre Pflicht, darauf hinzuweisen“, sagte Schellnhuber.

Auch der Vorwurf der sieben Autoren in der FAZ, das PIK produziere Katastrophenmythen sei „blanker Unsinn“. Er sei „Teil des Rückzugsgefechts einer versprengten Minderheit von Pseudo-Experten“, so Schellnhuber auf PNN-Anfrage. Die so benannten Journalisten hatten geschrieben: „Nach Erkenntnissen von Klimaforschern könnte schon in diesem Jahrhundert ein wichtiger Teil der atlantischen Ozeanzirkulation abzubrechen beginnen. Grundlage war (...) eine Meinungsumfrage unter zwölf Kollegen.“ Diese Methode sei in der Wissenschaft üblich, kontert Schellnhuber: „Bei sehr komplexen Sachverhalten, in denen man noch nicht in der Lage ist, mit exakten Computermodellierungen zu arbeiten“ würden Experten befragt. Laut Rahmstorf habe die Fachwelt die besagte Studie sehr positiv aufgenommen.

Der Konflikt ist derzeit auch Thema auf dem Potsdamer Telegrafenberg. „Selbst bei uns in der Kantine wird darüber gesprochen“, so Rahmstorf. „Die schon vom Ton her beispiellos persönlichen Angriffe und Behauptungen“ regten die Kollegen auf. Offenbar auch seinen Chef Schellnhuber, der sich „uneingeschränkt solidarisch“ mit Rahmstorf erklärt. Dieser habe „noch nie so eine Flut von Mails“ bekommen. „Meine Kollegen sagen mir: Nicht einschüchtern lassen von dieser Medienkampagne“, so Rahmstorf.

„Mir ist wichtig, dass die Öffentlichkeit korrekt informiert wird. Da sind wir in der Bringschuld. Dafür werden wir von der Öffentlichkeit ja bezahlt“, sagt Rahmstorf. Immer, wenn irgendwo falsche Informationen stehen, erhalte er Massen an Anfragen von Journalisten und Politikern: „Die wollen wissen, stimmt denn das?“ Da sei es effektiver einen Artikel zu schreiben als in 100 Mails das Gleiche zu erklären.

Cicero-Chef Weimer erfuhr erst aus der FAZ, dass Rahmstorf unzufrieden mit Maxeiners Artikel war: „Schade, ich hätte auch gern Herrn Rahmstorfs Position gedruckt.“ Schließlich sei Cicero ein Debatten-Magazin. Juliane Wedemeyer