• Interview mit Potsdamer Militärhistoriker: „War Fontane ein Kriegstreiber?“

Interview mit Potsdamer Militärhistoriker : „War Fontane ein Kriegstreiber?“

In den Werken von Theodor Fontane steckt deutlich mehr als die schöne „Mark Brandenburg“. Es ging in seinen Schriften auch um Krieg, Tod und Verwundung. Ein Gespräch mit dem Potsdamer Militärhistoriker Harald Potempa.

Ein Brief des Schriftstellers Theodor Fontane aus dem Fontane Archiv in Potsdam.
Ein Brief des Schriftstellers Theodor Fontane aus dem Fontane Archiv in Potsdam.Foto: Bernd Settnik/dpa

Herr Potempa, Sie haben sich mit Theodor Fontane als Militärschriftsteller befasst. War der berühmte Autor ein Kriegstreiber?

Fontane hat wie sehr viele über den Krieg geschrieben, aber er ist nicht als Kriegstreiber zu bezeichnen. Sein Vater war Veteran der Befreiungskriege und hat von Schlachtfeldern erzählt. Und es war immer klar: Es gibt ein Ungesagtes am Krieg, worüber der Vater offensichtlich nie gesprochen hat. Fontane hat sich auch deshalb früh für Schlachtfelder im Umkreis von Berlin und Potsdam interessiert. Etwa für die Schlacht bei Großbeeren und die Schlacht bei Fehrbellin. Und man merkt, dass in seinen Gedichten ein Wandel mit ihm durchgeht.

Inwiefern?
Es geht um seine drei Gedichte zum siegreichen Einzug der Truppen in den Jahren 1864, 1866 und 1870/1871. Der Tenor des Gedichtes zum Einzug 1864 war: Jawoll, wir haben gesiegt, es war anstrengend. Dabei stellte Fontane die einzelnen Regimenter vor. Besonders deutlich ist das Ende des Gedichtes, wo es heißt: „Präsentiert vor König Fritz (…) Der neigt sich leise und lüpft den Hut: ,Konzediere, es war gut.’“

Harald Potempa vom Potsdamer Bundeswehr-Institut für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften (ZMSBw). 
Harald Potempa vom Potsdamer Bundeswehr-Institut für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften (ZMSBw). Foto: René Garzke

Und wie war es zwei Jahre später?
Da ist es schon ein bisschen anders. In Fontanes Gedicht ist da die Rede von: „Wir zahlten die Steuer mit Blut und Schweiß.“ 1870/71 endet das Ganze und in Fontanes Gedicht stehen die Soldaten „vor des Großen Königs ernster Gestalt“. Er beugt sich nieder und sagt: „Bon soir, Messieurs, nun ist es genug.“ Fontane spricht in dem 70er-Krieg die Verluste der Regimenter sehr viel deutlicher an als zuvor. Es wurde ihm im Laufe der Zeit sehr viel klarer, was Krieg bedeutet. Ich meine, bei seinen Gedichten zu spüren, dass ihn die dramatisch gestiegene Zahl der Verluste persönlich entsetzt hat.

Also hat Fontane die Konflikte eher düster dargestellt?
Da muss man drei Dinge unterscheiden. Zum ersten seine Lyrik. Da schreibt er zum Teil begeisterte Dinge über den „Tag von Düppel“, zum Beispiel: „Sechs Colonnen. Ist das ein Tritt! Der Sturmmarsch flügelt ihren Schritt“. In seinen drei Sachbüchern zu den Kriegen macht er es sehr viel nüchterner. Und dabei zählt er nach den Schlachten die Verluste – Gefallene, Verwundete und Gefangene. Er weist dabei auch auf die dramatischen Offiziersverluste hin, die die Preußen gehabt haben. Er spart dabei nichts aus, aber er macht es eher wissenschaftlich-nüchtern.

Und der dritte Punkt?
Das ist natürlich sein literarisches Werk. Als ich mich mit seiner Prosa auseinandergesetzt habe, war meine Ausgangsfrage: In welchen seiner Romane, Novellen und Erzählungen kommen Militärs vor? Ich bin aber ziemlich schnell darauf gekommen, dass die Frage völlig falsch gestellt ist. Richtig muss sie lauten: In welchen Werken kommen keine Militärs vor?

Militärs spielen also häufig eine Rolle.
Ja, definitiv. In der Familiengeschichte in seinem Roman „Die Poggenpuhls“ schildert er zum Beispiel eine verwitwete Frau Major, deren Mann im 70er-Krieg gefallen ist. Auch hier werden Verluste angesprochen. Das, was Krieg mit Menschen anrichtet, thematisiert Fontane beispielsweise in seinem Roman „Quitt“. Das ist eine Wilderer-Geschichte: Zwei waren im Krieg, der eine hatte die Führung eines Zuges übernommen – dem hätte also das Eiserne Kreuz zweiter Klasse zugestanden. Der andere hat ihn aber darum betrogen. Und der Neid zwischen den beiden gipfelt zum Schluss darin, dass der eine mutmaßlich den anderen erschießt. Die Nachwirkungen von Krieg und Militär kommen bei Fontane also in unterschiedlicher Art und Weise vor.

Wie sah seine Arbeit an den Kriegsbüchern aus?
Zunächst einmal ist er kein klassischer Kriegsberichterstatter. Fontane fährt immer dann los, wenn die Hauptkampfhandlungen beendet sind. Er war nie dort, wo es wirklich geknallt hat. Stattdessen hat er sich hinterher das Terrain angeschaut, mit Zeitzeugen gesprochen und andere Werke ausgewertet. Und er hat sich das Ganze scheibchenweise erschrieben. Teile seiner Kriegsbücher sind vorab immer wieder in Zeitungen erschienen – und erst Jahre später schrieb er seine drei großen „Wälzer“.

Wird Fontane beim Thema Krieg auch mal emotional?
Ja, zum Beispiel beim Krieg 1866. Da hat er extra einen Bereich über Lazarett und Krankenpflege in seinem Buch. Dabei stellt Fontane entsetzt fest, dass die Zahl der Toten durch Cholera und Typhus mit 6000 Toten wesentlich höher ist als die Zahl der im Gefecht Gefallenen auf preußischer Seite. Das waren „nur“ 4000.

Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in der Potsdamer Zeppelinstraße.
Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in der Potsdamer Zeppelinstraße.Foto: ZMSBw

War Fontane selbst im Militär verankert?
Er lebt natürlich in einer Zeit, in der es eine allgemeine Wehrpflicht gegeben hat. Er selbst hat verkürzt ein Jahr freiwillig bei einem Garderegiment gedient. Insofern ist er natürlich dem Militär zugewandt. Er ist kein Pazifist, hat Freunde und Bekannte aus dem militärischen Umfeld. Das alles ist ihm vertraut. Als Zivilist und Dichter ist er aber sicherlich professionell distanziert, aber dem Militär gegenüber nicht feindlich eingestellt.

Wie wurde Fontanes literarisches Militär-Faible zu seinen Lebzeiten rezipiert?
In der Richtung habe ich Fontane tatsächlich nur ganz begrenzt untersucht. Teile seiner Romane und Erzählungen sind natürlich auch damals Publikumserfolge gewesen. Mir ist nicht bekannt, dass es damals Kritik daran gegeben hätte, dass seine Geschichten im militärischen Milieu spielten. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass das Militär in dem Kaiserreich, in Preußen, allgegenwärtig war.

Fontane war auch an den Barrikadenkämpfen der Märzrevolution beteiligt. Verehrt Brandenburg mit dem diesjährigen Fontane-Jahr also einen radikalen Straßenkämpfer?
Ja, er war wohl an diesen beteiligt. Allerdings nur mäßig. Aber er wechselt dann sozusagen die Fronten und fängt an, ausgerechnet bei der Kreuzzeitung zu schreiben. Das ist die konservative Vorkämpferin in der Epoche nach der 48er-Revolution gewesen.

Also war er kein radikaler Straßenkämpfer?
Auch da wird wohl ein Wechsel in ihm vorgegangen sein. Er ist sicherlich begeistert von Teilen der Ideen von 1848. Aber nach dem, was ich weiß, hat er sich daran beteiligt. Mit Sicherheit jedoch hat er die radikalen Dinge auch durchschaut. Ich denke, er ist kein Radikaler gewesen.

War er denn konservativ?
Er geht sicher eher in die konservative Richtung. Aber stärker in die konservativ-preußische Richtung. Was er nicht oder nur begrenzt mitmacht, ist der nationale Umschwung im Kaiserreich in Richtung „Deutschtum hurra“. Das habe ich bei ihm nicht festgestellt.

Und heute? Wie bekannt ist diese Seite Fontanes?
Sie ist sicherlich bekannt. Allerdings wird das nach meinem Kenntnisstand nicht gesondert thematisiert. Wir haben bei dem Jubiläumsjahr „Fontane 200“ sehr stark den Dichter der Mark und den großen Romancier Preußens im Vordergrund. In der gleichnamigen Fontane-Biografie (Anm. d. Red.: „Der Romancier Preußens“) wird natürlich auch das Militär gestreift. Aber ich habe nicht unbedingt gelesen, dass das größer thematisiert wird. Und das, obwohl er ja sogar drei Kriegsbücher geschrieben hat. Mein Eindruck ist, dass die Germanisten sich eher seinen belletristischen Werken und weniger den „Sachbüchern“ widmen. Den Liebhabern der „Wanderungen“ hingegen kommt die schöne Mark Brandenburg in diesen Büchern zu kurz. Das Militärische bei Fontane fällt somit irgendwie durch alle Raster, so ist mein Eindruck.

Müsste das gerade jetzt im Fontane-Jahr mehr eine Rolle spielen?
Nein, nicht zwingend. Man muss sich nur klarmachen: Das Militärische gehört bei Fontane dazu. Insgesamt hat er zwölf Jahre seines Lebens lang allein an seinen drei Kriegsbüchern gearbeitet. Die haben zusammengenommen dreieinhalbtausend Seiten. Das Militärische ist ein Teil von ihm und nicht nur Beiwerk gewesen.

Das Gespräch führte René Garzke.

Zur Person: Harald Potempa (55) ist Historiker am Potsdamer Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw). Er forscht unter anderem zur Tradition der Bundeswehr.

Hintergrund: Am Sonntag findet im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Am Neuen Markt 9) die 15. Potsdamer Geschichtsbörse statt. Im Mittelpunkt steht unter dem Motto „Journalist, Historiker. Und noch mehr?“ das Wirken Theodor Fontanes. Von 10 bis 16 Uhr werden zahlreiche Vorträge zum Thema gehalten. Harald Potempa spricht dabei über das Militär in Fontanes Werken. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht erforderlich.