Wissenschaft : Jenseits von Löwen und Giraffen

Potsdamer Studenten erforschten Township-Tourismus in Südafrika

Sebastian Ehrlich

Arme und hungernde Menschen habe man erwartet sowie eine hohe Kriminalität. Und dabei offensichtlich die europäische Brille auf gehabt, sagt Manfred Rolfes, Professor am Institut für Geographie der Universität Potsdam, der im vergangenen Jahr mit 14 Studenten nach Kapstadt gereist war, um dort das Phänomen Townshiptourismus zu erforschen. Das Erste jedoch, was die Gruppe sah, war ein Bewohner beim Rasenmähen.

Townships sind eine spezifisch südafrikanische Erfindung des Apartheidregimes: In Siedlungen außerhalb der Städte wurden Farbige separiert. Um das dortige Leben zu zeigen und Vorurteile abzubauen, wie sie auch die Potsdamer Studenten hatten, begannen vor einigen Jahren Bewohner der Townships, Touren für ausländische Touristen anzubieten. Sie wollten das echte Afrika zeigen, jenseits der Löwen und Giraffen. Inzwischen sind auch große Reiseunternehmen auf diesen Zug aufgesprungen und machen sich mit teils inszenierten Touren, an denen die echten Bewohner der Townships nicht partizipieren, dort nicht gerade beliebt. Rolfes spricht von einer Boombranche. Nach Angaben der dortigen Tourismusbehörden waren im vergangenen Jahr knapp eine Million Touristen aus Übersee in Kapstadt. Etwa ein Drittel davon hat an einer Townshiptour teilgenommen. 250 Anbieter gibt es inzwischen für solche Touren.

Erforscht ist der Townshiptourismus bisher nicht. Rolfes und seine Studenten mussten also explorativ arbeiten. Sie haben Fragebögen an Touristen verteilt, und zwar vor und nach dem Besuch der Townships. Sie haben halbstandardisierte Interviews mit den Touranbietern geführt und etwas offenere Leitfadengespräche mit Townshipbewohnern. Es gibt ein kleines Museum über Townships, an dem alle Touren vorbeiführen. Auch dort verteilten sie Fragebögen . Insgesamt 14 Touren haben sie mitgemacht, waren in Schulen, Krankenhäusern, Bars und bei Heilern.

Hier in Deutschland werden die Forschungsergebnisse in Kolloquien und Publikationen präsentiert. Aber auch in Kapstadt ist man an den Ergebnissen interessiert. Vielleicht gab es ja deshalb Unterstützung durch die dortigen Behörden, die Touren vermittelt haben, an denen die Potsdamer teilnehmen konnten.

Den Kontakt hatte ein ehemaliger Student von Manfred Rolfes hergestellt: Malte Steinbrink promoviert gerade über Migrationsbewegungen in Townships und kennt die richtigen Ansprechpartner vor Ort. Als Gegenleistung für die Unterstützung durch einen Touranbieter mussten die Studenten zu einem Fußballspiel in einem Township antreten: zweimal 20 Minuten bei 43 Grad Celsius. Das Endergebnis aus Potsdamer Sicht lautete eins zu sechs.

Die anfängliche Angst davor, in die Townships zu gehen, war schnell verflogen. Warnungen vor der Kriminalität erwiesen sich als weitgehend haltlos. Natürlich gibt es dort viel Armut, sagt Rolfes, vor allem wenn man Europa als Maßstab nimmt. Aber es gibt auch Bewohner mit ordentlich bezahlten Jobs in der Stadt, und zwischen den Hütten stehen normale Häuser.

Sich beim Besuch der Townships wie im Zoo vorzukommen – eine Befürchtung, die übrigens auch viele Touristen äußerten – löste sich in Luft auf, als die Bewohner der Townships die Ankömmlinge in ihren Bussen mit dem Handy fotografierten. Sebastian Ehrlich