Ausbruch des Zweiten Weltkriegs : Was in Gleiwitz wirklich geschah

Vor 80 Jahren begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Warum der vermeintliche Angriff auf den Sender Gleiwitz nicht wirklich der Auslöser dafür war und warum bereits damals der Luftkrieg begann, erklärt der Potsdamer Militärhistoriker John Zimmermann im PNN-Interview.  

Beim Einmarsch in Polen am 1.9.1939 reißen Soldaten der deutschen Wehrmacht einen Schlagbaum an der deutsch-polnischen Grenze nieder. Am selben Tag verkündet Hitler vor dem Berliner Reichstag mit dem Ausspruch "Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen..." den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.
Beim Einmarsch in Polen am 1.9.1939 reißen Soldaten der deutschen Wehrmacht einen Schlagbaum an der deutsch-polnischen Grenze...Foto: picture alliance / dpa

Herr Zimmermann, ich habe in der Schule gelernt, dass der Überfall auf den Sender Gleiwitz in Oberschlesien, damals unweit der deutschen Grenze, am 31. August 1939 der Auslöser des Zweiten Weltkrieges war. Warum soll das nicht mehr stimmen? 
Weil der Auslöser des Zweiten Weltkriegs allein der Wille von Adolf Hitler war, diesen Krieg zu führen – und nicht ein fingierter Überfall auf einen Sender. Letztlich war es Hitlers Ziel, diesen Weltkrieg zu entfachen, dabei spielt es keine Rolle mehr, was als Auslöser in Frage kam. Hitler wollte diesen Krieg, daran ließ er keinen Zweifel. Die Glaubwürdigkeit war dabei gleichgültig. Im Sieg liegt das Recht, galt für die Nazis.


Welche historischen Belege gibt es dafür, dass der Vorfall von Gleiwitz fingiert war?
Für Gleiwitz konkret nicht sehr viele. Es wurden dem Hörensagen nach damals wohl Vernehmungen geführt, aber die Protokolle fehlen. Überliefert sind die Aussagen von SS-Mann Alfred Naujocks, dem Haupttäter, und dem Abteilungsleiter im Amt Abwehr Erwin von Lahousen bei den Nürnberger Prozessen. Während erster immer von Zivilkleidung sprach sagte Lahousen aus, dass vor dem Krieg vom SD in größerer Zahl polnische Uniformen angefordert wurden. Auch der 1949 verfasste Bericht des Leiters des Senders, Postoberamtmann Erich Nittritz erwähnte die Zivilkleidung des Überfallkommandos. Das einzige, was auf polnische Mitwirkung hindeutete, war die Rundfunkansprache, in der man sich als Polen ausgab und die auch in Polnisch gesendet wurde. Wir wissen heute aber, dass der SD zuvor polnischsprachige Helfer gesucht hatte und ausgewählten Angehörigen Polnisch beibrachte. Also die Spuren führen da hin. 


Hitler selbst hatte am 22. August 1939 intern angekündigt, dass „die Auslösung des Konfliktes durch eine geeignete Propaganda erfolgen“ soll. War damit Gleiwitz gemeint? 
Nicht nur, es gab eine ganze Reihe von – fingierten – Grenzzwischenfällen. Hitler selbst sprach in seiner Reichstagsrede von 14 Vorfällen, die es zu ahnden gelte. Mit diesen Grenzverletzungen sollte die öffentliche Meinung beeinflusst werden. Dem alten NS-Muster folgend, wonach man sich nur verteidige, dass es um das aufgezwungene Friedensdiktat von Versailles geht, dass die Fesseln gesprengt werden müssten. Gleiwitz selbst wurde von Hitler nicht explizit erwähnt, wie auch von kaum einer anderen NS-Größe. Nur die Presse schrieb darüber – und zwar direkt am nächsten Morgen. 


Warum wurde der Vorfall von den Nazis selbst nicht erwähnt, wenn man ihn doch eingefädelt hatte?
Weil er dilettantisch ausgeführt war. Insgesamt war wohl keiner der fingierten Vorfälle so stichhaltig, dass man ihn durch die Propaganda ausschlachten konnte. Der Vorfall von Gleiwitz war so durchsichtig, dass bereits 1939 in der Stadt Gerüchte kursierten, dass es nur eine Aktion der Nazis selbst gewesen sein könne. Die Wachmannschaft war gewechselt worden, man hatte am helllichten Tag Zugang zum Gelände und die Täter wussten nicht, dass es nur eine Verstärkerstation war, in der kein eigenes Programm gemacht wurde. Sie mussten dann ein sogenanntes Gewittermikrofon für die Durchsage der vermeintlichen Attentäter nehmen, das sie erst suchen mussten. Das war insgesamt für direkte Propaganda zu schlecht gemacht, kaum jemand bekam von dieser Sendung etwas mit. Dennoch war es eine konzertierte Aktion, was dadurch deutlich wird, dass am nächsten Tag bereits die NS-Presse voll davon war. Schnell überdeckten dann aber die Siegesmeldungen des Krieges den Vorfall.


Die Aktionen liefen unter dem Tarnnamen Unternehmen Tannenberg – worauf bezog sich das? 
Es gibt keine Dokumente dazu. Man könnte spekulieren, ob es mit dem heute polnischen Ort Zabrze zusammenhing, der in der Nähe lag und sich 1915 freiwillig in Hindenburg umbenannte, nach dem Sieger der Schlacht von Tannenberg 1914. Vielleicht wurde das mit dem Propaganda-Ansatz verknüpft, dass die Deutschen sich gegen die Polen oder Slawen wehren müssen. In Anlehnung an die Schlacht von Tannenberg – einem damaligen Symbol für den gerne so inszenierten Abwehrkampf des Germanentums gegen die Slawen. 


Warum hatten die Nazis überhaupt solche fingierten Vorfälle als Vorwand nötig? 
Das folgte dem klassischen Muster nach dem zuvor schon Außenpolitik vom NS-Staat betrieben wurde: dass man sich als Opfer wehren müsse. Was freilich der Klassiker der Weltgeschichte ist, weswegen Kriege begonnen wurden. Der noch viel wesentlichere Grund lag aber darin, dass Hitler spätestens mit der Sudetenkrise im Herbst 1938 erkennen musste, dass die Kriegsbegeisterung in der deutschen Bevölkerung zumindest nicht so groß war, wie er sich das gewünscht hätte. In der Reichstagsrede zählte er noch einmal die Hintergründe und Motive seines Handelns auf, allem voran das Zerreißen der Ketten von Versailles – die alte Klammer, die die Nazis überhaupt erst so erfolgreich gemacht hatte. Zweitens stellte er den Pakt mit der Sowjetunion, der doch große Teile der deutschen Öffentlichkeit irritiert hatte, als Symbol seines Friedenswillens dar. Damit verschärfte er die Lage weiter: Wenn er sogar bereit sei, sich mit den „Bolschewisten“ zu einigen, dann hätten doch die Polen auch die Chance gehabt, auf ihn zuzukommen. Da sie das aber nicht taten, hätte es keine andere Lösung als Krieg gegeben, so der Tenor. Das hatte innenpolitisch eine viel größere Bedeutung als außenpolitisch, denn in der Welt glaubte ohnehin niemand mehr, dass Deutschland zu seiner Verteidigung handelte. 


Hitler sprach dann am 1. September vor dem Reichstag. „Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!“ so das bekannte Diktum. Also bezog man sich doch indirekt auf den selbst geschaffenen Vorwand.
Schon, aber Hitler nannte nur einfach die Summe der angeblichen Grenzverletzungen, keine einzelnen Vorgänge wie Gleiwitz. Bereits um 4 Uhr 37 begann der deutsche Luftangriff auf Wielun, um 4 Uhr 47 feuerte das Schulschiff „Schleswig-Holstein“ auf die Danziger Westerplatte, Hitler hatte sich um eine gute Stunde vertan. Zumal es schon vorher in der Nacht Kommandoaktionen gab. Im Grunde hatte die Reichstagsrede der deutschen Öffentlichkeit klar machen sollen, worum es in diesem Krieg geht, dass man aus der verteidigenden Position heraus agiert, als Opfer von Versailles. Der Krieg müsse geführt werden, um den geknechteten deutschen Landsleuten zu Hilfe zu kommen – das war die Botschaft. 
 

Was war der tatsächliche Hintergrund des deutschen Angriffs?

Der Überfall auf Polen zielte auf die Vernichtung des polnischen Staates und seiner gesellschaftlichen Eliten ab. Eigens zusammengestellte Mörderbanden aus SS-, SD- und Polizei-Angehörigen, die „Einsatzgruppen“, ermordeten polnische Staatsbürger, die längst im „Sonderfahndungsbuch Polen“ aufgelistet waren. Unter Mithilfe der deutschen Minderheit in Polen umfasste es etwa 61 000 Namen von Ärzten, Lehrern, Juristen, Militärs, Professoren, katholischen Geistlichen sowie Vertretern von Parteien und Gewerkschaften. Die Wehrmacht sorgte dabei nicht nur für Unterkünfte, Versorgung und Kraftfahrzeuge der „Einsatzgruppen“, sie beteiligte sich von Anfang an auch aktiv an Vernichtungsmaßnahmen. Mit Verteidigung hatte das gar nichts, mit der „Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtsloser Germanisierung“, wie es Hitler der militärischen Führung bereits 1933 angekündigt hatte, alles zu tun. Der Krieg im Osten Europas war der Krieg, um den es dem deutschen Diktator von Anfang an gegangen war.


Was weiß man heute über die Zeitspanne nach dem Angriff auf den Sender bis zum Beginn der Kampfhandlungen und Hitlers Reichstagsrede? 
Meldungen zu Grenzverletzungen hatten die Zeitungen bereits seit gut zehn Tagen immer wieder gebracht. Nun am frühen Morgen des 1. September war in den Frühausgaben die Sache von Gleiwitz nachzulesen. Es wird von einem polnischen Freiwilligenkorps berichtet, von schlesischen Aufständischen, von einem Angriffssignal polnischer Freischärler auf deutsches Gebiet. Und zwar in den Leitartikeln, allen voran im Völkischen Beobachter natürlich. Während das gelesen wurde, kam die Rundfunkansprache des „Führers“, der erklärte, dass er nun handeln musste. Weil die angeblichen Übergriffe eine Dimension angenommen hätten, die sich die „ehrenhafte Großmacht“ Deutschland nicht mehr gefallen lassen könne. Parallel dazu begann der Krieg. Insofern hatte die Nachricht von Gleiwitz ab dann gar keine Zeit mehr, sich weiter zu verbreiten. Denn nun marschieren die ersten deutschen Truppen in Polen ein. Es gab andere Nachrichten. 


Welche Dynamik hat Gleiwitz nach dem Krieg erlangt? 
Gleiwitz spielte nach dem Krieg lange keine Rolle. Erst 1962 erschien der erste historische Fachaufsatz von Jürgen Runzenheimer zum Ablauf des Geschehens. Ein Jahr zuvor war die Defa-Produktion „Der Fall Gleiwitz“, wenige Tage nach dem Mauerbau, in die DDR-Kinos gekommen. In der Bundesrepublik durfte er erst 1963 gezeigt werden. Dadurch geriet Naujocks, der bis dahin ganz offen in Hamburg lebte und arbeitete, ins Visier der dortigen Staatsanwaltschaft. Sie vermochte ihm bis zu seinem Tod 1966 allerdings nichts nachzuweisen.


Der erste Angriff der Deutschen auf Polen galt am 1. September 1939 einem Ort, den heute bei uns kaum jemand kennt. 
Wielun ist bis heute ein zu Unrecht marginalisierter Luftangriff dieses Krieges. Es wird – völlig zu Recht – über viele der anderen Angriffe gesprochen, aber nicht über Wielun. Doch auch hier starben rund 1200 Menschen. Wir verlieren vielleicht auch zu sehr aus dem Blick, dass dieser Krieg zuerst nach Osten losgeschlagen war. Es traf in Wielun eine Bevölkerung, die nicht auf einen Angriff vorbereitet war, schon gar nicht aus der Luft. Mitten im Frieden wurde plötzlich eine Stadt bombardiert. Und in den Geschichtsbüchern taucht der Ort, der größtenteils zerstört wurden, kaum auf. Das sollte sich ändern.


John Zimmermann
John ZimmermannFoto: privat


John Zimmermann (51) war Projektleiter Deutsche Militärgeschichte des 19. Jahrhunderts im Forschungsbereich "Militärgeschichte bis 1945" am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam (ZMSBw)  und ist Lehrbeauftragter an der Universität Potsdam.