Wissenschaft : Der Schimmel lässt nicht auf sich warten

FH-Studenten sichern Kölner Archivgut

Astrid Priebs-Tröger
Gebürstet und von Staub befreit werden die Bücher aus dem Kölner Archiv.
Gebürstet und von Staub befreit werden die Bücher aus dem Kölner Archiv.Foto: dpa

Seit Montag sind Susann Gutsch und zehn ihrer Kommilitonen in Köln. Die Studierenden des Fachbereichs Informationswissenschaften der Fachhochschule Potsdam helfen mit bei der Sicherung der verschütteten Archivalien des eingestürzten Kölner Stadtarchivs. Freiwillig gemeldet haben sie sich schon kurz nach der Katastrophe. Doch es dauerte fast drei Wochen, ehe sie sich wirklich vor Ort engagieren konnten. Jetzt arbeiten sie für sechs Tage in einer mehrstöckigen Halle in Köln-Porz, in die jeden Tag mehrere Lkw-Ladungen mit unzähligen Kartons voller Archivgut gebracht werden.

„Es ist sehr unterschiedlich, in welchem Zustand wir das Material aus den Kisten herausziehen“, sagt die 22-Jährige. „Zum Teil sind die Sachen unversehrt, nur ein bisschen staubig, doch manchmal kommen auch Akten oder Bücher in kleinen Schnipseln.“ Als angehende Archivarin blutet ihr das Herz, „wenn wertvolles kulturelles Erbe so schwer beschädigt ist“. Dennoch, da ist sich die Studentin sicher, ist einiges zu retten. Sie selbst arbeitet in einer Abteilung, in der untersucht wird, welche Schäden die sicher gestellten Archivalien aufweisen. Bei Feuchtigkeit muss schnell gehandelt werden, denn der Schimmelbefall lässt nicht lange auf sich warten. Etwas ganz besonders Wertvolles ist ihr noch nicht in die Hände gefallen, aber Kommilitonen bekamen bereits kostbare Handschriften aus dem 15. und 16. Jahrhundert zu Gesicht.

Den Potsdamer Studenten, die Dokumentare, Archivare oder Bibliothekare werden wollen, stehen in Köln erfahrene Kollegen zur Seite, von denen die Freiwilligen jede Menge lernen können. So gesehen ist ihre spontane Hilfsaktion ein Intensivpraktikum mit weitreichenden Effekten. Notfallplanung wird auch während des Studiums gelehrt, doch „das hier ist realer, als man es sich je vorgestellt hat“, sagt Susann Gutsch. Ihr ist anzumerken, dass sie der Anblick der Unglücksstelle in der Kölner Innenstadt – ein riesiger Schuttberg mit einem Dach darüber – nicht unberührt gelassen hat.

Neben der täglichen Schicht von 15 bis 22 Uhr bleibt indes noch genug Zeit, die Rheinmetropole zu entdecken. Die elf Studenten der Fachhochschule haben unter anderem dem Dom und dem Schokoladenmuseum einen Besuch abgestattet. Und sind trotz der ungewohnten Arbeitsanstrengungen guter Stimmung, weil sie spüren, dass ihre Hilfe bei der Sicherung der geretteten Archivmaterialien wirklich gebraucht wird und dass sie hier gern gesehen sind.

Die Fachhochschule Potsdam bietet als einzige Hochschule in Deutschland einen Archivstudiengang an. Ihre Studierenden sind somit für einen solchen Einsatz prädestiniert. Geplant ist, dass eine weitere Gruppe im Mai nach Köln reist und eine Studentin ihre Diplomarbeit über Notfallpläne in Archiven schreiben wird. Astrid Priebs-Tröger

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