• Die Ressourcen vor Ort nutzen Regionalforscher: Neue kreative Räume eröffnen

Wissenschaft : Die Ressourcen vor Ort nutzen Regionalforscher: Neue kreative Räume eröffnen

Richard Rabensaat
Kreativpotenzial. Auch leer stehende Plattenbauten sollten genutzt werden.
Kreativpotenzial. Auch leer stehende Plattenbauten sollten genutzt werden.Foto: dpa

Die Zukunft braucht einen Raum. Davon gebe es eine ganze Menge in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und überhaupt in den neuen Bundesländern, stellt Thomas Thurn vom Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung Brandenburg fest. Während der Speckgürtel Berlins wachse, setze in den weiten Flächen der neuen Bundesländer die Landflucht ein, sagte er zum 39. Regionalgespräch des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Stadtplanung (IRS), das am Montag auf dem Deck der MS Wissenschaft im Yachthafen Potsdam stattfand. Wie dagegengehalten werden kann und welche Perspektiven die drohende Ödnis vielleicht doch eröffnet, wollten die Diskutanten ergründen.

Auf der MS Wissenschaft schippert derzeit die „Mitmach-Ausstellung Zukunftsstadt“ zum Wissenschaftsjahr 2015 durch Deutschland. Das passte gut, denn eine mögliche Lösung für Städte und Gemeinden in Brandenburg sahen die Diskutanten gerade im Mitmachen. Die Öffnung neuer kreativer Räume und vielgestaltige urbane Experimente wären vielleicht eine Möglichkeit, der urbanen und ländlichen Schrumpfung entgegenzuwirken, mutmaßte Thomas Honeck, Mitarbeiter des IRS.

Zahlreiche Probleme gehen mit der ländlichen Schrumpfung einher: zusammenbrechende Infrastrukturen, Arbeitslosigkeit, Verödung ganzer Landstriche durch den Wegzug derjenigen, die eigentlich die Alterspyramide wieder verjüngen könnten. 16 Prozent Arbeitslosigkeit gebe es derzeit in der Uckermark, so Thurn. Nicht zuletzt deshalb suchen Wissenschaftler intensiv nach neuen Perspektiven und Ideen. Ausgedient hat allerdings der Mythos des quirligen Kreativen aus der Metropole, der es schafft, selbst weit abgelegene Brachflächen auf dem platten Land zu beleben.

„Jeder, der eine Lösung für ein Problem hat, ist kreativ. Das sind oft auch die Leute vor Ort“, sagte Suntje Schmidt vom IRS. Wie die Ressourcen vor Ort genutzt werden können, hätte auch eine Initiative des Asta Wittenberge gezeigt. Der Studentenausschuss sei kurzerhand weg von der Universität in eine leer stehende Plattenbauetage gezogen und vertrete nun von dort aus die Interessen der Studenten. Überhaupt liegt ein Augenmerk der Zukunftsplaner auf den Studenten, denn aus den Hochschulen und von Absolventen kommen oft neue Ideen. Beim FabLab, einem Arbeitslabor an der Universität Cottbus, erproben Studenten nicht nur den Umgang mit einer ganzen Reihe von herangeschafften Spezialwerkzeugen. Sie bieten auch offene Workshops an, bei denen Interessierte den Umgang mit 3D-Druckern ebenso lernen können wie althergebrachte Handwerkstechniken wie Stricken und Hobeln.

Der Dialog mit der Cottbuser Bevölkerung ist erwünscht und angestrebt. Tatsächlich stammten rund zehn Prozent der Workshop-Teilnehmer nicht von der Universität, stellte Christian Kunze fest, der als Maschinenbau-Student das Labor mit leitet. „Das Wissen um alte Handwerkstechniken geht verloren, wenn es nicht in Workshops vermittelt wird“, so Kunze. Dass es längerfristig nicht reichen werde, im universitären Rahmen Kreativ- und Bastelkurse anzubieten, um die ländlichen Schrumpfungsprozesse zu stoppen, war den Diskutanten klar. Darum betonte Thurn, dass Rückbauprozesse von Infrastruktur und Immobilien gelenkt werden müssten.

Dagegen hält Suntje Schmidt, die am IRS über „Gelegenheitsräume für Innovation“ forscht. „Wir können die Zukunft nicht restlos planen, sondern müssen offen für Neue Ideen sein.“ Sie berichtet vom FAB Lab Berlin, eine „offene Digital-Fabrication-Werkstatt, in der man den Umgang mit 3D-Drucker, Lasercutter und CNC-Fräse“ lernen kann. Filmstudenten, die dort vor einiger Zeit mit den vorhandenen Gerätschaften experimentiert hatten, hätten so ein neues stabiles Kamerasystem entwickelt. Daraus entstand eine gut florierende Verleihfirma. „Das zeigt, dass kreative Ideen Freiraum und auch Platz benötigen, um sich zu entfalten“, so Schmidt. Platz sei ja in den neuen Bundesländern nicht das Problem, anders als mittlerweile beispielsweise in Berlin oder Leipzig. Potsdam erwähnt sie nicht ausdrücklich. Richard Rabensaat