• Forschung an der Filmuniversität Babelsberg: Interview als Kunst

Forschung an der Filmuniversität Babelsberg : Interview als Kunst

An der Filmuniversität Babelsberg werden nicht nur Filme gedreht. Es wird auch geforscht - künstlerisch, technologisch und medientheoretisch.

Richard Rabensaat
Seitdem die Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam Babelsberg in eine Universität überführt wurde, wird dort auch geforscht.
Seitdem die Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam Babelsberg in eine Universität überführt wurde, wird dort...Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Andy Warhols „Flowers“ flackern in verschiedenen Variationen über den Bildschirm. Den Siebdruck hat die Künstlerin Cornelia Sollfrank abgefilmt und ins Internet gestellt. Der Nutzer der Seite kann Variationen des Druckes per Knopfdruck erzeugen. Sie produziere Bilder, aber eigentlich seien ihre Kunstwerke gar nicht sichtbar, meint Sollfrank. Die Forschung, der Erkenntnisgewinn, das interessiere sie. Ob Sollfrank daher eher eine Wissenschaftlerin oder eine Künstlerin ist, möchte auch das Institut für künstlerische Forschung an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf herausfinden.

Die Auseinandersetzung mit Warhols „Flowers“ war risikoreicher, als Sollfrank zunächst vermutet hatte. Prompt meldeten sich die Eigentümer der Rechte an dem Siebdruck. Sie beschwerten sich über die ihrer Ansicht nach unberechtigte Nutzung des amerikanischen Kunstwerkes. Dabei hatte Sollfrank überhaupt nicht vor, die Bilder zu verkaufen, die ihr Netzgenerator produzierte. Sie habe sich aber unberechtigt über das Urheberrecht hinweggesetzt, hieß es.

Auch Warhol hatte allerdings bereits abgekupfert. „Es gibt keinen Original-Warhol“, konstatiert Sollfrank. Denn der amerikanische Künstler griff stets auf Fotovorlagen anderer zurück, die er ein wenig veränderte und dann als eigene Kunst verkaufte. Die Auseinandersetzung mit ikonografischen Kunstwerken Warhols war für Sollfrank eine Art Initialzündung. Fortan wusste sie, was sie wirklich interessierte. Nicht die Produktion auratischer Kunstwerke, sondern die Forschung zur Kunst und ihrer Rezeption.

Künstlerische Forschung als neues Feld in Deutschland

„Künstlerische Forschung“ und die Möglichkeit als Künstler zu promovieren, gibt es in Deutschland noch nicht sehr lange. In anderen Ländern, beispielsweise England, Österreich, Polen und Griechenland, ist wissenschaftliches Arbeiten auch im künstlerischen Bereich eine Selbstverständlichkeit. Sollfrank promovierte 2012 an der Universität von Dundee in Schottland über den Konflikt zwischen Urheberrecht und Kunst – und zwar als Künstlerin. Mit zahlreichen Video- und Internetarbeiten untersucht Sollfrank ihr Thema und erhält bei internationalen Ausstellungen ganz unterschiedliche Reaktionen.

Durch die Umwandlung der Babelsberger Filmhochschule in eine Universität besteht auch in Potsdam die Möglichkeit zur Promotion für die studierenden Nachwuchsfilmer. Die Kunsthochschule in Berlin ist mittlerweile auch eine Universität und bietet ebenfalls diese Möglichkeit. Was zunächst wie eine schlichte Umetikettierung wirkt, hat allerdings einen ganz handfesten Hintergrund. Denn mit dem Status der Universität und der Gelegenheit, akademische Grade zu erwerben, ist auch der Zugang zu Forschungs- und Fördermitteln verbunden. Um Gelder der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder anderer Förderwerke zu erhalten, ist eine Promotion und die entsprechende akademische Qualifizierung häufig die Voraussetzung. Die Produktion marktgängiger Kunstware bleibt dabei vollkommen außen vor.

Auch das länderübergreifende Projekt der Künstlerin Ulrike Möntmann erhielt eine umfassende Förderung als wissenschaftliches Projekt. Wie aus Kindern Drogenabhängige werden, fragt sie mit ihrem Projekt „This Baby Doll Will Be A Junkie“. In verschiedenen Gefängnissen hat Möntmann mit inhaftierten Frauen Porzellanpuppen gefertigt, die Biografien der Frauen erforscht und beides dann in Kunstvereinen und im öffentlichen Raum präsentiert. Die Förderung durch den österreichischen Wissenschaftsfonds, die Universität der Künste Wien und den Mondriaan Fonds in Amsterdam hat das Kunstprojekt ermöglicht. Entsprechend dem wissenschaftlichen Charakter des Projektes taucht der Name der Künstlerin nicht einmal im Impressum der entsprechenden Website auf. „Vorher gab es überhaupt kein Forschungsprojekt zu inhaftierten Frauen“, stellt Ulrike Möntmann fest. Wahrscheinlich weil die Zahl der inhaftierten Frauen im Vergleich zu denen der Männer relativ gering ist, hatten sich zuvor auch keine Sozialwissenschaftler oder Pädagogen mit dem Thema beschäftigt. Die Künstlerin Möntmann war die erste, die mit den inhaftierten Frauen sprach.

Wie Diagramme aus den Sozialwissenschaften

Die Ergebnisse ihrer Recherche hielt sie in Tonbandprotokollen, Diagrammen, Niederschriften und in grafischen Strukturen fest. Auf meterlangen Papierstreifen veranschaulicht sie die Auswertung von Begriffen, mit denen die inhaftierten Frauen ihr Leben beschrieben haben. Die Grafiken muten an wie Diagramme aus den Sozialwissenschaften, fußen aber nicht auf einer entsprechenden wissenschaftlichen Systematik. „Jede künstlerische Forschung muss sich ihre Methode selbst suchen“, erklärt Möntmann.

In diesen Tagen wird eine neue Internetseite mit den Forschungsergebnissen seit 2011 unter dem Titel „Outcast Registration“ erstellt. Zurzeit schreibt Möntmann den Buchtext für eine Beschreibung ihrer Gefängnisprojekte – zu künstlerischen Entscheidungen und Konsequenzen – mit drogenabhängigen Frauen in Mitteleuropa, die sie bereits seit 1997 durchführt. Das Buch soll im Herbst in der Reihe Edition Angewandte im Verlag Birkhäuser De Gruyter erscheinen.

Keine Theorie

„Künstlerische Forschung produziert Erkenntnisse, aber keine Theorie“, sagt die Potsdamer Professorin Hanne Seitz. Im Unterschied zu anderer Forschung seien die Ergebnisse im Kunstbereich häufig eben nicht reproduzierbar, es handele sich um individuelle Forschungsprozesse. Allerdings unterschieden sich diese auch wiederum von anderer künstlerischer Praxis. Denn nicht jedes Bild oder jede Skulptur sei gleich ein ausreichender Befähigungsnachweis für den Erwerb eines Doktorgrades.

 

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