Wissenschaft : Auf Umwegen zum ewigen Frieden

Vortrag am Neuen Markt: „Guter Wille“ wäre schön, aber auch kluge Teufel wollen Frieden – aus Eigenliebe

Guido Berg

Ewigen Frieden gibt es nur auf dem Friedhof. Das Gleichnis zu dieser herben Wahrheit hatte Immanuel Kant bei Gottfried Wilhelm Leibniz gefunden. In der Einleitung zu seinem philosophischen Entwurf „Zum ewigen Frieden“ von 1795 verwendete Kant eine Stelle aus Leibnizens grundlegender politischer Schrift, dem „Codex Juris Gentium“. Der wichtigste deutsche Vorläufer Kants berichtete darin von einem Spaßvogel in den Niederlanden, der ein Schild an seinem Haus angebracht hatte mit der Inschrift „Zum ewigen Frieden“. Darunter hatte er das Bild eines Friedhofs gehängt. An anderer Stelle schreibt Leibniz: „Die Toten führen keine Kämpfe mehr, aber die Lebenden sind da von anderem Schlage“.

Wie der Havard-Professor Patrick Riley auf Einladung der Leibniz- und der Kant-Edition sowie des Forschungszentrums Europäische Aufklärung am Neuen Markt in Potsdam kürzlich in einem Vortrag verdeutlichte, geht es Kant um den rechten „Ewigen Frieden“ – nicht um einen Frieden der Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit unter einem „globalen Despotismus“, sondern um einen Frieden, der ständig durch die Bürger einer Weltrepublik erneuert wird.

Kant, so Riley, verdankt Leibniz nicht nur das berühmte Bild eines fatalen Friedhofs-Friedens, der noch übler ist als der Krieg. Vielmehr habe Leibniz Grundelemente der antiken Philosophie an Kant weiter gegeben – darunter die „caritas“, die Liebe, des Apostel Paulus und die „bona voluntas“, der gute Wille, des Augustinus. Als Christ, so Riley, hielt Leibniz an dem Glauben fest, dass Liebe und guter Wille schließlich zum Frieden führen können. Auch Kant zweifelt daran nicht. Doch er fragt, ob es Hoffnung auf mehr Friedfertigkeit gibt, selbst wenn sich die moralischen Beweggründe der Menschen überhaupt nie vermehrten?

Selbst böswillige „Teufel, wenn sie nur Verstand haben“, müssten sich doch mehr und mehr dem Frieden verschreiben, aus einer intelligenten Eigenliebe heraus, um so ihrer eigenen Vernichtung zu entgehen. Der Kalte Krieg bis 1989 war so ein Frieden zwischen Staaten – nicht aus gutem Willen sondern aus Überlebenswillen. Ein Umweg zum Frieden, aber ein realistischer. Kant gibt in seiner Friedensschrift in Form eines Friedensvertrages Bedingungen für einen Frieden vor, wenn er mehr sein soll, als eine Verschnaufpause zwischen den Kriegen.

So sollen in einem Friedensschluss nicht schon die Gründe für einen Krieg enthalten sein; stehende Heere sollte es nicht geben, denn sie bedrohten Nachbarstaaten mit Krieg; kein Staat sollte sich in die Verfassung und Regierung eines anderen einmischen; in einem Krieg sollte es keine derartigen Feindseligkeiten geben, die einen Frieden unmöglich machen. Weiter fordert Kant, die Verfassung in jedem Staat soll republikanisch sein, denn nur die republikanische Verfassung stütze sich auf das Recht.

Riley jedoch kapriziert sich nicht auf diese Kernaussagen Kants bezüglich der Bedingungen für einen dauerhaften Frieden zwischen Staaten. Der große Kenner und Vermittler der Leibniz“schen und Kantischen Philosophie in den Vereinigten Staaten verweist auf die Moralphilosophie des großen Königsberger Philosophen. Darin rückt Kant den Menschen in den Mittelpunkt seiner Friedenshoffnung – ein womöglich sogar für Riley ungeahnt aktuelles Feld. In seiner „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ schreibt Kant, „der Mensch und überhaupt jedes vernünftige Wesen, existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen“. Von einem Menschen als einem moralischen Wesen könne nicht weiter gefragt werden, wozu er existiere, „sein Dasein hat den höchsten Zweck selbst in sich“. Krieg aber gehe mit Personen um als bloßes Mittel zur Erreichung unerlaubter Zwecke, etwa der gewaltsamen Eroberung von Lebensraum. Das Abschlachten von Menschen in Kriegen sei eine „Umkehrung des Endzwecks der Schöpfung selbst“. Krieg verstoße gegen die Idee, dass Menschen niemandes Mittel zum Zweck sein dürfen. Denn der Mensch ist nicht für etwas da, vielmehr ist er es, „um dessen willen alles andere da ist“, wie Aristoteles schrieb.

Hartmut Rudolph, der Leiter der Leibniz-Edition, wies im Nachgang zu Rileys Vortrag darauf hin, wie aktuell in diesen Tagen im Zusammenhang mit der Aufdeckung des Falls al Masri die von Riley dargestellte Position Kants ist. Der „objektive Zweck“ des Menschen, sein „Zweck an sich“, geronnen in unveräußerliche Menschenrechte, darf nicht zugunsten „relativer Zwecke“, außenpolitischer Rücksichtnahme auf einen Verbündeten, der Schaffung einer vorteilhaften Situation für einen Geheimdienst, aufgegeben werden.