• Holocaust: Widerstand gegen NS-Deutschland war riskant, aber möglich

Holocaust : Widerstand gegen NS-Deutschland war riskant, aber möglich

Das Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum fragt nach der Mittäterschaft europäischer Länder am Holocaust.

Mit Deutschland kollaborierende Regierungen waren nicht nur Marionetten.
Mit Deutschland kollaborierende Regierungen waren nicht nur Marionetten.Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Ein heikles und sensibles Kapitel des Holocaust hat das Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ) nun aufgeschlagen. Mit einer multilateralen Konferenz im Mai in Rom haben die Wissenschaftler nach der Rolle der Kollaboration europäischer Länder mit NS-Deutschland gefragt. Kollaboration mit dem NS-Staat und Mittäterschaft war im Zweiten Weltkrieg in vielen europäischen Ländern anzutreffen, unter anderem etwa in Frankreich, den Niederlanden, Lettland, Norwegen oder Ungarn. „Die Komplizenschaft hatte verschiedene Facetten, politische, ideologische, wirtschaftliche wie auch militärische", erklärt Martina Bitunjac vom MMZ, die die Konferenz in Zusammenarbeit mit der römischen Universität Sapienza organisiert hat.

Finanzieller Profit 

Die Kollaboration war auch unterschiedlich stark ausgeprägt: So kämpften beispielsweise ungarische, slowakische, kroatische, italienische und rumänische Streitkräfte an der Ostfront Seite an Seite mit den Deutschen. Auch eine Mittäterschaft in Bezug auf die Judenverfolgung war in vielen Ländern gegeben, die meisten Länder stellten den Nationalsozialisten dafür ihre Sicherheitskräfte zur Verfügung, die bei Hausdurchsuchungen und Deportationen den Deutschen behilflich waren. In den jeweiligen Ministerien wurden die jüdischen Personalien und deren wirtschaftliche Situation erfasst. „Die ,Judenfrage’ klärte Deutschland mit kollaborierenden Ländern auf ministerialer Ebene“, so Bitunjac, die sich unter anderem auf ein siebenseitiges ausführliches Schreiben des Auswärtigen Amtes vom 21. August 1942 bezieht, das heute in der Gedenkstätte Yad Vashem archiviert ist.

Was in Deutschland begann, griff auch auf andere Länder Europas über. SA-Männer kleben ein Plakat mit der Aufschrift "Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden" an die Schaufensterscheibe eines Geschäfts, das in jüdischem Besitz ist (undatiertes Archivfoto). 
Was in Deutschland begann, griff auch auf andere Länder Europas über. SA-Männer kleben ein Plakat mit der Aufschrift "Deutsche!...Repro: dpa

Bei der Abwicklung des administrativen Holocausts hatten die Nationalsozialisten den jeweiligen Ländern „Judenberater“ zur Verfügung gestellt. „Regierungen profitierten finanziell von der Deportation der Juden“, so Bitunjac. Wohnungen und Unternehmen jüdischer Eigentümer fielen den jeweiligen Ländern zu. „Die Deutschen garantierten, dass die ‚nach Osten’ Deportierten nicht mehr in ihre Heimatländer zurückkehren würden.“ Aus dem Dokument geht hervor, dass verschiedene Länder an der Judenverfolgung und Deportation eigene Interessen hatten, dass sie mitwirkten und sich auch finanziell an der Deportation beteiligen – und dass sie sich das Vermögen von Juden aneigneten. Hier ist auch nachzulesen, wie sich Kroatien aktiv bei Italien beschwert hat: In der italienisch annektierten Zone Kroatiens würden sich Juden befinden, die man deportieren wolle, während die Italiener weniger Interesse an der Judenverfolgung zeigten. „Kroatien machte in der Sache politischen Druck und hatte es im Zuge der ,Arisierung’ auf den jüdischen Besitz abgesehen“, sagt Bitunjac.

Flucht in die italienische Zone 

Italien weigerte sich anfangs die Juden zu verfolgen. Im September 1938 wurden wohl aus Opportunismus und innerparteilicher Radikalisierung die Rassengesetze dann doch eingeführt. „In Italien war der Antisemitismus weniger ausgeprägt. Der italienische Faschismus richtete sich in seinen Anfängen nicht gegen die jüdische Bevölkerung. So gab es in Mussolinis faschistischer Partei auch Juden in führenden Positionen“, erklärt Bitunjac. Um sicher vor der Auslieferung zu sein, flüchteten Juden unter anderem aus Bosnien-Herzegowina in die damalige italienische Zone auf kroatischem Terrain.

Aus dem NS-Dokument geht auch hervor, dass es möglich war, Deportationen zu verzögern oder gar zu stoppen, wenn es die innenpolitische Situation erforderte. So gab es in der Slowakei Proteste der Geistlichen und Unruhen, worauf die Politik dann einging – die Slowakei stoppte die Deportationen bis das Land im September 1944 selbst besetzt wurde.

Offenbar gab es in einigen Ländern verschiedene Stufen der Kollaboration. Als absehbar war, dass der Krieg verloren ist, waren die einstigen Kollaborateure an einer solchen Zusammenarbeit nicht mehr interessiert. Nach der Entscheidungsschlacht in Stalingrad im Jahre 1943 versuchten beispielsweise Teile der ungarischen Regierung mit den Alliierten zu kooperieren.

„In der Praxis fand die Judenverfolgung unter deutscher Regie statt, jedoch musste dafür in den kollaborierenden Staaten, selbst in Luxemburg, wenig Druck ausgeübt werden“, sagt die Historikerin. In den besetzten Ländern im Osten Europas, wo Hitler seine Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik zur Sicherung des „Lebensraums“ vorantrieb, habe die freiwillige Kollaboration Einzelner von der Härte der Besatzungsmacht abgehangen. „Aber auch dort gab es Kollaboration auf verschiedenen Ebenen“, so Bitunjac. Als besonders hartnäckig hätten sich unter anderem einige Länder wie etwa Ungarn gezeigt. „Dort und anderswo wurden bereits in der Zwischenkriegszeit, also unter eigenen Antrieb, antijüdische Gesetze erlassen.“ Antisemitismus und Nationalismus waren europaweit verbreitet.

Frankreich hingegen habe anfangs die Auslieferung der Juden mit französischer Staatsangehörigkeit verzögert; was bei den ausländischen Juden sehr wohl gewollt war, sie wurden bereits 1940 in deutsche Konzentrationslager deportiert. „Alle kollaborierenden Regierungen von Serbien bis Belgien – beide standen unter deutscher Militärverwaltung – verfügten über ein gewisses Maß an Entscheidungs- und Handlungsspielräumen“, erklärt die Historikerin. Sie waren nicht nur Marionetten, sondern hätten sich vor allem verwaltungstechnisch und sicherheitsdienstlich an der „Endlösung“ der „Judenfrage“ beteiligt. „Die Ausübung von Widerstand dagegen war manchmal zwar riskant, aber durchaus möglich und effektiv.“ So gelang es Bulgarien, Finnland und Dänemark zumindest teilweise Auslieferungen von Juden an die Deutschen zu unterbinden.

Die Rolle der Judenräte

Der Grundfrage nach der Möglichkeit von Widerstand nahm sich auch MMZ-Gründungsdirektor Julius H. Schoeps auf der Konferenz in Rom an. Er fragte nach der Rolle der Judenräte, die die furchtbare Aufgabe hatten zu entscheiden, wer aus einem Ghetto ausgeliefert werden sollte. Anders als Hannah Arendt, die seinerzeit den Judendräten Kollaboration vorwarf, betonte Schoeps, dass die Räte gezwungen waren zu handeln. „Die Zumutung solche Todeslisten durch Juden erstellen zu lassen, zeigt die perfide Brutalität des NS-Regimes. Eine Weigerung der Judenräte hätte womöglich augenblicklich noch mehr Menschen in den Tod gerissen“, so Bitunjac. Schoeps gibt zu bedenken, dass die Mitglieder der Judenräte vielleicht beides in einer Person waren: Verräter und Held. Diese Frage sei bis heute nicht eindeutig zu beantworten. „Den Stab sollte man deshalb nicht voreilig über die Judenräte brechen“, so Schoeps.

Christlich geprägter Antijudaismus

Bei der Frage nach den Motiven der Länder gibt es ein unterschiedliches Bild. In Polen gab es zum Beispiel regional große antisemitische Vorbehalte, wie das Massaker von Jedwabne – ein mörderisches Pogrom polnischer Bürger an rund 1600 jüdischen Einwohnern der Kleinstadt im Nordosten Polens am 10. Juli 1941 – zeigt. „Das besetzte Polen hat zwar außerordentlich unter dem nationalsozialistischen Terror gelitten und es gab dagegen Widerstand, andererseits war dort Antisemitismus auch in Form von christlich geprägten Antijudaismus vorhanden“, erklärt Bitunjac. Zum antisemitischen Feindbild gehörte zusätzlich der politische Vorwurf, Juden seien Kommunisten und Kollaborateure der Sowjets.

Andererseits galt in anderen Staaten das Prinzip des Abwägens und Abwartens. Länder wie Frankreich und die Niederlande versuchten so Zeit zu gewinnen. Grundsätzlich verursachte der Verfolgungsdruck der Nationalsozialisten auch einen gewissen Zwang, niemand wollte seine Familie in Gefahr bringen. So hatten sich beispielsweise Polizisten aus der niederländischen Gemeinde Grootegast geweigert, Juden zu deportieren. Der niederländische Polizeichef de Boer stellte ein Ultimatum, schließlich wurden beteiligte Polizisten nach ihrer Weigerung zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt.

Ein anders Motiv war politisches Kalkül und nationale Vorteilssicherung auch für die Zeit nach dem Krieg, da man an davon ausging, dass Deutschland den Krieg gewinnen werde. Ukrainische und ungarische Nationalisten wiederum erhofften sich durch die Zusammenarbeit mit Deutschland die Realisierung ihrer nationalen Souveränitätsansprüche und Expansionsbestrebungen. Aber auch wirtschaftlicher Profit hätten bei vielen Ländern eine Rolle gespielt.

Das betraf nicht nur die Regierungen, sondern auch Einzelpersonen. „Denunziationen von Juden und anderen Verfolgten wurden aus verschiedenen Gründen vorgenommen: Aufstiegsmöglichkeiten, persönliche Motive wie Neid, ideologische Ansichten, Selbstschutz, Kommodität oder Korruption. Es war einfach unliebsame Personen verschwinden zu lassen; sie zu schützen erforderte dagegen enormen Aufwand und Mut“, sagt die Forscherin. Letztlich gab es natürlich auch Staaten, die versuchten ihre Neutralität zu bewahren, die Schweiz und Schweden zum Beispiel, die allerdings wirtschaftlich sehr stark mit Deutschland zusammenarbeiteten und so dennoch die deutsche Kriegsmaschinerie unterstützten.

Gegenwärtiger Revisionismus

Bis heute haben sich viele europäische Länder dem dunklen Kapitel der Kollaboration nicht geöffnet. Vor allem in den einstigen undemokratischen Ostblockstaaten ist Geschichtsrevisionismus stark vertreten. Kollaborateure wurden seinerzeit massenweise ohne Gerichtsverfahren ermordet, etwa in Frankreich und dem ehemaligen Jugoslawien. „In der Nachkriegszeit wurde dann die Geschichte des landeseigenen Widerstands in den Vordergrund gestellt. Helden wurden gefeiert. Die einheimische Kollaboration dagegen wurde unter den Tisch gekehrt“, sagt Bitunjac. Man habe sich dafür geschämt und die alleinige Schuld den Nationalsozialisten, den Deutschen insgesamt, zugeschoben.

Und weil die Eigenbeteiligung verdrängt und nicht objektiv aufgearbeitet worden sei, bestehe die Problematik in den betroffenen Staaten weiter. So könne der Rechtspopulismus heute das Thema ausklammern. In Polen wurden sogar Gesetze geändert und Wissenschaftler unter Druck gesetzt, um das Bild der eigenen Nation nicht zu beflecken. Ähnliche Entwicklungen finden sich heute in Ungarn und den baltischen Ländern oder auch Kroatien. Bitunjac berichtet davon, wie ein Buch, in dem das kroatische Vernichtungslager Jasenovac zu einem einfachen Arbeitslager entschärft wird, im staatlichen Rundfunks Kroatiens vorgestellt wurde. „Die Revisionisten finden heute wieder Gehör, das ist eine sehr besorgniserregende Entwicklung.“

Das Thema ist offenbar noch lange nicht abgeschlossen – wenn es das überhaupt jemals sein kann. Der renommierte Historiker und Nazi-Jäger Serge Klarsfeld appellierte dann auch in Rom an den akademischen Nachwuchs: Jede Generation müsse immer wieder für historische Aufklärung kämpfen.